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VON RONALD LARS · 28.05.2016

Edles Blech inmitten von Industriedenkmälern

Böblingen: Zu den Firmen in der Motorworld auf dem Flugfeld gehört auch „Der Bildermeister“ / Oldtimer und andere Liebhaberfahrzeuge in Szene gesetzt

Seit zehn Jahren fotografiert „der Bildermeister“

Oldtimer und Liebhaberfahrzeuge

der Sport- und Luxusklasse

für Privatkunden –

und das am liebsten

in alten Industriedenkmälern.

In

einem solchen sitzt

auch die Böblinger

Filiale von Gerrit

Glöckner, wie

„der Bildermeister“

mit bürgerlichem

Namen

heißt: in der Motorworld auf dem Flugfeld,

im ehemaligen Landesflughafen.

Wie alle Porsche-Enthusiasten hat

auch Christian Niederhagemann aus

Dortmund eine intensive Beziehung zu

seinem Fahrzeug – in seinem Falle zu

einem 911 T Coupé. Was nicht zuletzt

daran liegt, dass beide gleichen Alters

sind. „Nach so einem Urmodell aus

dem Jahre 1971 habe ich lange gesucht

und es schließlich in Italien auch gefunden.

Es ist sogar ein seltenes Ölklappenmodell.“

Der historische

Sportwagen wurde komplett restauriert,

fast alle Originalteile blieben erhalten.

„Und scheint ab dem Frühjahr

die Sonne, fahre ich damit auch ins

Büro.“

Doch an diesem Wochenende sind

Schauer angesagt. Also gelangt der

Porsche auf einem Anhänger nach Hessen.

Eine Anreise über feuchte Straßen

mutet ihm sein fürsorglicher Besitzer

keinesfalls zu, außerdem soll sein blutorange-

farbenes Blechkleid ja penibel

VON

RONALD LARS

sauber sein. Denn „der Bildermeister“

hat zu einem Automobil-Fotoshooting

für Privatkunden geladen.

Der Grafikdesigner Gerrit Glöckner

(48) hatte vor nunmehr zehn Jahren die

Idee, künstlerisch und handwerklich

hochwertige Fotos von Liebhaberfahrzeugen

aller Art, also von seltenen und

betagten Oldtimern bis hin zu modernen

Supersportwagen, in exzentrischer

Umgebung – und das für Privatkunden

zu überschaubaren Preisen –

anzubieten. Vor allem „lost places“

(ausgediente Fabrikgebäude aus der

Gründerzeit) ziehen ihn wie magisch

an. „Ich mag es, wenn es morbide ist“,

sagt er, „denn der Kontrast verstärkt

die Wirkung.“

Aus der Gründerzeit

Und so gastiert „der Bildermeister“

heute im alten Opel-Werk in Rüsselsheim

aus der Gründerzeit in einem

„Werksensemble von Weltrang“. Das

Produktions-Team hat sein Equipment

inmitten einer gähnend leeren, neoklassizistischen

Riesenhalle aufgebaut,

in der bis 2004 noch Motorenteile

gefertigt wurden. Davon zeugt der

leichte Ölgeruch, der nach wie vor in

der Luft liegt. Die hohen Decken, von

denen hier und da etwas Regenwasser

in kleine Pfützen tropft, ruhen auf verwitterten

Stahlträgern. Von den Wänden

blättert der Putz und an dessen

Stelle gedeiht schon lange üppiges

Efeu.

Vor dieser schaurig schönen Kulisse

werden die polierten Exponate der

Privatkunden der Reihe nach fotografiert:

der Porsche 911 T von Christian

Niederhagemann aus den 70ern, ein

Ferrari Testarossa aus den 80ern, ein

Porsche Boxster aktuelleren Datums,

nicht zuletzt ein betagter, aber einfach

äußerst hinreißender Mercedes-Benz

300 SL Flügeltürer aus den späten

50ern.

Mehrmals im Jahr

„Diese Idee“, so Geschäftsführer

und Artdirector Gerrit Glöckner, „ist

einmalig. Denn die Besitzer von Oldtimern

und Sportwagen jeden Alters erhalten

von uns Hochglanzfotos, die

dem Wert ihrer Fahrzeuge gerecht

werden, und das zu einem vertretbaren

Preis, da wir die Gesamtkosten

dieser exotischen Fotoshootings auf

alle Teilnehmer umlegen.“ 199 Euro

verlangt „der Bildermeister“ für zwei

dieser außergewöhnlichen Motive.

Die meisten Kunden ordern indes mittlere

Pakete im Bereich von 600 bis 800

Euro. Dafür gibt es dann auch schon

deutlich mehr Aufnahmen: Totalansichten,

Interieur, Details.

Mehrmals im Jahr bietet „der Bildermeister“

diese Fotoshooting-Events

mit mehreren Teilnehmer in den größten

Ballungszentren im ganzen Bundesgebiet

sowie in Österreich und der

Schweiz im Rahmen der sogenannten

„Auto-Fokus-Tour 2000-x an”.

„Eine neue Location“, sagt Glöckner,

„wird von uns zunächst in aller Ruhe

nach den besten Sets abgesucht. Da

wird viel herumprobiert und auch viel

verworfen.“ Bei dieser Opel-Halle wirken

besonders ihre Größe, ihre Tiefe

und die Decke mit den baumstammdicken

Abluftrohren. In dieser Kulisse

müssen die Autos dann geschickt an

ganz bestimmten Stellen so positioniert

werden können, dass die Motive

aus mehreren Richtungen gleich gut

wirken. Diese Stellen gilt es, zu finden.

Bei dem günstigsten Angebot mit

zwei Motiven veranschlagt „der Bildermeister“

je Fahrzeug etwa 30 Minuten,

bis es exakt an den immer gleichen

Platz gerückt ist und die gewünschten

zwei Aufnahmen entstanden

sind. Via Laptop wird das Ergebnis

angezeigt, genau geprüft und gespeichert.

Im heimischen Schloss

Thurnstein im niederbayerischen Postmünster

geht dann noch einmal eine

knappe Stunde für die Nachbearbeitung

der beiden Fotos drauf: Am PC

werden Helligkeit, Kontrast, Schärfe

und Farbwerte optimiert.

Eine düstere Stimmung

Wie aus dem Nichts entsteht zum

Schluss noch eine düstere Stimmung

oder ein fahler Sonnenstrahl-Einfall –

eben der ganz spezielle „Bildermeister-

Look“, der neben dem Automobil

und der Location zum beeindruckenden

Gesamtergebnis beiträgt.

Erhalten die Kunden wenige Tage

später ihre fertigen Bilddaten,

kommentieren sie Event und Ergebnisse

gern mit Komplimenten wie „funtastisch“.

Vergrößert und gerahmt

zieren Porsche und Co. fortan Wohnzimmer-

oder Bürowände.

Zwischen den Fotoshooting-Events

lichtet „der Bildermeister“ auch die

wertvollen Preziosen einzelner Sammler

ab. Das geschieht dann meist beim

Kunden vor Ort. „Da können wir die

besonders günstigen System-Preise

der Fotoshooting-Events aber natürlich

nicht halten“, sagt Glöckner. „Das

macht aber auch rein gar nichts. Denn

wer zum Beispiel 20 oder mehr Oldtimer

in seinen eigenen Garagen aufbewahrt,

der möchte in der Regel eine

noch spezifischere Herangehensweise

und ein viel umfangreicheres Ergebnis.“

Kein Ende in Sicht

So wie jener betuchte Kunde aus

Norddeutschland, der eine „Porsche-“

und eine „Mercedes-Halle“ samt Inhalt

sein Eigen nennt. Ihm ist daran gelegen,

von allen seinen geliebten Investitionsanlagen

luxuriöse, in Leder eingefasste

Fotobildbände anfertigen zu

lassen, und zwar vor allem auch unter

dem Gesichtspunkt der lückenlosen

fotografischen Dokumentation und somit

der Wertsteigerung jedes einzelnen

Gefährts.

Stückpreis jeder Edel-Dokumentation

inklusive Fotografie: rund 3500

Euro. „Bei 26 Fotobildbänden sind wir

allein bei diesem Sammler derzeit angelangt,“

so Glöckner. „Und es ist

noch kein Ende in Sicht.“

„Der Bildermeister” geht während

des Fotoshootings in der alten Opel-

Halle mit viel Hingabe auf jeden seiner

Gäste ein und bietet ihnen in dieser

heruntergekommenen Umgebung ein

unerwartet hochwertiges Catering –

sogar mit Edel-Champagner – an. „Wir

beobachten immer wieder“, sagt er,

„dass viele Kunden deutlich länger als

nötig bleiben, um diese unwirkliche

Atmosphäre noch länger genießen zu

können und dabei mit den Besitzern

der anderen Sportwagen und Oldtimer

ins Gespräch zu kommen.“ Viele intensive

Freundschaften seien so schon

entstanden.

Auch Christian Niederhagemann

verweilt an diesem Tage länger als geplant.

Zum einen wegen vertiefter Benzingespräche.

Zum anderen, weil ihn

die Professionalität der Gastgeber beeindruckt.

„Ich fotografiere selbst.

Aber wenn ich dann hier die millimetergenau

arrangierte Harmonie zwischen

Abluftrohr, Boden, Fensterfront

und Karosserie sehe, muss ich neidlos

anerkennen: Das geschulte Auge

macht ganz klar den Unterschied.“

So ist der Dortmunder auf der Heimfahrt

auch besonders guter Dinge, weil

der historische Porsche 911 T sein Herz

nun nicht mehr nur auf der Fahrt zum

Büro erwärmen wird, sondern für immer

und für ewig als großformatiges

Wandbild in seinem Arbeitszimmer.