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Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber · 10.02.2018

Im Mai geht’s zur Tochter in die USA

Das Porträt: Nach 32 Jahren und vier Amtszeiten im Amt als Bürgermeister von Holzgerlingen geht Wilfried Dölker in den Ruhestand

„Es war nie mein erklärtes Ziel, Holzgerlingen schnell wachsen zu lassen und zur führenden Kommune auf der Schönbuchlichtung zu machen“, sagt Wilfried Dölker, „es hat sich einfach ergeben.“ Nach 32 Jahren und damit vier Amtszeiten als Bürgermeister räumt der 61-Jährige den Schreibtisch für seinen Nachfolger Ioannis Delakos und geht in den Ruhestand.

„Bis 69 als Bürgermeister arbeiten wollte ich auf keinen Fall“, begründet Wilfried Dölker, warum er nicht für eine fünfte Amtszeit kandidierte: „Ich hätte also nach der Hälfte der Amtszeit abtreten und dies ehrlicherweise vor der Wahl ankündigen müssen. Das wollte ich nicht.“

Keine halben Sachen: Dies könnte als Lebensmotto des aus Bösingen stammenden Schwarzwälders gelten, der 1986 sein Amt als Bürgermeister einer 4500-Seelen-Gemeinde antrat und diese im Verlauf von drei Jahrzehnten zu einer Stadt mit 13 500 Einwohnern machte. So würde es Dölker nicht formulieren, denn: „Ich kann mir die Entwicklung Holzgerlingens nicht alleine auf meine Fahne schreiben.“ Denn um Pläne in die Tat umzusetzen, braucht ein Bürgermeister neben fähigen Mitarbeitern Mehrheiten im Gemeinderat. „Und die habe ich mir immer themenbezogen gesucht“, so Dölker, der als Beispiel die Gestaltung der Friedhofstraße nennt: Umgesetzt worden sei diese mithilfe der SPD und der BNU, „die Bürgerlichen waren dagegen“.

Ohnehin seien für das Wachstum und den Erfolg einer Kommune viele Faktoren entscheidend, die ein Bürgermeister nur bedingt beeinflussen könne. So sei ein wichtiger Faktor in Holzgerlingen bereits vor seinem Amtsantritt erfüllt gewesen: „Hier gab es seit der Eröffnung des Schönbuch-Gymnasiums im Jahr 1980 alle Schularten.“ Die Schaffung des zweiten wichtigen Wachstumsfaktors für Holzgerlingen begleitete Dölker bereits als Bürgermeister: die Wiedereröffnung der Schönbuchbahn im Jahr 1996.

Nach seiner Mittleren Reife absolviert Wilfried Dölker eine Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst in der Gemeinde Pfalzgrafenweiler und im Landratsamt Freudenstadt und erlangt so die Fachhochschulreife. Es folgt ein Studium an der Fachhochschule in Kehl zum Diplom-Verwaltungswirt. Die erste berufliche Station führt Dölker wiederum ans Landratsamt Freudenstadt – zunächst als Baurechtssachbearbeiter, dann als Kommunalamtsleiter.

„Ich hatte Lust, etwas anderes zu machen als Kommunalamt“, begründet Wilfried Dölker, warum er 1986 seinen Hut in den Ring der Holzgerlinger Bürgermeisterwahl warf. Er entschied sich gegen Magstadt und Nufringen: „Holzgerlingen hat mir bei meinem Besuch besser gefallen.“ In Holzgerlingen hat es Dölker mit mehreren Gegenkandidaten zu tun, unter anderem mit dem „populistisch auftretenden Helmut Palmer“. „Die Etablierten“ von Holzgerlingen hat Dölker ebenfalls gegen sich, „die wollten einen alteingesessenen Bürgermeister und bevorzugten Peter Creuzberger aus Altdorf“.

„Als Erstes habe ich mir den Holzgerlinger Haushaltsplan besorgt“, beschreibt Wilfried Dölker seine damalige Wahlkampfstrategie: „Daraus lassen sich die wichtigsten Ziele einer Kommune ableiten.“ Außerdem schnappte sich Dölker eine Liste mit allen Vereinsvorständen und machte sich in persönlichen Gesprächen „relativ schnell mit den Themen vertraut, die den Holzgerlingern auf den Nägeln brennen“. Drei Themen standen demnach im Fokus: die Ortskernsanierung, der Neubau von Altenwohnungen und der Bau von Sportstätten.

Der Kontakt zum Bürger sei extrem wichtig für einen Bürgermeister, betont Dölker. Diplomatisches Geschick hingegen weniger: „Ich wähle in Gesprächen lieber den direkten Weg“, so Dölker, der sich als „geradeaus und offen, aber gerecht“ bezeichnet.

Ein Bürgermeister müsse mit einer „klaren Position, die genau begründet ist, informiert und selbstbewusst auftreten und in Themen hineingehen“, so Dölker: „Das würde ich mir manchmal auch von der großen Politik wünschen: Nicht jedem Wind hinterher gehen, der gerade durch die Steppe weht, sondern sich auch mal dagegen stellen.“ Er arbeite mit Argumenten, sagt Dölker über sich, und könne dabei auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Dass in der Kommunalpolitik nicht nur Argumente, sondern auch Emotionen wichtig sind, musste Wilfried Dölker in Holzgerlingen immer wieder erfahren. Ob beim Thema Schaichhof-Golfplatz, im Zusammenhang mit dem vierspurigen Ausbau der B 464 oder beim Sprung Holzgerlingens nach Osten über die Bundesstraße mit dem Wohngebiet Hülben: Wilfried Dölker stellte sich oft gegen den Wind, um für seine Überzeugungen zu werben.

Selbstverständlich könne man Emotionen niemals ausschließen bei Entscheidungen, so Dölker: „Aber wenn Argumente nicht mehr überwiegen, sondern Gefühlslagen, dann passieren Dinge, die nicht zukunftssicher sind. Im schlimmsten Fall kommen Trends auf, die sich gegen Menschen richten“, sagt Dölker mit Blick auf die Flüchtlingskrise.

So richtig falsch sei er mit seinen Überzeugungen nie gelegen. Genugtuung erlaube er sich jedoch nicht, aber selbstverständlich freue es ihn, wenn die BNU-Fraktion nach Jahren der Ablehnung der Haushaltspläne schließlich umgeschwenkt sei und die Notwendigkeit neuer Wohngebiete einsehe. Insgesamt habe man die Notwendigkeit des Wohnungsbaus in der Region Stuttgart inzwischen erkannt: „Alle Prognosen zur Auswirkung des demografischen Wandels waren falsch. Wir in Holzgerlingen haben es halt früher gemerkt.“ Dabei handle es sich doch um eine logische Entwicklung: „In einer Raumschaft, in der die Wirtschaft funktioniert, wollen die Leute wohnen.“

Doch bei allem wirtschaftlichen Erfolg sei der soziale Zusammenhalt einer Kommune ebenso wichtig, sagt Wilfried Dölker, der diesen Zusammenhalt für sich auf eine christliche Überzeugung stützt: „Dabei liegt es mir fern, Leute auszuschließen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch seine persönliche Lebenshaltung bekennen darf.“ Kritik an der pietistischen Prägung Holzgerlingens kann Wilfried Dölker nicht nachvollziehen: „Der Pietismus hat mit seinem positiven Menschenbild Baden-Württemberg nach vorne gebracht.“

Im Mai geht es für Wilfried Dölker und Ehefrau Tabea in die USA, „endlich einmal unsere Tochter besuchen“. Weitere Pläne für den Ruhestand hat der 61-Jährige bislang nicht geschmiedet: „Meine Frau ist ja noch berufstätig, und alleine gehe ich nicht auf Reisen.“ Außerdem bleibt Dölker noch mindestens bis 2019 dem Kreistag erhalten, hinzu kommen die Ehrenämter im Gemeindetag.

Zum Abschied bekam Wilfried Dölker (Mitte mit Ehefrau Tabea) die Freiherr-von-Stein-Medaille von Roger Kehle verliehen. Bild: Staber/A