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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 10.11.2010

Geist der Rebellion gegen Klischees

Aidlingen-Deufringen: Das Botchkov-Trio spielt im Rittersaal eigenwilligen, zeitgenössischen Jazz

Man liegt sicher nicht falsch, wenn man schon die Besetzung um den aus Russland stammenden, wie die übrigen Bandgenossen aber in Weimar lebenden, Tenorsaxofonisten Evgueni Botchkov außergewöhnlich nennt: Des Leaders Bruder Sergey spielt E-Bass, der Bremer Ulrich Boss sitzt am Klavier. Und wo ist das Schlagzeug?

 

Die seit vier Jahren als Trio spielende Formation hat immer wieder mit Schlagzeugern experimentiert und ebenso oft wieder verworfen. Denn das Trio weiß einerseits um das Problem, ihre Musik ohne Drummer zum Funktionieren zu bringen. Andererseits steht da auch eine Drohung: Ein Schlagzeug würde die Weimarer leicht in eine konventionelle Quartett-Ecke rücken.

 

Auch die vielfach von russischem Liedgut oder Märchen inspirierten Eigenkompositionen von Saxer Botchkov täuschen leicht über den eigentlichen Geist dieser Musik. Zwar findet sich hier und da ausgeprägt Melodisches, mitunter kombiniert mit eingängiger Harmonisierung. Indes lebt das Trio vom Geist der Rebellion gegen Klischees, stammen sie nun aus Jazz, Klassik oder Folk. Eine Geisteshaltung, die stark an den 1960er Jahre-Jazz erinnert.

 

Dabei gelingen dem Botchkov-Trio mitunter zwar verstörende, aber zwingend anmutende Musikgemälde, etwa ein mit hämmerndem Punk-Bass und irisierend-nervösen Klavierlinien gespicktes "Im Wald", dem eine simple Saxofonmelodie zunächst Halt gibt. Die Märchenvertonung spiegelt verblüffend die Ambivalenz von Heimeligkeit und Unheimlichkeit wider. Pianist Boss und der Saxer mit Klassik- und Jazzausbildung sind dabei die Virtuosen, die spontan das Stück mit Inhalt zu füllen verstehen.

 

Eine, aus einer ins Atonale gehenden Skala gestrickte Komposition "Ich mach es so", erinnernd an einen nervösen Coltrane jenseits von Giant Steps, offenbart freilich die Kitzeligkeiten der Besetzung. Während Klavier und Saxofon das bizarre Material im Geschwindigkeitsrausch hin- und her wenden, muss der Bass in konventioneller Walking-Manier das Stück nach vorne treiben: Hier macht sich die Schlagzeuglücke schmerzlich bemerkbar.

 

Insgesamt überzeugen so die Stücke, die voller Mut den Bruch mit herkömmlichen rhythmischen Parametern vollziehen und sich an die Grenzen zu einem Free-Jazz herantasten, der sich für harmonisch schillerende Klanguniversen interessiert, ja selbst den Zusammenbruch nicht scheut. Intellektualität oder Abgehobenheit vermeidet das Trio dabei erfolgreich durch klar nachvollziehbare, eher jazzfremde Ostinato-Techniken. Wo dagegen zu große Nähe zu herkömmlicher Ästhetik - Schokoladensound inklusive - gepflegt wird, da bewegt sich dieses Trio immer am Rande des Scheiterns.