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Von unserer Mitarbeiterin Lisa Gehringer · 27.08.2016

Die Sprühdose ist seine Gitarre

Porträt: Der Weil der Städter Jugendreferent Maximilian Frank ist auch als Graffiti-Sprayer aktiv und nutzt seine Kunst für die pädagogische Arbeit

Graffiti. Sind das nicht diese schlampigen, eilig hingeschmierten Schriftzüge an Hauswänden und S-Bahnen? Der Weil der Städter Jugendreferent Maximilian Frank ist auch als Graffiti-Sprayer aktiv und will mit solchen Vorurteilen aufräumen.

Sprühdosen-Nebel umhüllt den Sprayer, der Mund und Nase mit einer Maske vor den Dämpfen schützt. Der Blick ist konzentriert auf die Wand gerichtet, auf der nach und nach ein bunter Schriftzug entsteht. Das gelockte, braune Haar fällt ihm ins Gesicht, das von einem Dreitagebart eingerahmt wird. Maximilian Frank, der stets mit lässiger Kleidung unterwegs ist und gute Laune versprüht, erzählt von seinem Hobby und der Graffiti-Szene.

Maximilian Frank kam im Winter 1981 in Stuttgart zur Welt. Dort verbrachte er seine Grundschulzeit und die ersten Jahre des Gymnasiums, bis seine Familie, als er elf Jahre alt war, nach Sindelfingen zog. Dort wohnte er, bis er 19 Jahre wurde. „Ich war auf dem Stiftsgymnasium, hab’ aber schnell gemerkt, dass der naturwissenschaftliche Schwerpunkt nichts für mich ist. In der elften Klasse habe ich wegen des Kunst-Zugs aufs Goldberg-Gymnasium gewechselt“, sagt Maximilian Frank, der auch heute nur selten ohne bunte Farbreste auf den Händen anzutreffen ist.

Kunst ist für ihn immer mehr als ein Hobby gewesen. „Das ist eine Einstellung“, so der 34-Jährige. Schon als Kind hat er fleißig auf seinem Malblock gezeichnet. „Den Block nahm er überall mit hin“, sagt seine Mutter. „Im Flugzeug, im Restaurant oder im Zug – mein Sohn hat immer Comics gezeichnet.“ Die Kreativität ist Familiensache, denn Maximilian Franks Großvater war Maler.

Mit 14 lernte Maximilian Frank Hip-Hop und Graffiti kennen. „Klar kannte ich das vom Sehen, aber so richtig Interesse hatte ich erst, als ein paar Jungs aus meiner Schule mit Sprühen angefangen haben und Kontakt zu älteren, bekannten Sprayern aus Mannheim hatten“, sagt Frank. „Du willst in dem Alter nicht der komische Kerl sein, der in der letzten Reihe sitzt und die ganze Zeit zeichnet, während die anderen Jungs Gitarre und Fußball spielen“, sagt er. „Die Sprühdose wurde meine Gitarre.“

1996 hat er seinen ersten Schriftzug gesprayt. „Das war ein echt hässliches, kleines Ding, aber damals war ich total stolz darauf“, sagt Maximilian Frank. Die Jungs der Graffiti-Clique haben oft zusammen übernachtet und sich nachts vom Balkon abgeseilt, um sprayen zu gehen. „Das war echt abenteuerlich“, so der 34-Jährige. „Wir waren aber nicht die, die Privateigentum beschädigt haben. Wegen deren Schmierereien auf privatem Gelände gibt es Vorurteile gegen jeden, der sagt, dass er sprayt.“

Sein neues Hobby nahmen die Eltern mit gemischten Gefühlen auf. „Das ist immer eine zweischneidige Klinge“, sagt seine Mutter. „Wir haben ihn nach Stuttgart gefahren, damit er Sprühdosen kaufen kann, haben ihm aber immer eingebläut, dass er kein Eigentum beschädigen soll. Vertrauen ist sehr wichtig. Maximilian konnte uns auch erzählen, wenn er etwas angestellt hatte.“

Die Mannheimer Sprayer nahmen die Graffiti-Frischlinge unter ihre Fittiche und führten sie in die Sprühkunst ein. „Für uns war es eine Ehre, dass wir mit den berühmten Sprayern abhängen durften. Sie waren unsere Idole“, sagt Maximilian Frank. Auch den Sprayer-Ehrenkodex haben die Jugendlichen damals kennengelernt. „Wir haben einmal Riesenärger bekommen, weil wir ein besseres Bild übermalt hatten. Das ist ein absolutes No Go.“

Von seinen alten Freunden sei er als Einziger beim Graffiti geblieben, sagt Maximilian Frank, der sich für die Wurzeln seiner Kunst interessiert. „Graffiti kommt aus New York und wurde in den späten 1960ern von einem jungen Kurier entwickelt“, sagt Maximilian Frank. „Er kam in den reichen Vierteln der Stadt herum und begann überall mit Kreide, Kohle und Farbe seinen Spitznamen ‚Taki 183‘ hinzuschreiben.“

„Plötzlich ist überall der Schriftzug aufgetaucht. Dieser kleine, unbedeutende Junge war plötzlich im großen New York eine mysteriöse Berühmtheit“, sagt Maximilian Frank. Sogar in die „New York Times“ hat „Taki 183“ es geschafft. Die Zeitung rätselte, wer hinter dem „Tag“, dem Sprayer-Kürzel, steckt. Der Beginn des Trends, seinen Namen an möglichst viele Orte zu schreiben.

„Damals waren das einfach handschriftliche Namen in Druckbuchstaben“, sagt Maximilian Frank. „Um sich gegenseitig zu übertrumpfen, wurden die Schriften auffälliger, größer, bunter und an immer prominenteren Plätzen angebracht. Deshalb besteht echtes Graffiti nur aus Buchstaben. Wenn ich eine Landschaft spraye, ist das für mich ein Bild und kein Graffiti.“ Der „Tag“ von Maximilian Frank ist „Rast“. „Mir hat die Buchstabenkombination gut gefallen, eine tiefere Bedeutung hat das nicht.“

Heute sind Maximilian Frank und seine Graffiti-Vorbilder in einer Crew (Gruppe) zusammen. „Renegades“ nennen sie sich – die Abtrünnigen. „Ich kann’s immer noch nicht glauben. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mit meinem Idol ‚Basco‘ Jochen Schweizer aus Mannheim mal in einer Crew male, hätte ich ihn für verrückt gehalten“, sagt der Sprayer. „Graffiti hat mir gezeigt, dass man alles erreichen kann, wenn man sich stark genug reinhängt und dabei bleibt. Man muss seinen Erfolg selbst schmieden.“

Laster, Kräne, Gerüste und große Wände: Maximilian Frank ist bei sozialen Einrichtungen, Firmen und Unternehmen als Sprayer ein gern gesehener Gast. Wenn die Renegades-Crew zusammen sprühen geht, ist das wie eine Klassenfahrt: „Das ist eine echte Gaudi: Wir übernachten beieinander, gehen feiern, überlegen uns die Bilder und sprayen zusammen.“

Graffiti-Kunst macht Maximilian Frank nicht hauptberuflich. Der 34-Jährige ist Jugendreferent in Weil der Stadt. Nach dem Abitur am Goldberg-Gymnasium hat er Zivildienst in der Nikolauspflege in Stuttgart geleistet. „Das hat mich so begeistert, dass ich danach Sozialwesen an der Dualen Hochschule in Stuttgart studiert habe.“

Beruf und Hobby ergänzen sich gut. „Graffiti ist eine Form von Pädagogik, die die Jungs früher auf der Straße selbst gemacht haben“, so Maximilian Frank: „Man erreicht mit Graffiti auch die, die sonst keine Lust auf Gruppenarbeit haben und sich missverstanden fühlen. Genau aus solchen Jugendlichen ist Graffiti überhaupt entstanden“, sagt Maximilian Frank.

Neben der Arbeit und dem Sprayen schraubt Maximilian Frank gerne an seinem alten Mercedes 280 SE, Baujahr 1984. „Das ist mein Kindheits-Auto. Den Wagen werde ich bis zum bitteren Ende pflegen.“

Info

Mehr Informationen zu Maximilian Frank und seinen Werken gibt es unter www.frankartcolor.com im Netz oder unter „FrankArtColor“ auf Facebook. Die Facebook-Seite seiner Crew „Renegades“ findet man unter dem Gruppennamen.