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Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 11.07.2018

Die lange Blütezeit in der Stadt

Innenstadt: Honigernte bei den Bienenvölkern auf dem Landratsamt / 80 Kilo Honig als Lohn der Mühen

Manfred Nuber öffnet seinen Bienenstock auf dem Dach des Landratsamts. Bild: Jung

Mit der linken Hand zieht Manfred Nuber die Folie zur Seite, mit der rechten pumpt er ein paar Stöße von Rauch über den Bienen- stock. Die Schatzkammer seiner Bienen liegt nun greifbar nahe. Denn in der oberen Etage des Bienenstocks lagern sie in den Waben ihren Vorrat: den Honig. Einer, der es auf den Honig abgesehen hat, müsste durch den ganzen Stock und durch alle Bienen, um an den süßen Schatz zu gelangen. So drohen Tausende von Stacheln auf diesem Raubzug. Mit einem künstlichen Bienenstock mit Deckel und Folie hat die Natur nicht gerechnet.

Doch den Rauch können Bienen nicht leiden. Instinktiv packen sie sich ihre Honigblasen voll und verziehen sich in den unteren Bereich des Stocks, stets auf dem Absprung zur Flucht. Auch hier pfuscht die Natur den Bienen ins Handwerk: Rauch kann Waldbrand bedeuten. Das Ende des Stocks. Deshalb heißt es im Falle eines Falles: Bereit sein ist alles und dabei einen Teil des Staatsschatzes in der Tasche zu haben, der das Überleben sichert.

Den Rauch macht sich der Imker zu Nutze, um sich die Bienen vom Leib zu halten. Das funktioniert meistens. Aber dann und wann setzt es doch ein paar Stiche. Diese gilt es gleichmütig hinzunehmen. Denn noch etwas können die Bienen nicht leiden: Fuchteln, Schlagen und Wegrennen. „Ruhig zu bleiben, wenn man gestochen wurde, ist am Anfang gar nicht so einfach“, sagt Manfred Nuber. Der Obst- und Gartenbauberater des Landkreises Böblingen hat nicht nur zu Hause in Schafhausen seine Bienen. Vor vier Jahren verschaffte er hier, auf der Dachterrasse des Landratsamtes, zwei Bienenvölkern einen Start- und Landeplatz.

60 000 fleißige Arbeiterinnen

Rund 60 000 Arbeiterinnen schwärmen in den Hochzeiten der beiden Bienenstaaten von hier aus, um ihren Nektar zu sammeln und dabei nebenher Böblingens Pflanzenwelt zu bestäuben. Imkern in der Stadt – das klingt unwahrscheinlicher als es ist. Denn im Gegensatz zur freien Landschaft blüht es hier in Parks, Grünanlagen, Straßenrandstreifen und Vorgärten von März bis August durchgehend. Draußen in Wald, Feld und Flur hat die Natur ab Mitte Mai ihr Pulver fast schon verschossen. Doch bis dahin sind die meisten Bienenvölker erst noch im Aufbau. Immerhin: Das Land fördert die Aussaat von Phazelien, die auf den sommerlichen Feldern bis Ende September für lila Farbtupfer sorgen und als gute Bienenweide gelten.

Zum zweiten Mal hat nun Manfred Nuber die Honigwaben geleert. Es ist im Juli die Haupternte. Vor allem die Lindenbäume haben in diesem Jahr für viel Nektar gesorgt. Rund 60 Kilo haben die fleißigen Mitarbeiterinnen des Landratsamts in diesem Jahr schon gesammelt. Nach den Honigernten im Juni und im Juli steht noch eine letzte im August an, die aber jahreszeitlich bedingt mit rund 10 Kilo wesentlich geringer ausfällt. Immerhin: 80 Kilo im Jahr, die der Landkreis an Gäste oder auch Jubilare gläschenweise verschenkt, können sich schon sehen lassen.

Ab August, wenn es in der Natur nur noch selten blüht, trägt der Imker Sorge, dass seine Bienen über die kalte Jahreszeit nicht verhungern. Deshalb füttert er sie mit Zuckerwasser, das die Insekten zum Wintervorrat an Honig verarbeiten. So ist es seit rund 200 Jahren, seitdem Zucker durch das Raffinieren von Zuckerrüben erschwinglich wurde, in der modernen Imkerei üblich. Zuvor waren die Honigsammler eher räuberisch unterwegs. „Ob das Bienenvolk ohne ausreichenden Vorrat an Honig überlebte, war ihnen egal“, sagt Manfred Nuber. Spätestens, wenn die Nektarsuche mehr Energie erfordert als dass sie einbringt, hören die Bienen mit ihren Ausflügen bis ins nächste Frühjahr auf und richten sich im Stock auf den Winter ein.