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Matthias Staber · 01.06.2016

Freiheit aus der Spraydose

Ein Thema, das auch Jugendlichen unter den Nägeln brennt: 15 Graffiti-Sprayer zwischen neun und 35 Jahren haben sich mit dem Begriff und der Bedeutung des Worts Freiheit beschäftigt. Die Ergebnisse sind ab dem 24. Juli in der Sonderausstellung „Freiheit – großgeschrieben?“ im Deutschen Bauernkriegsmuseum in Böblingen zu sehen. Museumschefin Cornelia Wenzel schreibt damit das Konzept ihrer Ausstellung „Freiheit und ihre Grenzen“ aus dem Jahr 2010 fort.

Eine „Welt ohne Waffen“ wünscht sich Nariman Zoukari Alnabulsi, die vor knapp zwei Jahren vor dem Krieg aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland floh. „Bei diesem Bild arbeite ich hauptsächlich kalligrafisch“, erklärt die 32-Jährige in ausgezeichnetem Deutsch.

Das heißt: Ihre Friedensbotschaft bringt Alnabulsi mit fein gearbeiteten arabischen Lettern auf die sieben mal 2,80 Meter große Holzplatte, die ihr Cornelia Wenzel vom Deutschen Bauernkriegsmuseum in der Böblinger Alten TÜV-Halle zur Verfügung gestellt hat, um ein Exponat für die Ausstellung „Freiheit – großgeschrieben?“ zu fertigen.

Für ihre arabischen Lettern arbeitet Nariman Zoukari Alnabulsi mit Acryl-Farben: Mit dieser Technik ist die studierte Künstlerin vertraut. „In Syrien habe ich hauptsächlich mit Öl oder Acryl gearbeitet“, erzählt Alnabulsi, die in Beirut Kunst studiert hat.

Neu für Nariman Zoukari Alnabulsi ist die Arbeit mit der Sprühdose, mit der sie die restliche Fläche ihres Werks bearbeitet: Als Graffiti-Sprayerin betätigte sich Alnabulsi bislang nicht. „Für mich bedeutet diese Ausstellung die Chance, überhaupt mal wieder mit Farben arbeiten zu können“, sagt die ausgebildete Sport- und Pilates-Trainerin, die derzeit in Böblingen wohnt und im Sportzentrum Paladion beschäftigt ist: Denn selbst Farben zu kaufen, könne sie sich als Geflüchtete nicht leisten. Über ihr Leben in Syrien sagt Nariman Zoukari Alnabulsi: „Ich habe vor dem Krieg nicht über Politik nachgedacht. Ich hatte in Syrien zwar keine Freiheit, aber ein gutes Leben.“

In der Person der jungen syrischen Künstlerin wird so das Grundthema der Ausstellung „Freiheit – großgeschrieben?“ lebendig, das die Leiterin des Bauernkriegsmuseums, Cornelia Wenzel, bereits zum zweiten Mal mit der in der Hip-Hop-Kultur verwurzelten Graffiti-Technik bespielen lässt. „Für mich stellt die Freiheit das grundlegendste Thema des Bauernkriegs dar“, sagt Cornelia Wenzel: „Der Wunsch nach Freiheit war der Leitgedanke des Bauernkriegs.“

Um das Thema Freiheit in einen aktuellen Bezug zu stellen, konzipierte Cornelia Wenzel 2010, zum 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, die Ausstellung „Freiheit und ihre Grenzen“, in der Graffiti-Sprayer die Exponate erstellten. „Unter anderem ging es mir darum, Jugendlichen zu vermitteln, dass im Bauernkriegsmuseum nicht nur tradierte Geschichte repräsentiert wird, sondern Themen verhandelt werden, die uns noch heute unter den Nägeln brennen“, so Cornelia Wenzel: „Und seit 2010 hat das Thema Freiheit sogar noch an Brisanz gewonnen.“

Elf Sprayer beteiligten sich 2010 an der Ausstellung. Die meisten davon finden sich auch unter den 15 diesjährigen Teilnehmern zwischen neun und 35 Jahren wieder. Die meisten Teilnehmer stammen aus der Hip-Hop-Szene, vermittelt von Max Frank, Jugendsozialarbeiter im Jugendbüro Weil der Stadt. „Das Ausstellungskonzept kommt bei den Teilnehmern gut an“, sagt Cornelia Wenzel: „Sie sehen darin eine Chance, ihr Können legal zu zeigen.“

„Free“: Diesen Schriftzug hat die neunjährige Nora aus Stuttgart auf ihre Holzplatte gesprüht. Anders als Nariman Zoukari Alnabulsi arbeitet Nora ausschließlich mit der Sprühdose, mit der sie im Gegensatz zu der Syrerin bereits Erfahrung sammeln konnte: Auf dem Abenteuerspielplatz West und im Jugendhaus Mitte konnte Nora in Stuttgart bereits bei Workshops Graffiti-Erfahrung sammeln. Unterstützt wird Nora von ihrer Mutter Andrea, die in der Hip-Hop-Szene als Breakdancerin aktiv ist. „Umgesetzt wird allerdings ausschließlich, was Nora möchte“, sagt Andrea und lacht.

Die Ausstellung „Freiheit – großgeschrieben?“ wird am 24. Juli um 11.15 Uhr im Deutschen Bauernkriegsmuseum in der Zehntscheune Böblingen eröffnet. Sie läuft bis zum 23. Oktober.

Matthias Staber