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Von unserem Redakteur Tim Schweiker · 16.11.2016

Ein Sindelfinger und seine Stuttgarter Charakterköpfe

Fotografie: Der 62-jährige Wilhelm Betz hat 40 Jahre lang bei IBM gearbeitet, studiert jetzt Fotografie und hat im Silberburg-Verlag seinen ersten Bildband veröffentlicht

Stuttgarter Charakterköpfe: 56 davon hat der Sindelfinger Wilhelm Betz für sein im Silberburg-Verlag erschienenes Buch porträtiert. Alle in Schwarz-Weiß. Wilhelm Betz zeigt Typen mit Ecken und Kanten. Sternekoch Vincent Klink ist dabei, der Choreograf und Compagnie-Chef Eric Gauthier, die Ballettlegende Egon Madsen, Theater-Intendant Sebastian Weingarten, Comedian Michael Schulig, der Schriftsteller Wolfgang Schorlau, der Wirt Günther Oberkamm, der Weinhändler Bernd Kreis, der Grünen-Chef Cem Özdemir, das Fernseh-Urgestein Ulrich Kienzle und viele andere.

Uwe Bogen, Redakteur und Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, hat für das Buch die Porträtierten befragt, was sie geprägt hat, was Stuttgart für sie bedeutet und was aus ihrer Sicht den Charakter dieser Stadt ausmacht. Da ist viel von Liebe zu Stuttgart zu lesen, aber auch von Ärger über Bauwahn und Abrissbirne. Bogens Texte machen aus diesem sehenswerten Bildband auch ein lesenswertes Buch.

Hätte man Wilhelm Betz, 62, vor ein paar Jahren prophezeiht, er würde einmal ein Buch mit seinen Fotos veröffentlichen, er hätte einem vermutlich den Vogel gezeigt. Denn bis vor zwei Jahren hat Betz noch bei IBM gearbeitet. 40 Jahre lang, 25 davon im Vertrieb. „Die Fotografie war ein Hobby, der Schwerpunkt lag auf der Reisefotografie“, sagt er. Ein Hobby freilich, dass er jetzt, in der sogenannten Ruhephase seiner Altersteilzeit, auf professionelle Füße stellt.

Wilhelm Betz studiert an der Fotoakademie in Stuttgart. Die Serie der „Stuttgarter Charakterköpfe“ beginnt als Semesterarbeit. Unter den anfangs 16 Porträtierten ist auch Uwe Bogen, im Gespräch entwickeln die beiden die Idee, die „Stuttgarter Charakterköpfe“ auch als Buch zu veröffentlichen. Als erster Schritt entsteht im vergangenen Sommer eine Ausstellung im Kulturnetzwerk Blaues Haus in Böblingen.

„Die meisten der Porträtierten habe ich erst während des Projekts kennengelernt“, sagt Wilhelm Betz. Er habe sich dabei nicht nur fotografisch entwickelt, sagt der gebürtige Südhesse, der seit 1998 in Sindelfingen lebt. „Ich habe auch Stuttgart erst so richtig kennengelernt.“ Beim Casting für die Serie bekam Wilhelm Betz Hilfe von seiner Frau. Als eifrige Zeitungsleserin hat sie ihm Vorschläge gemacht, die sich aus ihrer täglichen Lektüre ergeben haben. „Ich habe die Leute angeschrieben und dann auch sehr viele Rückmeldungen bekommen“, sagt Betz.

Porträtiert hat Wilhelm Betz die meisten der Charakterköpfe in deren Wohnungen oder am Arbeitsplatz. „Es war sehr spannend zu sehen, wo und wie die Leute leben. Ich habe dort mein mobiles Studio aufgebaut und dann ging es los.“ Nervös sei er bei den Porträts von Fotografen-Kollegen gewesen. Fotograf Dietmar Henneka etwa sei für in ein „ganz starker Typ“. Oder Dieter Blum, der einst mit seinen Fotos den Marlboro-Cowboy zur Werbe-Ikone gemacht hat. „Es waren die letzten Aufnahmen in seinem Studio. Danach wurde es abgerissen.“

In seiner akribischen Arbeit mit Licht und Schatten, das den unverfälschten Blick auf die Porträtierten ermöglicht, orientiert sich Betz an der Design-Theorie von Tom Moog: Ordnung, Kontrast, Reduktion. So könne er das Wesentliche eines Menschen, einen bestimmten Moment, ein Gefühl, am besten festhalten. „Da haben Weichzeichner und Retusche keinen Platz“, sagt Betz.

Und warum sind keine Frauen dabei? Die Frage hört Wilhelm Betz häufig. Er hat natürlich längst eine Antwort darauf. Eine Serie „Stuttgarter Frauen“ ist in Arbeit, ein Buch soll nächstes Jahr erscheinen. Es werden etwas andere Porträts sein als in seinem ersten Buch. „Bei den Shootings habe ich gelernt, dass harte Lichtsets und scharfe Kontraste für Porträts von Frauen nicht so gut geeignet sind“, sagt Wilhelm Betz.

Info

Wilhelm Betz, Uwe Bogen: Stuttgarter Charakterköpfe. Silberburg-Verlag 2016. ISBN 978-3-8425-1493-5. Zwölf Bilder aus der Serie der Charakterköpfe sind während der Stuttgarter Buchwochen bis 4. Dezember zu sehen im Haus der Wirtschaft in Stuttgart, Willi-Bleicher-Straße 19. Mehr zum Fotograf unter http://www.wilhelm-betz-fotografie.de>www.wilhelm-betz-fotografie.de