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Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 18.04.2012

Die wunderbare Art des Kreisens

Deckenpfronn: Ein Schnupperflug-Erlebnis bei den Segelfliegern des Flugsportvereins Sindelfingen am Flugplatz Egelsee / Ab 16 Jahren mit der Lizenz zum Fliegen

Quä, quä quä – das Vario jault aufgeregt und immer höher. Dieter Fromme hat den doppelsitzigen Segelflieger in eine enge Rechtskurve gelegt. Die Spitze der Tragfläche der ASK 21 zeigt hinab auf den Kreisverkehr zwischen Deckenpfronn und Stammheim. Die Thermik trägt uns wie im Fahrstuhl in Richtung Wolkenbasis. „Wir steigen jetzt mit über zwei Meter pro Sekunde“, sagt Dieter Fromme (Bild: Jung).

Das war heute nicht immer so. Zunächst hatte es auf dem Flugplatz des Sindelfinger Flugsportvereins nach den verregneten Vortagen prima ausgesehen. Der Wetterbericht hatte ein Zwischenhoch vorhergesagt und gute Thermik. Am Himmel hängen schon die Cumuluswolken aufgereiht wie an einer Kette – Autobahnen für Segelflieger, gewissermaßen. Doch noch hängt noch zu viel Feuchtigkeit in der Luft. Nicht gut für die Thermik.

Die ersten Segelflieger, die am Flugplatz Egelsee bei Deckenpfronn gestartet sind, kommen nach ein paar Kreisversuchen bald zurück. Gemeinsam wird das Flugzeug an die Startposition zurück geschoben. Der Flugbetrieb hier ist eine Gemeinschaftsangelegenheit. Man hilft sich gegenseitig beim Start, wechselt sich beim Flugplatzdienst oder auf der Winde ab und klärt, wer mit welchem Vereinsflugzeug in die Luft geht.

Warten ist angesagt. „Das wird noch“, macht Fluglehrer Dieter Fromme den jungen Fliegern Mut, die sich um den kleinen gelben Bus des Flugplatzdienstes scharen. Die meisten Flugschüler haben ein paar Flugplatzrunden auf dem Programm. Sie dürfen schon alleine fliegen, brauchen aber noch einige Flugstunden an Erfahrung.

Alin Vladila, der sich zunächst auf die Winde setzt, ist da schon weiter. Er steht kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung und hat heute noch einen 50-Kilometer-Alleinflug vor sich. Er ist mit Blick auf die Prüfungen zuversichtlich. „Die Ausbildung beim Flugsportverein hat hohe Ansprüche. Wer sie absolviert, der kann es dann auch“, erzählt Alin Vladila. Mehr noch. Andere Fluglehrer erkennen wohl auch die Handschrift der Sindelfinger Fluglehrer.

Derzeit hat der Verein elf Jugendliche in der Ausbildung und vier so genannte Schnupperer. Ab 14 Jahren, mit einer Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidiums, wenn der angehende Flugschüler körperlich entsprechend entwickelt ist, kann er oder sie mit der Ausbildung beginnen. Darf man sich mit dem Führerschein und einer Begleitperson ab 17 Jahren in den Straßenverkehr stürzen, kann der junge Flieger schon mit 16 Jahren seine Lizenz erwerben. Vorher darf er zwar schon alleine Aufwinde suchen und durch die Lüfte gleiten, aber nur mit einem Flugauftrag des Fluglehrers.

Beispielsweise von Dieter Fromme, einer von zwölf Fluglehrern beim Flugsportverein. Vor 30 Jahren hat der gelernte Versicherungsbetriebswirt seinen Flugschein gemacht, seit 25 Jahren ist er Fluglehrer. Mittlerweile hat er sein Hobby zum Beruf gemacht – schult auch auf Motorflugzeugen und fliegt als selbstständiger Pilot Geschäftsleute durch ganz Europa.

Daran ist an diesem Tag mit dem Segelflugzeug nicht zu denken. Aber: „300 bis 400 Kilometer sind heute machbar“, sagt Dieter Fromme und rät am Vormittag nach der Wetter-Einweisung den beiden Piloten, die auf Strecke gehen wollen, über den Nordschwarzwald und den Odenwald in Richtung Würzburg zu gehen – und dann wieder umzukehren.

Mittlerweile haben wir mit unserem Doppelsitzer genügend Höhe gemacht und den thermischen Fahrstuhl verlassen – bei ungefähr 1200 Metern über Meereshöhe oder circa 600 Meter über Grund. Meter, nicht Fuß. Während in der übrigen Fliegerei das nautische System gilt, rechnen die Segelflieger, zumindest in vielen Ländern Europas, metrisch – das Erbe der deutschen Segelflug-Pioniere.

Vor uns liegt Calw, als wir einen weiten Bogen nach Südwesten in Richtung Altensteig fliegen. Über der rechten Tragfläche ist schon Freudenstadt zu sehen. „Wollen Sie auch mal?“, fragt Dieter Fromme. „Was muss ich machen?“, antworte ich. Nach einer kurzen Einweisung hebt Dieter Fromme demonstrativ die Hände in die Höhe. Ich fliege! Naja, das Herz schlägt mir bis zum Hals. Obwohl ich weiß, dass der Chef auf dem Vordersitz jederzeit eingreifen kann. Es ist gar nicht so einfach das Flugzeug auf Kurs zu halten. Dennoch sagt Dieter Fromme: „Durch die Wolke da vorne dürfen wir nicht fliegen.“ Unten durch zu fliegen kommt nicht in Frage. „Wir wollen doch unsere Höhe nicht verschenken“, antwortet er.

Also Steuerknüppel ein wenig nach links drücken und ebenso so das linke Pedal. Ob ich am Ende die Kurve geflogen bin oder Dieter Fromme weiß ich nicht. Jedenfalls war es ein Erlebnis der höheren Art. Sowohl körperlich als auch gefühlsmäßig. Nach 50 Jahren ist ein Kindheitstraum wahrgeworden. Auch wenn ich damals das Flattern der geblähten Fallschirme der Schleppleinen, wenn sie nach dem Ausklinken von der Winde wieder eingezogen wurden, mindestens genauso interessant fand, wie die startenden Segelflieger.

Aber damals wusste ich ja weder von der Lust des Starts, wenn die Winde das Flugzeug in gut vier Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt, noch von der wunderbaren Art des Kreisens in der Thermik, vor allem wenn ein Bussard in denselben Bart mit einsteigt, noch vom Rauschen des Luftzugs, der je nach Geschwindigkeit mal leiser mal lauter außen an der Plexiglaskabine vorbeistreift. Kein Vergleich zu großen oder kleinen Verkehrsfliegern oder einer Fahrt im Zeppelin oder im Ballonkorb. Segelfliegen ist Bewegung, direktes Erleben und einfach wunderschön.

Mit Tempo 110 nach oben. Doch die Beschleunigung an der Winde hat Rennsport-Dimensionen. Bilder: Jung