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Von unserem Mitarbeiter Thomas Oberdorfer · 06.10.2017

„Ich war in einem verzweifelten Zustand“

Magstadt / Böblingen: 46-Jähriger zündet seine Wohnung an und ruft dann bei der Polizei an / Spielsucht und Ehekrise / Wegen schwerer Brandstiftung vor Gericht

Ein 45-Jähriger zündete in Magstadt seine Wohnung an, in der er einst gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern lebte. Nun musste sich der Angeklagte wegen schwerer Brandstiftung und Bedrohung vor dem Böblinger Amtsgericht verantworten.

„Ich war in einem verzweifelten Zustand“, sagte der Angeklagte vor Gericht über die Tat vom 12. Juni 2017. Er hatte nach eigenen Angaben Schulden in Höhe von etwa 200 000 Euro. Entstanden sind sie durch den Zusammenbruch seiner Firma. Er war spielsüchtig, seine Ehe befand sich in einer andauernden Krise, die Kündigung der Wohnung in Magstadt lag auf dem Tisch, der 45-Jährige war arbeitslos. Seine Ehefrau lebte damals gemeinsam mit den drei Kindern bereits bei ihren Eltern. „Ich habe tagelang kaum geschlafen und habe mich in das Thema hineingesteigert. Ich glaubte, sie hatte eine Affäre“, sagte der Angeklagte.

Mit einem Kastenwagen fuhr der Magstadter in der Mittagszeit zu einer Maichinger Tankstelle und kaufte einen Kanister mit fünf Litern Benzin. Der 45-Jährige gab vor, er habe das Benzin erworben, um seinen Rasenmäher zu befüllen, da er als Hausmeister für die Mäharbeiten rund um das Wohngebäude zuständig gewesen sei. Er kürzte aber nicht etwa den Rasen, vielmehr verteilte er das Benzin in seiner Wohnung im Kinderzimmer, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer und in der Küche und zündete es jeweils mit Papier an. Kinder und andere Personen waren zu diesem Zeitpunkt nicht in der Wohnung.

Der Angeklagte verließ die Wohnung, ging zu seinem Schwiegervater und rief von dort aus die Polizei an. Wenige Minuten später wurde er festgenommen. Die von der Polizei alarmierte Feuerwehr war rasch vor Ort. Unter Atemschutz drangen die Feuerwehrleute in die Wohnung ein und brachten den Brand zügig unter Kontrolle. „Die Feuerwehr hat klasse Arbeit geleistet, sonst wäre das Haus abgebrannt“, sagte ein Polizeibeamter, der mit der Sachbearbeitung des Falles betraut war. Der Schaden am Gebäude beläuft sich „auf über 100 000 Euro, eher wahrscheinlich 150 000 Euro“, sagte der Ehemann der Besitzerin der Immobilie.

Einen Tag zuvor gab es abermals einen Streit zwischen dem Angeklagten und dessen Ehefrau. Der 45-Jährige las auf dem Mobiltelefon der 41-Jährigen eine Kurzmitteilung eines Mannes und vermutete einen Liebhaber dahinter. „Dir krümme ich kein Haar“, sagte der Angeklagte zu seiner Frau. Dem vermeintlichen Liebhaber würde es allerdings übel ergehen, sollte er ihn erwischen.

Die Frau des Angeklagten machte in der Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Werner Kömpf von ihrem Aussage-Verweigerungsrecht gebrauch. Die Bedrohung zum Nachteil des möglichen Nebenbuhlers konnte daher nicht belegt werden, dieser Anklagepunkt wurde eingestellt.

Vor der Brandlegung habe er sich versichert, dass das Gebäude menschenleer war, sagte der Angeklagte. Unterhalb der angezündeten Wohnung befindet sich ein Büro. „Ich habe von außen durch die Scheibe geschaut, ob jemand drinnen ist. Ich habe die Fahrzeuge der Mitarbeiter nicht gesehen, und ich habe im Treppenhaus laut gerufen. Die Türen des Büros waren verschlossen“, sagte der Angeklagte, der sich aus seinem Blickwinkel sicher war, dass sich niemand in den Geschäftsräumen befand.

Tatsächlich aber konnte er sich nicht sicher sein, ob nicht doch jemand in dem Büro war. „Es hätte ein Mitarbeiter einen Mittagsschlaf machen können mit Musik auf dem Ohr oder es hätte jemand das Rufen hören können, ohne zu reagieren“, sagte der Vorsitzende in seiner Urteilsbegründung, „der Angeklagte konnte nicht ausschließen, dass sich Menschen in dem Büro befinden.“ Es habe eine abstrakte Gefahr bestanden.

Tatsächlich aber war das Büro leer, die Mitarbeiter waren gegen 12.20 Uhr in die Pause gegangen. Das Versicherungsbüro wurde nur sehr gering beschädigt und war nach dem Brand weiterhin nutzbar.

Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer eine Haftstrafe von drei Jahren für den Angeklagten wegen schwerer Brandstiftung. Der Verteidiger ging in seinem Schlussvortrag von einem minder schweren Fall aus und beantragte eine Haftstrafe von maximal zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollten.

Das Schöffengericht rang sich dazu durch, dem Angeklagten eine Chance einzuräumen. Es verurteilte ihn zu der Haftstrafe von zwei Jahren, die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. „Sie gaben sich sofort nach der Tat zu erkennen, legten ein Geständnis ab. Nach ihrem Verständnis haben Sie sich vergewissert, dass niemand im Haus ist“, sagte der Vorsitzende, der zudem den Haftbefehl aufhob. Seit dem 13. Juni saß der Angeklagte in Untersuchungshaft. Als Bewährungsauflage muss der Angeklagte 80 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und einen festen Wohnsitz nachweisen.

Das schnelle Eingreifen der Magstadter Feuerwehr verhinderte im Juni diesen Jahres, dass sich der Wohnungsbrand ausbreitete. Bild: SDMG/Dettenmeyer/A