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Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 29.06.2016

Ein Hut, Asbest und Stöckelschuh

Kontrolle: 300 000 Sendungen wickelt der Zoll in der Herrenberger Straße in Böblingen pro Jahr ab, der Löwenanteil ist Industrieware – und manchmal ist die Überraschung groß

Ein Hut geht um die halbe Welt, ein Mann muss zum Zoll. Das vermeintliche Schnäppchen aus Amerika wird zum teuren Vergnügen, der Waldenbucher hat die Rennerei. Das ist Alltag im ehemaligen HP-Gebäude in der Herrenberger Straße 130.

Es scheint nichts zu geben, was die 14 Mitarbeiter im Böblinger Zollamt noch nicht gesehen haben. Manchmal lassen sich ältere Herren blaue Pillen schicken, nachdem sie in Thailand so gute Erfahrungen damit gemacht hatten. Beim genieteten Damenschuh flossen Tränen, weil die Käuferin die gefälschte Ware nicht mit nach Hause nehmen durfte. Plagiat ist Plagiat, dagegen hilft auch keine Steuer. Und einmal musste einer antanzen, um ein Päckchen zu öffnen. Drin dufteten ein gutes Dutzend gebrauchter Damenslips. „Bei uns herrscht dann erst mal Fremdschämen. Ein Verstoß war das nicht, aber für den Käufer zumindest eine recht peinliche Situation“, sagt Kathi Hellermann, die das für den Landkreis zuständige Zollamt leitet.

Die Geschichten, die das Leben schreibt, klingen schwer nach Kabel eins und „Achtung Kontrolle!“ Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit, es ist nur ein Bruchteil davon. Von den 300 000 Sendungen, die der Zoll hier abwickelt, gehen nur über 16 000 den Postweg. Und nur 80 bis 100 Pakete pro Tag landen direkt im eher beschaulichen Lager. „95 Prozent ist Industrie-Ware“, sagt Thomas Seemann, Pressesprecher des Hauptzollamtes. Insgesamt laufen Waren im Wert von 210 Millionen Euro ein.

Wobei einlaufen genau genommen das falsche Wort ist. Zeiten, in denen die Zöllner ganze Lkw-Ladungen auseinander genommen haben, sind vorbei. In immer höherer Geschwindigkeit wird produziert, geordert, geliefert. Just-in-Time ist ein Zauberwort, das die großen und kleinen Unternehmen Lagerhallen abbauen lässt. Der Durchlauf wird höher und schneller, und für die Logistikunternehmen ticken Stoppuhren.

Trotzdem wird alles, was von außerhalb der EU nach Deutschland kommt – und umgekehrt – erfasst, kontrolliert und dokumentiert. Bei großen Unternehmen laufen vereinfachte Verfahren. Kathi Hellermann: „Wenn alles beim Zoll vorbei kommen würde, hätten wir einen Stau bis nach Rosenheim.“ Im Grunde geht es darum, Kontrollketten einzuhalten. In der Regel von Umschlaghäfen wie in Rotterdam bis zur Lieferadresse. Das große Datensystem heißt „Atlas“, Thomas Seemann vergleicht es mit dem Steuersystem Elster. Hierfür werden Papiere ausgefüllt und Dokumente gepflegt.

Das meiste läuft digital über die Computer – was nicht heißt, dass die Zollbeamten bei den Großen nicht vorbeischauen. „Wir können immer eingreifen und prüfen, ob die Ware vollständig ist. Wir arbeiten risikoorientiert. Im Zweifel können wir den Durchlauf stoppen und eine Beschau machen“, sagt Kathi Hellermann. Die Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz (ZGR) stellt Dokumente für vereinfachte Verfahren aus, listet aber für die Zollbehörde auch Erkennungsmerkmale auf. Diese helfen genau wie der siebte Sinn der Beamten, die Röntgensysteme oder die Zollhunde, die Schwarzen Schafe zu erwischen.

Die Klaviatur ist danach breit aufgefächert. Die Beamten arbeiten genau, haben aber auch Spielraum. Wenn Papiere oder Rechnungen nicht stimmen, ist das das eine. Aus vermeintlichen Kavaliersdelikten wird aber schnell ernst. Stichwort Plagiat: An gefälschter Ware hängen Arbeitsplätze. Ein Plagiat ist aber selten so hochwertig wie das Original. Im nachgemachten Damenschuh knickt die Frau von Welt vielleicht mal um. Und der Hobbysportler bekommt im Adidas-Double einen Hautausschlag. Bei Bremsen oder Felgen sieht das aber anders aus. Thomas Seemann: „Ein Autohersteller ist aus Demonstrationszwecken mit einer gefälschten Felge mal über einen Bordstein gefahren. Die hat es schlichtweg zerbröselt.“ Spätestens jetzt sollte man verstehen, warum die Beamten immer so genau hinschauen.

Noch dramatischer ist es, wenn es um Medikamente geht. Diese werden vermehrt über den Internethandel vertickt. In Mode sind Nahrungsergänzungsmittel. Fitnessfans erhoffen sich größere Muskeln, Schlankheitsfanatiker purzelnde Pfunde. Gehandelt werden auch Krebstabletten. „Bei solchen zeigte eine Untersuchung im Labor, dass Motorenöl und Asbest verarbeitet wurden. Das muss man nicht mehr kommentieren“, sagt Kathi Hellermann. Thomas Seemann: „Am häufigsten werden Zigaretten gefälscht. Es ist unglaublich, was die Leute sich da antun.“

Direkt strafbar machen sich die Käufer und Konsumenten nicht, wenn sie sich gefälschte Ware liefern lassen. Aber ein Luxushersteller, der besonders für seine Handtaschen und Gepäckartikel bekannt ist, lässt automatisch seine Anwälte auf Leute los, die auf seltsamen Internetseiten sein Geschäft schädigen. Dazu verlangt er pauschal 250 Euro. Als Mahngebühr.

Meistens geht es so weit nicht. „Aber wenn jemand für 40 Euro einen 550-Euro-Artikel kauft, muss er mit Konsequenzen rechnen. Diese dubiosen Firmen liefern nicht auf Rechnung. Das Geld ist bezahlt und somit verloren, die Ware wird vernichtet“, sagt Thomas Seemann.

Die Praxis sieht so aus: Fällt ein Paket auf, bekommt der Käufer ein Schreiben, dass er es innerhalb von 20 Tagen beim Zoll öffnen und abholen kann. Bei einem Gesamtwert bis 22 Euro inklusive Versandgebühren wird bei Tabak oder Alkohol die Verbrauchsteuer fällig. Bis 150 Euro kommt die Einfuhrumsatzsteuer in Höhe von sieben oder 19 Prozent hinzu. Ab 150 Euro greift zusätzlich der Zollsatz, der bei jeder Ware verschieden ist.

So lief es auch bei einem Waldenbucher, der den roten Hut von einem Bekannten in den USA für seine Frau als Geschenk erklärte. Den Umweg über den Bekannten gab es aber nicht, der Hut wurde direkt bei der Firma gekauft. Zu den 60 Euro Kaufpreis kamen 10 Euro Versandgebühren, dazu 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer. Das macht unterm Strich 83,30 Euro, einen Umweg nach Böblingen, und die Rechnung hat er noch organisieren und nachreichen müssen.

Vitaminpillen, Bleichmittel, gefälschte Klamotten und der von der Fifa geschützte WM-Pokal, Sportschuh und Lichtschwert: Endstation Zoll in Böblingen.

Bilder: Wegner