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02.06.2020

Geier-Küken in der Wilhelma

Nachwuchs bei den Gänsegeiern: Kleine Küken mit großer Zukunft

Weiß gefiederte Kragen, gekrümmte, kräftige Schnäbel und Flügelspannweiten von bis zu 2,80 Metern: Dass die beiden jungen Gänsegeier der Wilhelma in Stuttgart einmal so beeindruckende Gestalt annehmen werden, lässt sich im Moment nur erahnen. Erst wenige Wochen alt sind die kleinen Nesthocker, deren zartes Daunengefieder nun langsam dem hellbraunen Jugendkleid weicht. Bis zur ersten Flugstunde sitzen die Küken aber noch gut behütet in den elterlichen Horsten.

Je mehr die jungen Greifvögel heranwachsen, desto leichter lassen sie sich in der großzügigen Geiervoliere des Zoologisch-Botanischen Gartens entdecken. Vor allem das ältere der beiden Küken reckt schon neugierig seinen  langen Hals über den Rand des Nestes. Es schlüpfte bereits Ende März aus dem Ei, das seine Eltern vorher im Wechsel etwa zwei Monate bebrütet hatten. Dass sich Anfang Mai bei einem zweiten Geierpärchen ebenfalls Nachwuchs einstellte, ist ein echter Glücksfall. „Eigentlich hatten die Eltern schon ein Gelege, das leider vermutlich von den Krähen geräubert wurde“, berichtet Revierleiterin Christina Schwab. „Normalerweise legen die Gänsegeier nur ein Ei im Jahr. Es kommt nicht so häufig vor, dass sie noch einmal erfolgreich nachlegen, wenn es beim ersten Versuch nicht geklappt hat.“

Dementsprechend wenig ist von dem Nachzügler im Moment noch zu sehen, denn sein weicher Flaum schützt ihn noch kaum vor Kälte. Fast ununterbrochen sitzen Mutter und Vater abwechselnd auf dem Nest, um ihren Schützling unter dem Federkleid zu wärmen. Versorgt werden die kleinen Gänsegeier anfangs vor allem durch vorverdaute Nahrung, die die Altvögel aus dem Kropf hervorwürgen und den Jungen vor die Schnäbel halten. Sehr schnell beginnen die Nestlinge aber, vorgewürgte Fleischbrocken selbstständig zu fressen. Denn schon mit etwa vier Monaten sind sie flugfähig und bald darauf ganz auf sich gestellt. Die geselligen Gänsegeier brüten in ihrer Heimat in Kolonien und bewohnen Felshänge bis zu einer Höhe von 3000 Metern.

Dort nutzen sie feste Brutplätze, während Jungvögel in der Regel abwandern und größere Areale durchstreifen. Ihr Verbreitungsgebiet zieht sich von Spanien über den Balkan bis hin zur Arabischen Halbinsel, auch in den Alpen sind die Gänsegeier zu finden. Typischerweise stehen auf ihrem Speiseplan ausschließlich tote Tiere, die sie auf ihren täglichen Rundflügen aus großen Höhen erspähen. Dank ihrer Ernährung spielen die Aasfresser eine wichtige Rolle im Ökosystem. „Die Geier sind sozusagen als Gesundheitspolizei der Natur unterwegs“, erklärt Christina Schwab. „Indem sie Kadaver entsorgen, verhindern sie die Ausbreitung von Keimen und Seuchen. Sogar Milzbrand- und Choleraerreger können Geier aufnehmen ohne selbst zu erkranken.“

Dennoch eilt den Tieren ein schlechter Ruf voraus. Weltweit sind viele der insgesamt 23 Geierarten stark gefährdet, denn die Vögel werden Opfer von Wilderei, sterben an Giftködern oder bei Kontakt mit Stromleitungen. Der Zoologisch-Botanische Garten unterstützt daher nicht nur die Organisation „VulPro“ (Vulture Conservation Programm), die sich in Südafrika für den Geierschutz einsetzt. Die Wilhelma beteiligt sich mit ihren Nachzuchten auch an einem Auswilderungsprojekt für Gänsegeier im bulgarischen Rhodopen-Gebirge, wo diese Greifvogelart bereits als ausgerottet galt.

Ob auch die jüngsten Zöglinge später Teil diese Programms werden oder im Rahmen der internationalen Zuchtbemühungen in einem anderen Zoo für den Erhalt ihrer Art sorgen, wird aber frühestens im kommenden Jahr entschieden, wenn aus den beiden Nestlingen ausgewachsene, imposante Greifvögel geworden sind.