Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 05.02.2018

Dr. Stefan Belz gewinnt OB-Wahl klar

Böblingen: Der Grünen-Stadtrat erreicht auf Anhieb die absolute Mehrheit / Amtsinhaber Wolfgang Lützner erreicht 28 Prozent / Überraschung in den Fraktionen

Damit hatte keiner gerechnet – nicht einmal der Wahlsieger. Mit 51,3 Prozent der gültigen Stimmen hat Dr. Stefan Belz die Böblinger OB-Wahl für sich entschieden. Hauptkonkurrent und Amtsinhaber Wolfgang Lützner kam auf 28,24 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei schwachen 38,19 Prozent.

Die über 120 interessierten Zuschauer im Großen Sitzungssaal des Böblinger Rathauses erlebten zwar eine überraschende, aber keine spannende Entwicklung auf der großen Videoleinwand. Zu deutlich führte Dr. Stefan Belz von Anbeginn, nachdem sechs Minuten nach dem Schließen der Wahllokale die erste Meldung aus dem Paul-Gerhard-Weg vorlag. Der Vorsprung von Dr. Belz gegenüber seinen Konkurrenten wurde nie merklich kleiner, der Grünen-Stadtrat und Luft- und Raumfahrttechniker lag stets jenseits der 50-Prozent-Marke. Dr. Belz hatte mit guten Chancen für den zweiten Wahlgang kalkuliert, hat aber nach eigenem Bekunden nicht damit gerechnet, auf Anhieb ein solch deutliches Ergebnis einzufahren.

„Umso mehr freut es mich und ich möchte mich bei meinen Wählern bedanken“, sagte er gestern Abend im Rathaus. „Ich habe die Unzufriedenheit unter den Bürgern gespürt und wir haben mit unseren Themen den Nerv der Wähler getroffen. Aber, ich möchte ein OB für alle Böblinger sein.“

„Es war für mich am Ende nicht wirklich überraschend“, sagt der große Wahlverlierer Wolfgang Lützner. Die Emotionalität, die von seinen Mitkandidaten in den Wahlkampf getragen worden sei, hätte den Stimmungswandel in der Bevölkerung gefördert. „In den letzten acht Jahren hat sich die Verwaltung positiv verändert und viele gute Projekte angestoßen. Die Bürgerschaft möchte einen anderen Weg gehen, das muss ich akzeptieren.“

Auf die Frage, ob er ein Vermittlungsproblem seiner Arbeit nach außen habe, sagt Lützner: „Mir ist wichtiger zu arbeiten, als mein Gesicht zur Schau zu tragen. Aber wenn diese Arbeit nicht gefragt ist, dann ist es richtig, wenn ein anderer gewählt wird.“

„Es war keine Wahl für Dr. Stefan Belz, sondern gegen Wolfgang Lützner“, sagt Hans-Dieter Schühle, CDU-Fraktionschef im Gemeinderat. Die Böblinger hätte gegen den Amtsinhaber entschieden, weil er seine Baustellen nicht vor der Wahl hätte abarbeiten können. Als da wären: die Verkehrssituation in der Stadt, Fernwärme, Schießlärm oder auch der Wohnungsbau. „Böblingen geht es gut. Alles war auf einem guten Weg. Wolfgang Lützner ist weit unter Wert geschlagen worden“, sagt Schühle.

Die Ausschreibung der OB-Wahl hatte für Irritationen gesorgt, weil nicht einmal die CDU im Gemeinderat auf den Zusatz beharrte, „der Amtsinhaber bewirbt sich wieder“. Dies nährte Spekulationen, die Fraktion hätte sich von CDU-Mann Lützner entfremdet. Dem widerspricht CDU-Stadtrat Friedrich Ruoff noch einmal am Wahlabend. „Das war keine Frage der Antipathie, eher eine von technischen Schwierigkeiten.“ Ruoff hatte sich zuletzt an Wahlaufrufen pro Lützner beteiligt. „Ich hatte Gründe, ihn zu unterstützen. Ich schätze Stefan Belz als Ratskollegen, Wolfgang Lützner war für mich aber der bessere Kandidat.“

SPD-Fraktionschef Florian Wahl hat ebenfalls nicht mit einem solchen „überzeugenden Ergebnis“ bereits bei der ersten Wahl gerechnet. „Ich habe zwar schon eine Wechselstimmung gespürt – aber man lebt ja auch in seiner eigenen Blase und misstraut dann dem Gefühl.“ Dennoch: Die Böblinger hätten den Wechsel gewählt, was nicht zuletzt auf das klare Programm von Stefan Belz zurückzuführen sei.

Wechselstimmung kam auch bei Grünen-Fraktionschef Sven Reisch an, auch wenn er von der Deutlichkeit des Wahlsiegs seines Ratskollegen überrascht war. Ehemals ur-grüne Themen, die aber längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien, hätten für Dr. Belz den Ausschlag gegeben. „Die Zukunft in Böblingen wird nun etwas moderner. Es wird sich mehr Lebensqualität in der Stadt bemerkbar machen. Aber auch im Bereich Soziales und Bildung kann Böblingen noch mehr Weitblick vertragen.“

Auch FDP-Stadtrat Helmut Kurtz machte keinen Hehl aus seinem Staunen, wie klar Stefan Belz im ersten Wahlgang gewonnen hat. „Andererseits ist es gut so, dass es keinen zweiten Wahlgang gibt. Es wären quälende Wochen bis dahin geworden“, sagt er. Doch bis dahin sei der Wahlkampf für ihn sehr fair verlaufen. Helmut Kurtz: „Man kann auf Böblingen stolz sein, dass die Partnerschaft von Stefan Belz nie im Wahlkampf thematisiert wurde.“

Auch Sindelfingens OB Dr. Bernd Vöhringer gratuliert dem künftigen Kollegen. „Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit und wünsche ihm alles Gute. Wir haben bereits verabredet, dass wir uns bald einmal zum Gespräch treffen. Ich danke aber auch Wolfgang Lützner für die Zusammenarbeit. Man fühlt ja mit dem Verlierer – aber das ist das Risiko bei solch einem Amt.“

Wolfgang Lützners Amtszeit dauert noch bis 31. März. Doch bis dahin hat er auch noch Urlaub abzufeiern. Zunächst geht es nun erst einmal für ihn in die Schweiz zum Skifahren – nach Zermatt. Wolfgang Lützner denkt auch schon an den Ruhestand. „Ich bin jetzt 19 Jahre in diesem Geschäft. Da ist es legitim, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.“

Der Sieger betritt den Saal: Dr. Stefan Belz wird neuer OB von Böblingen. Bilder: Jung