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Von unserem Redakteur Tim Schweiker · 23.01.2016

„Ich wäre froh über ein offenes Gespräch“

SZ/BZ-Kulturgespräch: Frank Martin Widmaier will, dass sein Konzept für die Biennale 2017 nicht im Papierkorb verschwindet

Die Mehrheit des Gemeinderats will die Biennale 2017 ohne den bisherigen künstlerischen Leiter Frank Martin Widmaier auf die Beine stellen. Darüber wird nach wie vor debattiert, zuletzt hatte Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer im Gespräch mit der SZ/BZ angekündigt, Akteure der Biennale, Kulturschaffende und Vertreter des Gemeinderats zum Gespräch einzuladen. Das soll nun nächste Woche stattfinden.

Dabei könnte es unter anderem darum gehen, was mit dem Konzept passiert, das Widmaier bereits für die Biennale 2017 erarbeitet hat. Die SZ/BZ hat im Vorfeld mit Frank Martin Widmaier gesprochen.

Seit wann liegt Ihre Konzeption für die Biennale 2017 im Rathaus vor?

Frank Martin Widmaier (Bild: Stampe/A): „Danke für die Nachfrage zu diesem Thema. Meine konzeptionelle Ausarbeitung und Überlegungen habe ich am 27. Oktober 2015 an Bürgermeister Gangl geschickt. Er hatte mich am 20. Oktober nach einem Gespräch darum gebeten, diese zu erarbeiten.“

Haben Sie eine Rückmeldung erhalten?

Frank Martin Widmaier: „Ja, ich bekam eine Mail zurück, dass man sich ‚intern damit eingehend befassen und zeitnah wieder auf mich zukommen‘ würde. Die Entwicklung im politischen Umfeld hat dies wohl leider verhindert. Inzwischen hatte ich meinen Vorschlag noch weiterentwickelt, denn ich wollte diese Überlegungen gerne in den politischen Prozess einbringen.“

Was beinhaltet denn Ihr Konzept?

Frank Martin Widmaier: „Die ersten Überlegungen müssen immer sein, wie eine für alle Seiten gedeihliche Zusammenarbeit im Umfeld der Biennale interessante Synergien für die Sindelfinger Kulturarbeit herstellen kann. Diese Kommunikation ist zentral wichtig, und genau dieser Bogen, immer ausgehend von lokalen Kräften, ist ja eine der Grundlagen der Biennale Sindelfingen. Deshalb ist mir besonders wichtig, Integrationsangebote für möglichst breite Bevölkerungsteile zu schaffen, auch Aufmerksamkeit, Zustimmung und noch stärkere Mitarbeitsmöglichkeiten für engagierte Jugendliche zu finden.

Es geht um einen Integrationsprozess, ein Miteinander von etablierter Kulturszene mit einer neu gebildeten jungen und kulturell sehr vielseitigen und sehr interessierten Szene. Wenn man betrachtet, was 2015 alles an neuen Ehrenamtlichen gewonnen werden konnte, wenn man die erfolgreiche Arbeit der Kommunikationsgruppe anschaut, dann ist da in kurzer Zeit schon sehr viel entstanden. Das ist die Personengruppe, die in meiner Konzeption wesentliche Verantwortung übernimmt und zunehmend selbstständiger die Kultur in Sindelfingen mitgestalten wird.“

Wir könnten alle aus unseren Fehlern lernen

Soll die Biennale 2017 erneut ausschließlich von der Stadt finanziert werden?

Frank Martin Widmaier: „Neben diesem integrativen Konzept, das mit intensiven Gesprächen mit Kulturtreibenden aller Sparten, mit Vereinen und Schulen beginnen sollte, ist die identitätsstiftende Auseinandersetzung mit Sindelfinger Themen, historischen wie aktuellen, wesentlich. Im Rahmen der begonnenen Arbeit kann ich mir vorstellen, Förderprogramme für dieses einmalige Konzept durch interessierte Sponsoren in den Etat zu integrieren, sprich mehr Drittmittel einzuwerben.“

Würde das Drei-Säulen-Modell der Biennale 2015 bestehen bleiben?

Frank Martin Widmaier: „Künstlerisches Ziel wäre, die konzeptionelle und weitgehend umgesetzte Drei-Säulen-Struktur im oben genannten Sinne fortzuführen. Erstens: im Bereich Bildende Kunst ein Projekt mit lokalen Künstlern und einer Persönlichkeit von außen, in der künstlerisch auf aktuelle und konkrete Stadtgestaltungsprobleme Bezug genommen wird. Der Arbeitstitel könnte „Stadt-Raum / Stadt-Traum“ heißen.

Zweitens: Im Bereich Darstellende Kunst, also Theater, Tanz, Konzert, sollten neben einem Highlight und einem neuen, spannenden innerstädtischen Spielort auch dezentrale Strukturen entwickelt werden, um diese als Mosaiksteine der Biennale in andere Stadtteile zu transportieren.

Drittens: Für den Bereich der ergänzenden Diskussionsveranstaltungen als Kernpunkt einen Bezug zum Lutherjahr 2017, eine großartige Möglichkeit, wichtige Referenten und Themen in Zusammenarbeit mit allen Kirchengemeinden und auch mit Schulen wahrzunehmen und sich mit anderen Veranstaltungen in Sindelfingen und der Region zu ergänzen.“

Haben Sie ein übergreifendes Motto für die Biennale 2017 im Kopf?

Frank Martin Widmaier: „Als übergreifendes Thema des Jahres 2017 würde ich nach einigen Sindelfinger Gesprächen den Begriff der Verantwortung vorschlagen, um Luthers bahnbrechende Gedanken an unserem gesellschaftlichen Kontext zu überprüfen. Meine Konzeption versucht, aktuelle Themen sozialer und politischer Art mit Luthers Gedanken und ihrer Übersetzung in die Jetztzeit zu würdigen und zu hinterfragen: Welche Verantwortung haben wir heute für die Welt? Das ist ein Kerngedanke Luthers: Die Welt unter Zuhilfenahme der Tradition immer aktuell zu analysieren. Luthers Gedanken haben schließlich maßgeblich den modernen Menschen ermöglicht.“

Wo finden sich in Ihrem Konzept junge Menschen wieder?

Frank Martin Widmaier: „Ergänzen könnte man die erwähnten Säulen mit einer ‚Biennale Y‘ (Y steht dabei für young), damit die Attraktivität für junge Leute, auch etwas Eigenständiges zu gestalten, groß ist. Themen und Umsetzung könnten auch mit dem Jugendgemeinderat oder mit Schulen zusammen erarbeitet werden. Die Diskussion zum Thema ‚Jugend und Heimat‘ sollte fortgeführt werden.“

Was sollte aus Ihrer Sicht jetzt mit diesen Ideen passieren?

Frank Martin Widmaier: „Es wäre nach dem großen Erfolg der letzten Biennale nur fair und richtig, wenn ich mein Konzept weiter entwickeln kann. Deshalb wäre ich froh, wenn jetzt ein offenes und konstruktives Gespräch mit den Fraktionen zustande kommt. Gerne konkretisiere ich meine Ausführungen weiter vor dem Kuratorium. Dann könnten wir alle aus unseren Fehlern und Versäumnissen lernen, und dies für die kulturelle Entwicklung der Stadt und ihrer Bürger fruchtbar umsetzen. Ich wünsche mir, dass es gelingt, den Diskurs der Aufarbeitung mit allen Beteiligten doch noch produktiv wirken zu lassen. Dann würden wir in Sindelfingen beispielhaft dastehen.“