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Von unserer Mitarbeiterin Rebekka Groß · 14.02.2018

„Digitale Medien sind mein Hauptthema“

Fasten und Verzicht: SZ/BZ-Interview mit Jörg Litzenburger, dem Präventionsbeauftragten des Landkreises BöblingenDer Ehninger Jörg Litzenburger ist seit 1992 Präventionsbeauftragter des Landkreises Böblingen. Hier ist er unter anderem für die Koordination von Suchtprävention und hilfe sowie Gewalt- und Kriminalprävention zuständig.

Die SZ/BZ hat sich mit dem 55-Jährigen über die Themen Sucht, Fasten und die Vorteile des bewussten Verzichts unterhalten.

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Welche Vorteile sehen Sie als Präventionsbeauftragter in Fasten und freiwilligem Verzicht?

Jörg Litzenburger: „Da gibt es zwei Aspekte. Zu allererst finde ich es für eine bestimmte Zeit sinnvoll, etwa auf Gewohnheiten wie Koffein, Zucker oder den Umgang mit elektronischen Medien zu verzichten. Dabei ist es aber auch sinnvoll zu beobachten, wie man mit dem Verzicht umgeht. So hat man die Chance festzustellen, ob man den Konsum noch in der Hand hat, oder ob es umgekehrt ist.“

Sie haben den Verlust von Kontrolle angesprochen. Ab wann spricht man von einer Sucht?

Jörg Litzenburger: „Das ist eine schwierige Definition. Ich würde sagen, immer dann, wenn Konsum in missbräuchliches Verhalten übergeht. Das bedeutet, wenn es einem etwa beim Trinken von Alkohol nicht um den Genuss geht, sondern versucht wird, damit Probleme zu verdrängen. Alkohol als Problemlöser wird nie funktionieren. Allerdings ist dieser Übergang fließend. Bei einer sogenannten stofflichen Sucht folgt auch irgendwann eine Dosissteigerung. Einfach gesagt: Wenn ich weiß, dass etwas für mich nicht gut ist und trotzdem nicht davon ablassen kann, dann habe ich ein Problem.“

Sehen Sie Fastenzeiten also als sinnvoll an?

Jörg Litzenburger: „Wenn es um die Kontrolle geht, ist die Fastenzeit als Impulsgeber für einen bewussteren Konsum sicher sinnvoll. Ich bin jedoch kein Freund von Völlerei an Festtagen und anschließendem radikalem Verzicht auf alles. Wenn es um die Gesundheit geht, sollte man besser eine kontinuierliche Lösung anstreben. Gerade auch, was etwa den Zuckerkonsum bei Kindern und Heranwachsenden betrifft.“

Inwiefern ist ein erhöhter Zuckerkonsum kritisch zu sehen?

Jörg Litzenburger: „In Hinblick auf die Ernährung ist ein übermäßiger Zuckerkonsum mittlerweile das Hauptproblem, was negative Ernährungsinhalte betrifft und nicht, wie vor einigen Jahren noch angenommen, Fett. Diabetes tritt heutzutage verstärkt bei Kindern auf. Das liegt unter anderem daran, dass in einem Großteil der verpackten Lebensmittel Zucker enthalten ist, genauso wie in Fast Food oder Getränken. Da wäre die Fastenzeit für Eltern ebenfalls sinnvoll, einmal die Ernährung zu überdenken. Denn Zucker hat Auswirkungen auf alle Organe. Gerade ein Körper, der sich noch im Wachstum befindet, reagiert noch mehr auf negative Zufuhr.“

Wie sähe eine kontinuierliche, gesundheitsorientierte Lösung auch über die Fastenzeit Ihrer Meinung nach aus?

Jörg Litzenburger: „Jeder kann für sich selbst entscheiden, was er tut. Ich finde es jedoch immer gut, nicht nur passiv einen Verzicht auszuüben, sondern diesen gleichzeitig mit Aktivität, sprich mit regelmäßiger Bewegung und Sport zu kombinieren. Dabei werden Endorphine freigesetzt, was auch wichtig für das psychische Wohlbefinden ist. Und nicht zuletzt sind regelmäßige Auszeiten wichtig für den Körper. Einfach mal eine halbe Stunde nichts tun und den Gedanken freien Lauf lassen, um den Alltag zu entschleunigen.“

Welches Thema beschäftigt Sie in der Prävention zurzeit am meisten?

Jörg Litzenburger: „Mittlerweile sind die digitalen Medien mein Hauptthema. Auch junge Menschen können verschiedenste Hardware bedienen. Doch das Verstehen der Software und die Konsequenzen ihres Auftretens im Internet erklärt ihnen oft niemand. Durch den ständigen Überfluss an Informationen wird ihnen eine Entscheidungsfindung ständig abgenommen. Doch gerade das Treffen von Entscheidungen ist für ihr späteres Leben wichtig. Anstatt das Wissen in uns zu verankern, schauen wir immer wieder auf unser Smartphone und werden unruhig, wenn wir nicht darauf zurückgreifen können. Dabei sollte die Kontrolle über die Technik im Vordergrund stehen und nicht umgekehrt.“