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Von Andreas Knapp* · 29.05.2015

Die Werksirene prägt das Leben in der Stadt

Sindelfingen: Soziologieprofessor Hans-Rolf Vetter schlägt ein eigenes Autokennzeichen vor und fordert „lebendigen Diskurs“/ Neue Inhalte auf der Webseite für die Biennale 2015

Ein eigenes Autokennzeichen und ein lebendiges Gespräch zwischen Bürgern, Politikern, Unternehmern und Künstlern. So stellt sich Soziologieprofessor Hans-Rolf Vetter den Weg zu einer neuen Identität der Stadt Sindelfingen vor. Frank Martin Widmaier, künstlerischer Leiter der Biennale Sindelfingen, will mit der Vortragsreihe in der Galerie der Stadt neue Anstöße geben.

Hans-Rolf Vetter, bis zu seiner Pensionierung Professor an der Universität der Bundeswehr in München und seit Kurzem mit einer Zweitwohnung auf dem Flugfeld zu Hause, lässt seine 25 Zuhörer einen Blick in seine Werkstatt urbaner Identität werfen. Schon zu Beginn seines Vortrags macht Vetter deutlich, dass er den Zuhörern keine fertigen Antworten liefern könne und wolle: „Eine Stadt wie Sindelfingen zeichnet sich durch ein hohes Maß an Pluralismus aus.“

Jede Bürgerin, jeder Bürger dieser Stadt ordnet Sindelfingen ganz subjektiv eigene Attribute zu, entwickelt ein ausdifferenziertes Bild der Stadt, in der er lebt. Nicht ausreichend sei, dass die Stadt als Benutzeroberfläche für den Alltag wahrgenommen werde, eine gemeinsam genutzte Infrastruktur schaffe keine Gemeinschaft und begründe keine Identität.

Das gelte, so stellte Vetter dar, besonders für eine Industriestadt wie Sindelfingen, die viele Bürger für wichtige Aspekte ihres Rekreationsprozesses (etwa im Urlaub, etwa um sportliche und kulturelle Ereignisse wahrzunehmen) bewusst verlassen und damit sogar ein Stück gewollte Entfremdung schaffen. Aber auch im Alltag seien identitätsbildende Aktivitäten nach seiner Beobachtung nicht vernetzt. Vetter sprach von einer „Verinselung“ der Aktivitäten der Zivilgesellschaft.

Dabei gebe es in Sindelfingen durchaus dominante Elemente urbaner Identität, um die kaum ein Bürger herumkomme, wenn er sich ein Bild von seiner Stadt mache. Sindelfingen sei ein Gemeinwesen, in dem das Zusammenspiel von Kapital und Arbeit wie kaum anderswo für jedermann spürbar sei. Der Lebensrhythmus dieser Stadt werde von ihrer Industrie geprägt, die Werksirene, die mehrmals am Tage zu hören sei, symbolisiere die prägende Kraft des industriellen Lebens. Andere Zugänge zur Identität wie etwa die Betrachtung der Stadtgeschichte, die gebrochenen Biografien von vielen zugewanderten Sindelfingern und die Wahrnehmung der Stadt als typische Vertreterin des regionalen Speckgürtels konkurrieren mit der Dominante „Industriestadt“.

Vetter verwies auf empirische Erkenntnisse europäischer und amerikanischer Soziologen, namentlich Richard Florida, die belegen, dass Urbanität als Gemeinwesen bildende Qualität besonders erfolgreich dort entstehe, wo Kapital und Kultur in einem kommunikativen und kreativen Prozess zusammenfänden. Fast alle großen Städte der Welt, die sich Einheimischen und Außenstehenden mit einem klaren Profil präsentierten, schöpfen ihre Wirkung auf die Menschen aus dem Zusammenwirken von Kapital und Kultur.

Aus diesen Erkenntnissen möchte Prof. Vetter den Weg ableiten, den Sindelfingen gehen müsste, um nach einer atemlosen Entwicklung im 20. Jahrhundert heute zu einer eigenen gemeinschaftsbildenden Identität zu gelangen: Notwendig sei, so empfiehlt der Professor seinen Zuhörern, die Vernetzung der identitätsbildenden Aktivitäten. Die kommunal Verantwortlichen, die Unternehmen, die kulturtreibenden Künstler und Gemeinschaften müssen in einen lebendigen Diskurs eintreten, der nicht nur Gemeinschaft, sondern auch einen Konsens über die Wahrnehmung der eigenen Stadt wachsen lasse. „Die urbane Identität fliegt dieser Stadt nicht zu, sie muss erarbeitet werden“, in diesem Fazit fasst Hans-Rolf Vetter seine Botschaft zusammen.

In der Diskussion stellt sich schnell Konsens über die Notwendigkeit eines identitätsbildenden Prozesses ein: Identität sei der Boden, hieß es, auf dem sich gemeinsame Verantwortung für das Gemeinwesen gedeihe, auf die eine Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert angewiesen sei. Auch schaffe Identität Bindung an diese Stadt, die nicht zu einem Fließgleichgewicht wechselnder Einwohner degenerieren dürfe.

Streitig diskutiert wurde der Weg zu einem konsensfähigen Selbstbild. So plädiert Altstadtrat Herbert Rödling für eine markungsübergreifende Identität Sindelfingens und Böblingens und stößt prompt auf heftigen Widerspruch anderer Teilnehmer. Andere zeigen sich aufgeschlossen für ästhetische Ansätze, die Identität sinnlich wahrnehmbar machen, bis hin zu der von Prof. Vetter propagierten Idee eines eigenen Autokennzeichens für „SIndelfingen“.

Bemerkenswert ist der Beitrag eines zugewanderten Sindelfingers, der bei allen Schwierigkeiten, die die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Nationalitäten gelegentlich mache, die Entscheidung der Zuwanderer nach Sindelfingen zu kommen, um hier zu bleiben, als wichtiges gemeinschaftsbildendes Element unterstreicht.

* Andreas Knapp ist FDP-Stadtrat in Sindelfingen und gehörte beim Neujahrsempfang 2014 zu den Teilnehmern der Performance, die den Startschuss für die Biennale Sindelfingen 2015 gegeben hat.

Info

Unter www.biennale-sindelfingen.de gibt es weitere Informationen über das Kulturfestival in Sindelfingen.

Das Logo der Biennale Sindelfingen.