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Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch · 12.03.2018

Glänzende Augen im feuchten Keller

Sindelfingen: Sylvia Weller-Pahl weckt mit ihrem Vortrag über die 500 Jahre lange Geschichte des Gasthofs Hirsch viele Erinnerungen

Es ist über 50 Jahre her, aber Erika Dehning, Alfred Schwab und Wolfgang Mack erinnern sich ganz genau an ihre Jugend im Keller des Gasthofs Hirsch. Stadtführerin Sylvia Weller-Pahl hat am Wochenende über die bewegte Geschichte im Sindelfinger Traditionslokal gesprochen.

Das Interesse ist riesengroß, alle 40 Plätze im Nebenzimmer sind ausgebucht. Auf den Tischen liegen Dokumente wie alte Rechnungen aus dem Jahr 1938 oder das Schwarz-Weiß-Foto, das Wolfgang Mack mit Freunden beim Feiern im Hirsch-Keller zeigt. Wahrscheinlich ist das Foto Ende der 1950er Jahre aufgenommen worden.

Der Leichtathlet Alfred Schwab weiß, wie er im Keller seinen 11-Sekunden-Lauf gefeiert hat, Erika Dehning hat im Bauch des Gasthofs getanzt, viele alte Sindelfinger erinnern sich an die Jazzkonzerte, die Eugen Klunzinger organisierte. Sie haben glänzende Augen, als sie am Ende des Vortrags noch einmal die enge Treppe in den heute nass-feuchten Keller hinuntersteigen.

Die Hirsch-Keller werden in den 1960er Jahren wieder geschlossen, aber hier üben die ersten Sindelfinger Rockbands wie „Les Masques“ um Joachim Kupke, der mit seinen 70 Jahren heute noch mit der Formation „If You Wanted To“ aktiv ist und seit Jahrzehnten Stammgast im Hirsch ist. Der Künstler kennt die Zeit, als Manfred Möll das Zepter schwingt, das Lokal an die Familie Janssen übergibt und die letzten Jahre doch wieder selbst führt, bevor das Haus nicht abgerissen, sondern saniert wird. Legendär ist der wochenlange Besucher-Streik, als Manfred Möll, der in den 1990er Jahren mit einem Verein das Internationale Straßenfest rettete, den Bierpreis um zehn Pfennige pro Glas erhöhen wollte.

Die bewegte Geschichte des Hauses erlebt eine neue Zäsur, wenn am 25. März Monika und Claus-Peter Giffhorn als Wirtsleute im Hirsch aufhören. Zu Sylvia Weller-Pahls Vortrag kommt das Ehepaar Jäger aus Maichingen, die 1987 bedauert haben, dass Claus-Peter Giffhorn die „Alte Pfarrei“ neben dem Bürgerhaus für den Sindelfinger Hirsch verlassen hat: „Es ist so schade, dass der Koch jetzt aufhört.“

Sylvia Weller-Pahl stützt sich bei ihren Recherchen über den Hirsch auf das Material, das Eugen Schempp, der erste ehrenamtliche Leiter des Stadtmuseums, zusammengetragen hat, durchforstet das 1962 erschienene, längst vergriffene Buch „Sindelfinger Familien“ von Helmuth Maier, wird unterstützt von Ulrike Holzmann vom Stadtarchiv sowie von Alexandra Bausch vom Friedhofsamt und klickt sich online durch die Kirchenbücher.

Der Name „Hirschwirth“ taucht zum ersten Mal 1711 auf, als der aus Dagersheim stammende Johann Jakob Schmidt stirbt. Doch schon 1456 wird die genaue Lage der Immobilie beschrieben, als das Stift das Grundstück an den Chorherrn Conrad Widmann verkauft. In der Urkunde geht es um ein „Bierhußlin an sein Schuren“, also um ein Bierhaus und seine Scheuer. Ob es damals eine Brauerei gegeben hat, ist für Sylvia Weller-Pahl Spekulation. Wie so viele Deutungen in der Geschichte des Lokals.

Sicher scheint zu sein, dass ein und dieselbe Familie das Lokal vom 16. Jahrhundert bis 1909 führt. „Es ist allerdings sehr kompliziert, sich mit den Todesfällen, Heiraten und Namensänderungen durch die Geschichte zu hangeln“, sagt Sylvia Weller-Pahl. Zur Familie gehört der Bierbrauer Johann Michael Dinkelacker, der 1749 die Hirschwirts-Tochter Barbara Kling heiratet und nach dem Tod seiner Frau nach Böblingen geht. Zur Familie gehört also auch Johann Jacob Maier, der 1802 den Bauantrag für das Gebäude stellt, das den alten Gasthof ersetzt.

Der Hirsch läuft gut und bezahlt viel Steuern, hat Sylvia Weller-Pahl herausgefunden. Trotzdem bleiben die Familien von Dramen nicht verschont. Hirschwirt Stoll stirbt an Menschenpocken, 1865 brennen die Häuser zwischen Gasthof und Martinskirche nieder, der neue Hirschwirt Jakob Uhland erweitert das Haus auf der anderen Straßenseite, nimmt sich aber das Leben.

Die Immobilie kauft 1904 der Stuttgarter Brauer Robert Leicht, verpachtet die Gaststätte aber weiter an Julius Lanz, dessen Witwe Sofie Lanz sich 1909 mit einer Anzeige und einer Danksagung in der Sindelfinger Zeitung verabschiedet und sich in der Villa am Klostersee niederlässt.

August Seeger hat als Pächter und späterer Eigentümer nichts mehr mit der alten Hirsch-Familie zu tun. Sylvia Weller-Pahl wiederholt den Hirsch-Vortrag vielleicht schon am Freitag und spricht am Freitag, 20. April, im Besenkeller gegenüber an der Ziegelstraße bei „Museum vor Ort“ erneut über den Gasthof. Die Stadtführerin erhofft sich zudem weitere Dokumente unter ihrer Mailadresse sindelfinger-keller@t-online.de.

Sylvia Weller-Pahl in den schon seit Jahrzehnten für die Öffentlichkeit geschlossenen Hirsch-Kellern: Die Stadtführerin, die vor Jahren eine Tour durch die Keller im Sindelfinger Zentrum ausarbeitete, hat im Gasthof, in dem das Wirts-Paar Monika und Claus-Peter Giffhorn Ende des Monats aufhören, über die bewegte Geschichte des Lokals gesprochen. Bild: Stampe

Sie haben den Hirsch-Keller in ihrer Jugend besucht: Alfred Schwab, Erika Dehning und Wolfgang Mack, der ein altes Foto von sich im Keller mitgebracht hat. Bild: P. Bausch