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Von Roman Steiner und Pia Rothacker · 12.02.2015

„Die Fasnet kann sogar sehr ernst sein“

Redaktionsgast des Monats: SZ/BZ-Interview mit dem 38-jährigen Daniel Kadasch, der seit 2008 Zunftmeister der Narrenzunft AHA in Weil der Stadt ist

Im SZ/BZ-Interview spricht Daniel Kadasch über die Anfänge der Weiler Fasnet, die Organisation der 1200-köpfigen Narrenzunft und erzählt, was die Lokalpolitik mit der Fasnet zu tun hat.

Wie lange gibt es die Narrenzunft AHA bereits?

Daniel Kadasch: „Im Ratsprotokoll wurden erste Überlieferungen der Weiler Fasnet von 1665 gefunden. Im Gegensatz zu vielen anderen Zünften hat unsere eine sehr lange Tradition.“

Wir haben rund 800 aktive Mitglieder

Wie ist Ihre Narrenzunft organisiert?

Daniel Kadasch: „Wir haben rund 1200 Mitglieder, davon rund 800 Aktive. Es gibt viele, die wirklich bei allen Veranstaltungen mit dabei sind und andere, die beispielsweise nur beim großen Fasnetsumzug mitlaufen. Insgesamt gibt es zwölf Gruppen, mit und ohne Maske, die alle wiederum einen eigenen Gruppenvorsteher haben.“

Wer kann der Narrenzunft beitreten?

Daniel Kadasch: „Mitglied kann im Verein grundsätzlich jeder werden. Bei uns findet man wirklich einen breiten Querschnitt durch die gesamte Bürgerschaft. Es geht nicht darum, wo du herkommst oder was du machst, sondern einzig um die Person an sich – insbesondere, wenn man in einer Gruppe als aktiver Narr mitmachen will. Wer aktiv im Häs dabei sein möchte, sollte sich natürlich sehr für die Fasnet interessieren und auch in die jeweilige Gruppe passen. Dort gibt es gruppenintern Bewerbungsverfahren, wobei manchmal auch ein kleines Programm vorgeführt wird. Wenn die jeweilige Maskengruppe beschließt, dass es passt, ist man dabei.“

Was unterscheidet die Weiler Fasnet von anderen, beispielsweise dem Karneval in Köln oder Rio?

Daniel Kadasch: „Ganz klar die bunte Mischung. Im Vordergrund steht bei uns natürlich die schwäbisch-allemanische Fasnet mit dem traditionellen Häs, aber auf der anderen Seite haben wir durchaus auch Züge des Kölner Karnevals, der für seine fröhlichen Clownsgesichter bekannt ist. Von allen Einflüssen ist etwas dabei, und das macht den Reiz der Weiler Fasnet aus.“

In Ihrer Zunft gibt es Hexen, Teufel und Schlehengeister. Was haben Gruselfiguren in der Fasnet zu suchen?

Daniel Kadasch: „Dabei geht es um alte Überlieferungen aus dem Ort, laut denen zum Beispiel Hexen, Steckentäler und Schlehengeister hier ihr Unwesen getrieben haben. Diese Figuren wollen wir so wieder aufgreifen. Der Schlehengeist, ein Weißhäsnarr mit weiblicher oder männlicher Holzlarve und Schellengeschirr, ist ein typisches Häs aus der Region.“

Die Lokalpolitik hat Einfluss auf die Fasnet

Bei all dem Spaß: Wie ernst ist die Fasnet?

Daniel Kadasch: „Oh, die Fasnet kann sogar sehr ernst sein.“

Inwiefern? Spielt die Lokalpolitik dabei eine Rolle?

Daniel Kadasch: „Die Politik hat natürlich Einfluss auf die Fasnet. Wir haben die Möglichkeit, der Politik auf charmante Art und Weise den Spiegel vorzuhalten, nach dem Motto: Guckt mal, was ihr hier gerade macht. Es soll selbstverständlich nicht maßlos übertrieben und niemand verletzt werden. Aber ein bisschen Kritik gehört einfach dazu, und die Zuschauer erwarten das auch von uns.“

Kriegen Sie nach Ihrem Umzug Rückmeldungen von der Stadtverwaltung?

Daniel Kadasch: „Direktes Feedback gab es so bisher noch nicht. Aber natürlich bleibt es nicht unbemerkt, wenn die Zuschauer in solchen Fällen dann klatschen und jubeln. Da kommt sicherlich auch so manch unangenehmes Thema auf den Tisch.“

Wie geht die Weiler Narrenzunft mit weltpolitischen Themen wie Pegida oder dem Anschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo um?

Daniel Kadasch: „Das wird bei uns kein Thema sein. Nicht etwa, weil es zu kurzfristig wäre, entsprechende Wagen zu planen – die werden gerade erst gebaut. Aber das ist einfach nicht Weil der Stadt.“

Wie ist die Außenwirkung Ihrer Zunft, was bekommen Sie da mit?

Daniel Kadasch: „Wir haben beispielsweise einen Narrenkalender, der mehrfach in Berlin hängt und ich habe gehört, dass er auch in Amerika hängen soll.“

Durch Ihr Amt als Zunftmeister hängt viel Verantwortung an Ihnen. Wie viel Aufwand steckt wirklich dahinter?

Daniel Kadasch: „Ich zähle keine Stunden, das dürfte ich auch gar nicht. Aber klar, es gibt das ganze Jahr über viel zu tun. Da gehen viel freie Zeit und Urlaub drauf. Wenn ich nicht selbstständig eine Marketing- und Projektagentur leiten würde, wäre so ein Amt schlichtweg nicht machbar. Aber ich liebe es und war schon immer in die Fasnet involviert. Mein Vater war in den 70er Jahren selber Zunftmeister.“

Am Aschermittwoch kommen mir die Tränen

Die Narrenzunft AHA hat 1200 Mitglieder. Gibt es eine spezielle Aufgabenteilung?

Daniel Kadasch: „Ja, jeder hat seine persönlichen Aufgaben. Wenn nicht die komplette Mannschaft an einem Strang ziehen würde, gäbe es wohl ein Chaos. Nur bei manchen jüngeren Mitgliedern beobachte ich in letzter Zeit ein Verhalten, das ich teilweise schade finde.“

Was meinen Sie konkret?

Daniel Kadasch: „Dass es bei der Fasnet um Spaß haben und feiern geht, steht außer Frage. Aber das ist nicht alles. Es gehört nach einer schönen Ausfahrt eben auch dazu, anschießend den Bus wieder sauber zu machen. Das darf nicht Aufgabe des Zunftmeisters sein. Aber grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass die komplette Mannschaft hinter der Weiler Fasnet steht. “

Sind Sie sehr wehmütig, wenn in der Nacht auf Aschermittwoch die Fasnet verbrannt wird?

Daniel Kadasch: „Da kommen mir schon die Tränen, und die sind nicht gespielt. Ich weiß, viele lachen darüber und auch meine Frau grinst, aber als echter Weil der Städter ist mir die Fasnet eine Herzensangelegenheit.“

Was sagt Ihre Frau denn dazu, dass Sie während der Fasnet so viel unterwegs sind?

Daniel Kadasch: „Meine Frau wusste natürlich, worauf sie sich einlässt. Sie kommt aus Berlin und hat mit der Fasnet nicht ganz so viel am Hut wie ich. Aber sie unterstützt mich in allem und das ist für mich das Wichtigste: jemanden zu haben, der einem den Rücken frei hält.“

Daniel Kadasch hat während der Fasnetszeit alle Hände voll zu tun: Der 38-Jährige ist seit 2008 Zunftmeister der Narrenzunft AHA in Weil der Stadt und sorgt während der fünften Jahreszeit für einen reibungslosen Ablauf innerhalb der 1200 Mann starken Narrenzunft. Bild: Reichert