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Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber · 04.10.2017

Geisterbahnfahrt der Vorurteile

Die Theaterkritik: Schaubühne Sindelfingen spielt „Venedig im Schnee“ von Gilles Dyrek / Darsteller laufen zu witziger Hochform auf

Mit der Komödie „Venedig im Schnee“ präsentiert sich das Amateurensemble Schaubühne Sindelfingen wieder einmal von seiner humoristischen Seite.

In der Komödie von Gilles Dyrek, die bei der Premiere im Theaterkeller auf begeisterte Resonanz des Publikums gestoßen ist, laufen unter der Regie von Axel Finkelnburg die Darsteller Katrin Finkelnburg, Katrin von Hochmeister, Mathias Baier und Florian Penkwitt zu witziger Hochform auf.

Was ein entspannter Grillnachmittag hätte werden können, läuft komplett aus dem Ruder und wird zu einer Geisterbahnfahrt der Ressentiments und Vorurteile: Genervt vom Streit mit ihrem Partner Christophe (Florian Penkwitt), weigert sich Patricia (Katrin von Hochmeister), auch nur ein Wort mit den Gastgebern Nathalie (Katrin Finkelnburg) und Jean-Luc (Mathias Baier) zu sprechen. Das verliebte Pärchen fehlinterpretiert das Verhalten ihres missgelaunten Gastes und halten Patricia für einen Flüchtling, der die Muttersprache des Gastlandes nicht beherrscht.

Schelmisch bespielt Patricia daraufhin das verlogene Gutmenschentum ihrer Gastgeber und mimt die traumatisierte Geflüchtete aus dem fiktiven Balkanland Chouwenien. Zunächst hagelt es Spenden für Patricia und deren angeblich von Krisen geplagtes Heimatland – von der warmen Decke über die Kaffeemaschine und den Fernseher bis hin zum zögerlich ausgestellten Scheck.

Doch jede Hilfsbereitschaft hat ihre Grenzen, wie der vergnügte Zuschauer miterlebt, als das falsche Spiel echte Vorurteile ans Tageslicht zerrt und die ursprünglich zuckersüße Pärchenidylle von Jean-Luc und Nathalie in tausend Einzelteile sprengt.

Mit „Venedig im Schnee“ gibt SPD-Stadtrat Axel Finkelnburg, selbst ein erfahrener Amateurdarsteller, sein Debüt als Regisseur und beweist dabei ein gutes Gespür für Tempo, Witz und knackige Abläufe. Die Ausgangssituation legt Finkelnburg bewusst extrem schrill an.

Die verlogene Gastfreundschaft der urbanen Mittelschicht mit Küsschen hier, Umarmung dort, das Geturtel des nervigen Pärchens, das seine Verliebtheit auf Teufel komm raus für alle Welt in Szene setzt: All dies lässt Axel Finkelnburg seine Darsteller dermaßen übertrieben auf die Bühne bringen, dass es dem Zuschauer umso größeres Vergnügen bereitet, wenn davon zum Schluss nur mehr ein Scherbenhaufen übrig bleibt.

Dabei kann Axel Finkelnburg auf ein erfahrenes und spielstarkes Ensemble setzen: Die Darsteller agieren flott, das Tempo der Dialoge und Abläufe wirkt stimmig und trägt den Humor des Stücks sicher über die Zielgerade. Vor allem Katrin von Hochmeister als genervte, übellaunige Zicke, die mehr und mehr Gefallen findet an ihrem falschen Spiel, in das sie wider Willen hinein gerät, überzeugt auf ganzer Strecke: Von Hochmeister reizt das humoristische Potenzial ihrer Figur voll aus und trägt damit ordentlich dazu bei, dass „Venedig im Schnee“ in der Inszenierung durch die Schaubühne Sindelfingen richtig viel Spaß macht.

Info

Weitere Vorstellungen von „Venedig im Schnee“ um 20 Uhr im Theaterkeller Sindelfingen am 6., 7., 8., 13., 14. und 15. Oktober, sonntags um 18 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter www.schaubuehne-sindelfingen.de

SZ/BZ-Mitarbeiter Matthias Staber verfolgt seit Jahren, was Amateure auf den Theaterbühnen zeigen.

Im Theaterkeller zeigt die Schaubühne Sindelfingen „Venedig im Schnee“: eine temporeiche, enthüllende Komödie von Gilles Dyrek. Bild: Photo5/z