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Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber · 23.11.2018

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Sindelfingen: Die Junge Bühne präsentiert ab heute „Die Acht: Rentiermonologe“ von Jeff Goode im VHS-Saal im Stiftsgymnasium

Cupid (Nils Weber) ist das einzige Rentier im Gespann des Weihnachtsmannes, das seine Homosexualität offen auslebt. Zu den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen seinen weißbärtigen Boss hat Cupid jede Menge bissiger Anmerkungen parat. Bild: Staber

Die Geschichte vom Weihnachtsmann gehörig gegen den Strich bürstet die zweite Produktion der Jungen Bühne Sindelfingen unter der Gesamtleitung von Ingo Sika. Denn im Theaterstück „Die Acht: Rentiermonologe“ des US-amerikanischen Drehbuchautors und Dramatikers Jeff Goode wird der angeblich so gutmütige Santa Claus als Sexualstraftäter entlarvt.

Ein alter, weißbärtiger Mann dringt nachts durch Schornsteine in fremde Häuser und Kinderzimmer ein, verteilt Geschenke an Kinder, lässt sie in Kaufhäusern auf seinem Schoß sitzen, teilt sie in brav und ungezogen ein, bestraft oder belohnt. Klingt gruselig? Das dachte sich auch der US-amerikanische Dramatiker Jeff Goode, als er im Jahr 1994 das Stück „The Eight: Reindeer Monologues“ publizierte.

Darin bezichtigt das Rentier Vixen den Weihnachtsmann des sexuellen Missbrauchs. Was sagen die anderen Rentiere des weihnachtlichen Schlittengespanns zu diesem Vorwurf? In acht Monologen lässt das Stück mit Dasher (Leonard Hartenstein), Cupid (Nils Weber), Hollywood (Daniel Fix), Blitzen (Cristiana Anghel), Comet (Philipp Maurer), Dancer (Miriam Kößler), Donner (Janne Rochowicz) und Vixen (Maike Meyer) das komplette Gespann zu Wort kommen und dekonstruiert dabei gnadenlos die beunruhigenden Untertöne, die bei den Liedern, Geschichten, Werbebotschaften und Filmen rund um den Weihnachtsmann mitschwingen.

„Ich habe das Stück 2013 in englischer Sprache gesehen und war sofort begeistert“, erzählt der Gesamtleiter der Jungen Bühne Sindelfingen, Ingo Sika: „Das Stück spricht auf humoristische und bitterböse Art brandaktuelle Themen an – von sexuellem Missbrauch bis zur Karriere um jeden Preis.“ Einfach nur lustig über den Weihnachts-Mythos macht sich das Stück nicht: Der Weihnachtsmann steht unter anderem als Chiffre für patriarchale Machtstrukturen, die unangreifbar scheinen – als wäre die Figur für die Metoo-Debatte entworfen worden.

Das Stück nach Sindelfingen zu holen, gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht: Zwar sah das Combinale-Theater Lübeck kein Problem darin, seine Übersetzung von Katreen Hardt und Sigrid Dettlof aus dem Jahr 2001 zur Verfügung zu stellen. Jeff Goode zeigte sich jedoch skeptisch angesichts einer Aufführung durch ein Amateur-Theater. „Ich habe lange mit dem Autor per E-Mail kommuniziert“, so Ingo Sika, „und konnte ihn schließlich davon überzeugen, dass bei der Jungen Bühne Sindelfingen Akteure mitwirken, die seit Jahren ernst zu nehmende Produktionen auf die Beine stellen.“

Nicht nur der Inhalt, sondern auch die Struktur machen das Stück ideal für die Junge Bühne Sindelfingen: „Weil es sich um acht Monologe mit jeweils völlig unterschiedlicher Ausrichtung handelt, können wir die Regie aufteilen“, so Ingo Sika. Denn Ziel der Jungen Bühne ist es nicht nur, frischen Wind in die Sindelfinger Amateurtheater-Szene durch Förderung junger Darsteller zu blasen. „Wir wollen ein komplettes Team aufbauen für alle Bereiche, die bei Theater-Produktionen wichtig sind“, so Sika: „Darsteller, Regie, Technik, Pressearbeit, Marketing.“

Achtköpfiges Regie-Team

Und so zeichnen mit Ferdinand Stöckel, Maike Meyer, Nils Weber, Daniel Fix, Nina Schellwies, Leonie Rothacker, Katrin von Hochmeister und Ingo Sika acht verschiedene Regisseure für die Inszenierung verantwortlich. „Das ist perfekt“, sagt Ingo Sika: „Nicht jeder, der mal in die Regie-Arbeit hineinschnuppern möchte, will gleich eine ganze Produktion stemmen.“

Bereits mehrfach auf der Bühne stand die gebürtige Böblingerin Maike Meyer, unter anderem bei „Sirenen der Heimat“ und beim „Sindelfinger Jedermann“. Bei „Die Acht“ führt Meyer zum ersten Mal Regie. „Die Arbeit mit Nils Weber war super entspannt“, so Meyer. Für das Regie-Debüt sei es ein großer Vorteil gewesen, sich nur um einen einzigen Darsteller kümmern zu müssen. Auch Nils Weber fungiert als Regisseur und als Darsteller. „Als Regisseur hat man viel größere Verantwortung dafür, wo es hingeht“, so Weber: „Als Darsteller kann ich mich darauf verlassen, dass der Regisseur weiß, was er will, und mich danach richten.“

Dass den Zuschauern der Spaß an Weihnachten vergehen könnte, glaubt Sika nicht: „Die Geschichte vom Weihnachtsmann, die hier zerlegt wird, ist eine typisch amerikanische Tradition. Letztlich werden hier Werbestrategien demontiert. Dabei habe ich kein schlechtes Gewissen.“ Für Kinder sei das Stück dennoch nicht geeignet, so Sika: „Die Zielgruppe sehe ich ab 14 Jahren.“

Info

„Die Acht: Rentiermonologe“ feiert am heutigen Freitag, 23. November, 20 Uhr, Premiere im VHS-Saal. Weitere Termine: 24. und 30. November sowie 1. Dezember. Mehr unter www.facebook.com/JungeBuehneSindelfingen..