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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 27.06.2015

Historiendrama und Mysterienspiel

Sindelfingen: „Der Sindelfinger Jedermann“ ist Kernstück der Biennale – Ein Vergleich mit dem berühmten „Jedermann“ aus Salzburg

Der „Jedermann“ zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Theaterstücken, allein deshalb, weil er es Jahr für Jahr in die Hauptnachrichten schafft als Eröffnungsstück der Salzburger Festspiele. Mit der Biennale bekommt nun auch Sindelfingen ab 10. Juli seinen Jedermann. Wie viel Salzburger Blut fließt durch die Adern des Sindelfinger Jedermann?

Eine Gemeinsamkeit haben sowohl der seit 1920 bis auf eine Unterbrechung zwischen 1938 und 1945 jährlich in Salzburg auf dem Domplatz gespielte „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal und „Der Sindelfinger Jedermann“, den der Berliner Kai Schubert in engem Kontakt mit Frank Martin Widmaier für die Sindelfinger Biennale geschrieben hat: Beide sind Markenzeichen ihres Festivals. So wird mit der Uraufführung des Sindelfinger Jedermanns am Freitag, 10. Juli, um 21.15 Uhr vor der Martins-kirche das von Frank Martin Widmaier konzipierte Kulturfestival nicht nur eröffnet. Mit zwölf Aufführungen bis zum 2. August ist das Stück trotz vieler weiterer Veranstaltungen der Kern der Sindelfinger Biennale.

Inhaltlich wie formal sind die Gemeinsamkeiten überschaubar. Das deutet sich bereits an, wie im Titel des österreichischen Jedermann der Autor eingeführt wird. „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ lautet der Titel, dem folgt: „Erneuert von Hugo von Hofmannsthal“.

Tatsächlich hat Hofmannsthal auf alte Vorbilder zurück gegriffen, die er am Ende seiner 1911 erschienen Ausgabe sogar aufzählt: Die wichtigsten sind ein englischer Jedermann (Everyman) eines anonymen Verfassers, laut Hofmannsthal in einem Druck vom Ende des 15. Jahrhunderts und der Jedermann des „Nürnberger Meistersingers“ Hans Sachs (Comedi vom sterbend reichen Menschen) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. So steht Hofmannsthals Jedermann in der Tradition der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Jedermann-Aufführungen, die zu den Mysterienspielen zählen, mit denen außerhalb der Kirche religiöse Glaubensinhalte unters Volk kamen – Nicht selten aufgeführt durch Zünfte.

Den Anschluss an die Tradition verstärkt Hofmannsthal durch seine Sprache: Das im Knittelvers gereimt daher kommende Deutsch seiner Figuren ist auf alt getrimmt, mittelalterlich angefärbt, doch anders als echtes Mittelhochdeutsch mühelos für moderne Deutschsprecher verstehbar. Typisch mittelalterlich ist dagegen Hofmannsthals Arbeiten mit der Allegorie: Figuren wie Werke, Glaube und Mammon personifizieren in seinem Stück abstrakte Begriffe, wobei Jedermann selbst den Mensch verkörpert.

Zum Inhalt des Salzburger Jedermann: Der wohlhabende, Geld und irdischen Vergnügungen zugeneigte, gegenüber dem Schicksal anderer recht hartherzige Jedermann bekommt für alle Anwesenden - darunter Jedermanns Geliebte Buhlschaft - völlig überraschend auf einem Fest Besuch vom Tod, der ihn abholen will, um ihn vor Gottes Richterstuhl zu führen. Jedermann sucht verzweifelt unter Verwandtschaft und Gefolge nach einem Begleiter auf seinem letzten Gang. Aber alle lassen ihn allein, auch seine Reichtümer in Gestalt von Mammon. Im Gespräch mit dem Glauben gibt sich Jedermann letztlich reuig und vertrauend auf Gottes Gnade. Glaube und Werke begleiten Jedermann schließlich zum Grab, vertreiben zuvor noch den Teufel, der Jedermann schon als sichere Beute wähnte.

Für Einsicht und Umkehr ist es nie zu spät – Das ist eine Botschaft von Hofmannsthals Jedermann. Zentral aber ist der Anfang des Stücks: Nach einer kurzen Ankündigung erscheint als erste Figur Gott auf seinem Thron. Er fühlt sich von den Menschen missachtet, beschließt, über sie Gericht zu halten und schickt deshalb den Tod los, um Jedermann zu holen. Gott bringt Hofmannsthals Drama ins Rollen.

Auch im Sindelfinger Jedermann gibt es einen Gott. Bis der sich aber im Stück blicken lässt, dauert es. Es beginnt mit dem Auftritt der Hauptfigur, dem Sindelfinger Chorherrn Sindhold, der am Markttag Geld einsammelt für einen vom Staufer Konrad geplanten Kreuzzug, wie später klar wird. Schon der vollständige Titel legt eher ein Historiendrama als ein modernes Mysterienspiel nahe: „Der Sindelfinger Jedermann – Moralität vom Leben und Streben eines guten Mannes“ nebst Zusatz „1146-47“.

Die Handlungszeit ist damit konkret. Entlang der am übernächsten Tag geplanten Hochzeit von Sindhold und Sindlinde – Stieftochter der wohlhabenden Sindelfingerin Magda – entwirft Kai Schubert ein mittelalterliches Sitten- und Zeitgemälde in heutigem Deutsch. Der Mikrokosmos des damaligen Dörfchens wird über das bedeutende Stift mit seinen international vernetzten Chorherren zum Kreuzungspunkt der großen Politik.

Denn zur geplanten Hochzeit ist auch der unterm Einfluss eines christlichen Hetzpredigers stehende Landesherr Welf VI. geladen, dazu ein jüdischer Viehhändler und ein maurischer Gelehrter aus Córdoba. Die bunte Mischung aus Bauern hier und privilegierten Chorherren da, Christen, Juden, vermeintlich Ungläubigen und sogar schwulen Chorherren ist nicht nur explosiv, es kommt auch zur Beinahekatastrophe bei Intrigen und Clash of Cultures, wobei Schuberts Jedermann über ein Tötungsdelikt in Richtung Zielgerade sich zum Justizdrama wendet, das, wie damals üblich, Potenzial zum Kreuzzug im Kleinen inklusive viel verbranntem Fleisch birgt.

Allegorisch wie in Salzburg ist daran nichts. Aber da ist noch Gott: Er lässt sich auf eine Wette gegen seine drei durchaus teuflischen Gesellen ein. Gott wählt Sindhold ohne dessen Wissen zum Jedermann und behauptet, der brave, mit Regeln der Kirche und der Obrigkeit konformistisch lebende Sindhold wird seine Freiheit zu nutzen verstehen, um aus aufkeimender Überzeugung und Einsicht das Unrecht zu verhindern. Im Gegensatz zu Hofmannsthals Gott will der Sindelfinger Herr nicht ins Erdengeschehen eingreifen und vertraut auf die menschliche Autonomie.

Ohne das Ende schon zu verraten: Das letzte Wort im Sindelfinger Jedermann werden Gottes Gesellen haben. Und sie klingen dabei deutlich besser gelaunt als Hofmannsthals am Ende verärgerter Teufel.

Info

Aufführungstermine zum Sindelfinger Jedermann: Fr 10. Juli, Sa 11. Juli, So 12. Juli (18 Uhr), Sa 18. Juli (18 Uhr), So 19. Juli (18 Uhr), Fr. 24. Juli, Sa. 25. Juli, So 26. Juli (18 Uhr), Do 30. Juli, Fr 31. Juli, Sa 1. August, So 2. August (18 Uhr). Vorstellungen ohne Uhrzeitangabe: Beginn 21.15 Uhr. Werkeinführungen um 17.30 Uhr für die Früh-, um 20.30 Uhr für die Spätvorstellungen im Propsteigarten neben der Freilichtbühne vor der Martins-kirche. Karten beim i-Punkt in Sindelfingen, Telefon 0 70 31/ 94-325 und unter www.easyticket.de im Internet.

Chorherren im Gespräch: Dirk Maria Coolens (links) als Dominik und Ingo Sika als Sindhold bei den Proben zum Sindelfinger Jedermann. Bild: Stampe