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26.04.2014

„Ein Greifvogel bleibt immer völlig frei“

Das Porträt Die 29-jährige Vanessa Müller hat in Weil im Schönbuch eine Falknerei aufgebaut / Einweihung mit einem Tag der offenen Tür am Donnerstag, 1. Mai

Zielgenau landet der junge Falke auf dem ausgestreckten Lederhandschuh von Falknerin Vanessa Müller. Eine kurze Handbewegung der 29-Jährigen, und der Vogel erhebt sich wieder majestätisch in die Luft, um wenige Meter auf einem Baumstumpf zu landen und seinen wachen Blick auf die Falknerin zu richten. Die Frage im Blick des Falken lautet: „Gibt es noch Nachschlag?“

Denn den Kommandos von Vanessa Müller folgt der Greifvogel nicht aus Zuneigung. „Falken sind aufs Energiesparen programmiert“, erklärt die Falknerin: „Sie bewegen sich nur, wenn sie etwas davon haben.“ Ein Falke will weder spielen noch kuscheln oder gestreichelt werden. Er will Nahrung. Und wenn der Mensch dem Greifvogel bei der Nahrungssuche von Nutzen ist, kann eine Zusammenarbeit zustande kommen.

Falke und Falkner bilden ein Team auf Augenhöhe. Ein Verhältnis wie zwischen Hund und Herrchen kann es bei Greifvögeln niemals geben. Und deswegen kann sich der junge Falke, der seinen scharfen Blick auf Vanessa Müller gerichtet hat, zwar überzeugen lassen, noch einmal auf deren Lederhandschuh zu landen. Doch nur, wenn es dafür etwas zu fressen gibt. Maus, Ratte oder Kaninchen wären willkommen. Gerne auch Hühnchen.

In dieser Unabhängigkeit liegt die Faszination der Falknerei für Vanessa Müller, die 1984 in Filderstadt geboren wurde. Seit frühester Kindheit begeistert sie sich für Tiere. Seit ihrem achten Lebensjahr beschäftigt sich Vanessa Müller mit Pferden. „Ein Pferd vertraut einem die Leitung an“, erläutert Vanessa Müller: „Ein Greifvogel bleibt hingegen immer völlig frei. Das fasziniert mich.“

Ein Fernsehbeitrag weckt bei Vanessa Müller das Interesse an der Falknerei. Doch eine Bewerbung bei der Falknerei auf Burg Guttenberg um eine Ausbildung scheitert. Vanessa Müller beginnt ein Studium der Biologie in Tübingen, das sie später mit einem Bachelor abschließen wird. Sie zieht nach Reutlingen und macht neben ihrem Studium ihren Jagdschein, der Voraussetzung ist für den anschließenden Falknerschein.

Vanessa Müller lernt den Hobby-Falkenzüchter Wolfgang Weller kennen, der Vanessa Müller den jungen Falken König zum Training anvertraut. „Interessiert, aber vorsichtig“ hätten die Nachbarn in Reutlingen reagiert, als Vanessa Müller in ihrem Garten eine 1,70 mal 1,50 Meter große Vogelhütte baute, in der anschließend König residierte.

Die Aufzucht von König wird ein voller Erfolg: In den Folgejahren bekommt Vanessa Müller von Wolfgang Weller zwei bis drei Falken pro Jahr zur Aufzucht anvertraut. Sie hilft bei Greifvogel-Vorführungen und „rutscht in die Falknerei rein“, wie sie es formuliert. 2009 folgt eine Anstellung an der Burg Guttenberg als Teilzeit-Falknerin, danach in Bayern. Dabei sammelt sie auch Erfahrung im Umgang mit Adlern und Geiern. Die Falknerei wird für Vanessa Müller vom Hobby zum Beruf. Irgendwann steht die Frage im Raum: Vollzeit-Anstellung und Verzicht auf eigene Greifvögel? Oder der Aufbau einer eigenen Falknerei?

Zusammen mit Pierre Urbanek, hauptberuflich 3-D-Designer und nebenberuflich in der Falknerei seiner Ehefrau eingespannt, entscheidet sich Vanessa Müller für eine eigene Falknerei. „Manche alteingesessenen Falknereien haben zu wenig Platz für ihre Vögel“, nennt sie als einen der Gründe: „Die Bestimmungen bei der Haltung von Greifvögeln haben sich in den letzten Jahren geändert, aber alte Betriebe genießen Bestandsschutz. Ich möchte aber so nicht mit Greifvögeln arbeiten.“

In Weil im Schönbuch wurden Vanessa Müller und Pierre Urbanek auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück fündig. 2012 erfolgte die Bauvoranfrage für die rund zwei Hektar große Falknerei mit der Adresse Lauhwiesenstraße 49. Am 1. Mai dieses Jahres feiert die „Garuda Falknerei“ von Vanessa Müller mit einem Tag der offenen Tür Einweihung. 15 Vögel wohnen dort, darunter sechs Falken, fünf Eulen und ein Adler.

Regelmäßige Veranstaltungen für Besucher sind dort nicht geplant: Vanessa Müller verdient ihr Geld hauptsächlich dadurch, dass sie sich und ihre Vögel für Vorführungen in Burgen und auf Mittelalter-Märkten buchen lässt. Zwei Vorführungen sind das pro Tag in der Hochsaison. An Urlaub ist während dieser Zeit nicht zu.

„Falken haben einen sehr schnellen Stoffwechsel“, erklärt Vanessa Müller: „Nach drei Tagen ohne Training bauen Greifvögel Muskeln ab und haben keine Kraft mehr.“ Allenfalls im Winter kann Vanessa Müller ihre Tiere einem befreundeten Falkner anvertrauen, um ein paar Tage Urlaub zu machen. „Die Falknerei ist weniger ein Beruf als Passion und Berufung“, sagt Vanessa Müller.

Info 1. M

Am 1. Mai öffnet die „Garuda Falknerei“ in der Lauhwiesenstraße 49 in Weil im Schönbuch von 11 bis 19 Uhr für einen Tag der offenen Tür ihre Pforten. Neben Vorführungen gibt es für Kinder die Möglichkeit, bei der Fütterung der Tiere zu helfen. Weitere Informationen gibt es unter www.garuda-falknerei.de im Internet.

Vanessa Müller eröffnet am 1. Mai ihre Falknerei in Weil im Schönbuch. Ihre Arbeit sieht die 29-Jährige weniger als Beruf, sondern viel mehr als Passion und Berufung. 15 Vögel, darunter dieser Adler, haben derzeit am Schönbuchrand ihr Zuhause. Bild: Staber