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Von Hansjörg Jung, Rebekka Groß, Daniel Bilaniuk und Joschua M. Bieger · 25.09.2017

„Fahre nicht euphorisch nach Jamaika“

Bundestagswahl 2017: Die Kandidaten, Fakten und Meinungen am Wahlabend / Landrat Bernhard: „Absage an die Große Koalition“

„Ich fahre nicht mit Euphorie nach Jamaika“, sagt Dr. Florian Toncar, der nach vier Jahren wieder in den Bundestag einzieht, angesichts der Koalitionsvariante schwarz-gelb-grün, die am Wahlabend bereits hochgehandelt wird. „Aber wir werden miteinander reden“, fügt er hinzu. Gesprächsbedarf sieht er hierbei vor allem in Sachen digitale Zukunft und Verkehrspolitik. Mit dem von den Grünen geforderten Verbot von Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2030 können die Liberalen gar nichts anfangen. „Natürlich brauchen wird eine neue Technologie. Aber dies muss der Staat befördern und nicht in Gesetzestexten festschreiben“, sagt Toncar.

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Zum Abschneiden der FDP sagt der Liberale: „Es fällt auf, dass die Marge zwischen Erst- und Zweitstimme sehr gering ist. Das war nicht immer so.“ Ob es nun an seiner Person gelegen hat, will Dr. Toncar nicht bewerten. „Dazu fehlt mir die Perspektive. Das kann man erst bewerten, wenn alle Ergebnisse vorliegen – ob dies nur im Wahlkreis Böblingen so ist oder ein allgemeiner Trend.“ Apropos Trend. „Die AfD hat das Ergebnis eingefahren, das man erwarten konnte. So traurig das ist, aber es überrascht mich auch in dieser Höhe nicht.“

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Überrascht war der künftige FDP-Abgeordnete vom früh angedeuteten Rückzug der SPD aus jedweden Koalitionsverhandlungen. „Ich verstehe, dass die SPD einen harten Wahlabend hat. Aber dass eine Partei, die 21 Prozent geholt hat, sich nicht an einer Regierung beteiligen möchte, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Das ist ein schwerer Fehler und ein fahrlässiger Umgang mit Wählerstimmen“, sagt Dr. Florian Toncar.

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Trotz des Erfolges der AfD gab es am Wahlabend keine Parteiparty im Kreis Böblingen. „Wir machen nach der Wahl ein Helferfest“, hatte der Kandidat Markus Fronmaier schon im Vorfeld angekündigt. Der künftige Bundestagsabgeordnete war am Sonntag auch schon in Berlin, wo er bei verschiedenen Talk-Shows Rede und Antwort zu stehen hat. „Wir hatten damit gerechnet, dass wir stark abschneiden. Aber dass es so ausfällt, freut uns natürlich nach den letzten Umfragewerten“, sagt er am Telefon. Den „Vertrauensvorschuss“ des Wählers gelte es nun in „gute Sacharbeit“ umzusetzen. Als Themen nennt er dabei die „Euro-Rettungspolitik“ und die „Flüchtlingskrise“. Fronmaier: „das, was wir im Wahlkampf thematisiert haben. Wir sind diejenigen, die die unangenehmen Themen aufgreifen.“

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Die Jamaika-Koalition ist auch ein Thema bei den Grünen. „Natürlich wollen wir regieren, aber nicht aus Selbstzweck, sondern um unsere Themen Klimaschutz und eine humane Flüchtlingspolitik nach vorne zu bringen“, sagt Tobias Bacherle. Mit Blick auf das Ergebnis herrscht bei den Grünen im Kreis Zufriedenheit. „Wir haben uns im Land und im Wahlkreis deutlich gesteigert.“. Zum Abschneiden der AfD sagt Tobias Bacherle: „Das ist die Botschaft für alle Parteien, sich zu zeigen und die Wähler zu überzeugen und nicht den Thesen der AfD hinterherzurennen – das wäre der Rechtsruck“.

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„Ich bin gespannt und realistisch“, sagt die SPD-Bundestagskandidatin Jasmina Hostert wenige Minuten vor der ersten Hochrechnung. Kurz darauf sind die Mienen von Hostert und ihren Parteifreunden im Maichinger GSV-Vereinsheim getrübt. „Ein bisschen mehr als 20 Prozent hätte ich mir trotz der schlechten Umfragewerte schon gewünscht. Aber vielleicht ist ja mein persönliches Ergebnis im Wahlkreis etwas besser“, gibt sie sich hoffnungsvoll. Ein paar Stunden später hat sie zumindest teilweise einen Grund zur Freude. „In Böblingen liege ich wie es aussieht über dem SPD-Bundesdurchschnitt, das ist super“, freut sich die 34-Jährige. „Lass dich drücken“, sagt der Sindelfinger SPD-Gemeinderat Axel Finkelnburg und nimmt die enttäuschte Jasmina Hostert kurz in den Arm. In einem sind sich die beiden einig: Die SPD darf nicht weiter Teil einer großen Koalition sein. „Ich möchte, dass meine Partei in die Opposition geht“, sagt Jasmina Hostert entschlossen. Als die fünfjährige Tochter Ella um die Ecke biegt und fragt, wie lange man noch hier bleiben muss, huscht ein Lächeln über Jasmina Hosterts Gesicht.

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Verhaltene Reaktionen auf die ersten Hochrechnungen. Im Böblinger Arbeiterzentrum der Betriebsseelsorge wurde das Ergebnis der Linken nicht anders erwartet. „Was ich an diesem Abend am meisten bedauere, ist das Abschneiden der AfD“, sagt Richard Pitterle, Kandidat der Linken. „Dass es nun eine Plattform für Rassisten und Rechtsradikale gibt. Das Ergebnis der SPD ist desaströs, was ich bedaure, da gibt es keine Schadenfreude. Denn wenn wir in diesem Land etwas verändern wollen, geht das nur mit der SPD“. Auch der Kreisvorsitzende Richard Stübner sieht im Erstarken der AfD das größte Problem. Er sagt, es handle sich um eine „fatale Entwicklung“ für die Bundesrepublik. „Die sozialen Themen kommen auch bei der AfD zu kurz. Förderung des sozialen Wohnungsbaus, Altersarmut, prekäre Löhne, für diese Themen steht nur die Linke“, so Stübner.

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Zum Abschneiden der Linken sagt Richard Pitterle: „Ich hatte mir ein Ergebnis an der zehn Prozent-Marke gewünscht. Das haben wir nicht erreicht. Aber wir haben dennoch leicht zulegt, deshalb ist es ein gutes Ergebnis, zumal eine andere Partei ja viele Protestwähler abgegriffen hat.“ Wenn aber der Linken Protestwähler verloren gingen, woher kommt das bessere Ergebnis? „Wir haben eine Koalition in Thüringen, die reibungslos funktioniert. Ich denke, dass wir auch linksliberale Wählerkreise erreichen, vor allem in Groß- und Universitätsstädten – auch in Baden-Württemberg. In der Fläche sieht es aber eher anders aus.“

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„Ich glaube, die Wähler wollten einer erneuten Großen Koalition eine Absage erteilen“, analysiert Landrat Roland Bernhard das Wahlergebnis. Die SPD sei keine Volkspartei mehr, und auch die CDU verliere an Boden. „Obwohl es Deutschland gut geht“, sagt der Landrat. Und: Man muss die AfD in der Arena der Demokratie stellen. Denn die AfD ist nicht die Alternative, sondern die Dreierkonstellation von Schwarz-Gelb-Grün.

Zwei weitere Abgeordnete aus dem Wahlkreis Böblingen im Bundestag: Markus Fronmaier von der AfD und Florian Toncar von der FDP. Bider: z