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Von unserem Mitarbeiter Heinz Richter · 03.02.2018

„Ich wollte immer zu den Hexen“

Das Porträt: Der Schafhausener Tobias Reim hilft bei der Weil der Städter Narrenzunft AHA, wo er kann und hat sich seinen großen Traum erfüllt

Derzeit ist der Schreibtisch von Tobias Reim, 33, aus Weil der Stadt bei einem großen Auto-Hersteller verwaist. Er hat Urlaub. Aber er liegt nicht irgendwo am Strand, sondern ist mit seinem liebsten Hobby, der Fasnet, beschäftigt. Tobias Reim hilft überall, wo Not am Mann ist, bei der Weil der Städter Narrenzunft AHA. Und so oft wie möglich schlüpft er in sein Lieblingshäs, das der Weil der Städter Hexe.

Diese wahre Hexenliebe begann schon in der Grundschule. Der Junge bastelte sich selbst im Kinderzimmer eine Hexenmaske und ein Hexenkostüm. „Als die anderen im Unterricht Stoff- und Kuscheltiere herstellten, habe ich Hexen gebastelt“, erinnert sich Tobias Reim.

Er ist im Weil der Städter Stadtteil Schafhausen aufgewachsen. Erste Verbindungen zur Fasnet gab es durch den Papa. Der war zwar nicht in einer Fasnetsgruppe, aber er spielte immer zur Fasnetszeit in den in dieser Zeit geöffneten Lokalen und Kellerwirtschaften Schlagzeug.

Weil seine Schwester bei den Clowns der Narrenzunft AHA in Weil der Stadt dabei war, bewarb sich auch Tobias für diese Gruppe. „Ich wollte immer zu den Hexen. Aber ich habe mir als Schafhausener wenig Chancen ausgerechnet, dort aufgenommen zu werden“, erzählt er. Bei der Narrenzunft AHA wird innerhalb der Gruppen darüber abgestimmt, wer aufgenommen wird und wer nicht. Nur wer bei den Abstimmungen eine Mehrheit bekommt, gehört dazu.

Als Zwölfjähriger wurde Tobias Reim bei den Clowns aufgenommen. Ohne seine Schwester wäre das in diesem Alter gar nicht möglich gewesen. Vier Jahre später bewarb er sich bei den Hexen. Aber im ersten Jahr wurde er nicht aufgenommen. Erst ein Jahr später klappte das. Dabei hat sich alles schon etwas gewandelt. Früher musste jemand schon Ministrant sein, bei der Feuerwehr oder Großbauer, um angenommen zu werden.

Von den etwa 1400 aktiven Mitgliedern der AHA-Zunft sind 120 bis 140 Hexen. Die Hexen sind das Symbol der Weiler Fasnet. Die beliebte Gruppe ist überall präsent. Entsprechend groß ist der Andrang. In diesem Jahr gab es sieben Neuaufnahmen.

Die Weil der Städter Gruppen sind alle recht stark. Die Bären zählen 80 Aktive, die Schlehengeister sogar um die 100. Bei allen Gruppen der Narrenzunft AHA gab es in dieser Saison 32 Neumitglieder. Die Prozedur, die Neumitglieder durchlaufen müssen, ist unterschiedlich. Bei den Schellenteufeln dürfen die Teufel den Neuen die Haare abschneiden, so viel und wie sie wollen. Bei den Clowns muss Schminke aus Wackelpudding geholt werden.

Da war die Aufnahme bei den Hexen schon eher souverän: Auf dem Brühl-Spielplatz kamen die Neuen über die Rutsche und sprangen über ein Feuer. Fertig, aufgenommen.

In Weil der Stadt haben die Hexen keine individuellen Nummern. „Aber untereinander kennen wir uns alle im Häs. Die Häs sind leicht unterschiedlich und auch am Gang gibt es Unterschiede“, erklärt Hexe Tobias.

Die Masken der Weiler Hexen schnitzt Gernot Zechling. Er gehört selbst zu den Hexen. Normalerweise gestaltet er Grabsteine, aber auch Masken für Fasnetsgruppen. Jede Maske ist von einem Prototyp abgeleitet, individuell. „Er versucht, den Charakter von jedem in der Maske wiederzugeben“, sagt Tobias Reim. Für das Häs ist jeder selbst verantwortlich. Gemeinsam wird nur der Stoff gekauft und es gibt ein Schnittmuster. Um die Nähe zu Johannes Kepler zu zeigen, haben die Hexen bis zu zehn Sternzeichen auf ihrem Häs.

Tobias Reim hat schon alles Mögliche in der Narrenzunft gemacht: Kassierer beim Umzug, Narrenblatt, Wagenbau, Hallendeko, bei Programmpunkten mitgewirkt, Moderation, Museumsführungen, Anti-Alkohol-Kampagne. Sein neuester Hit: Ein History-Stammtisch, an dem sich frühere und jetzige Narren treffen. Er führt Gruppen durchs Narrenmuseum und erklärt die Figuren und Masken. Bei Kindergartenkindern kommt oft die Frage, was für Luftballons die da beim Umzug haben. Es sind echte Saublasen, erklärt Tobias Reim den Kindern.

Bei Besuchen in den Schulen erklärt er im Hexenhäs die Fasnet, die einzelnen Gruppen und erklärt die Verhaltensregeln beim Umzug. Bei der Narrenzunft ist er seit 2016 für das Media-Team zuständig und hat damit auch einen Sitz im Siebener-Rat. Seit 2008 war er schon Social-Media-Beauftragter der Narrenzunftprofile.

Wenn die Fasnet in der Nacht vom Fasnetsdienstag auf Aschermittwoch endet, darf er die Fahnen vor dem Rathaus einholen, während der übrige Siebener-Rat die Fasnetspuppe zu Grabe trägt.

Besondere Erlebnisse in der Weiler Fasnet? Da gibt es für Tobias Reim einige. Wenn man mit der Gruppe durch die Altstadt zieht oder von einer Ausfahrt kommt und die Narrenkapelle im Bus zu den Instrumenten greift und alle unterhält. „Oft sind es die Kleinigkeiten“, sagt er.

Ein absolutes Highlight war für ihn ein Ausflug zum Internationalen Brauchtums- und Maskentreffen in der Schweiz. Das findet nur alle zehn Jahre statt und die Besucher kommen aus der Schweiz und allen Nachbarländern. Das Weiler AHA-Ballett war dort die Sensation. Aber auch die Hexen wurden herzlich aufgenommen. Freundschaften bildeten sich und manche bestehen bis heute.

Eines ist seit vielen Jahren gleich: In der heißen Phase der Fasnet ist Tobias Reim selten zu Hause anzutreffen. Darauf drei kräftige Aha, Aha, Aha.

SZ/BZ-Mitarbeiter Heinz Richter ist seit Jahren auf den Umzügen, Bällen und Prunksitzungen in der Region unterwegs.