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Von Jürgen Haar und Thomas Oberdorfer · 25.02.2017

„Die Bombe hat eine richtige Delle“

Böblingen: Bei Bauarbeiten für das neue Betriebsgebäude der Schönbuchbahn am Bahnhof wird am Freitag eine Fliegerbombe entdeckt / Kongresshalle als Notunterkunft

Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg halten Anwohner und Einsatzkräfte weiter in Atem. Nachdem am Freitagnachmittag bei Bauarbeiten am Böblinger Bahnhof ein Blindgänger entdeckt wurde, mussten vor der Entschärfung der Bombe mehrere hundert Menschen evakuiert werden.

Es ist kurz nach 16 Uhr, als Arbeiter am Freitag auf der Baustelle für das neue Betriebsgebäude der Schönbuchbahn eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg finden. Die Baufirma informiert die Behörden und den Kampfmittelbeseitigungsdienst. Die Baustelle liegt an der Talstraße, gegenüber dem Finanzamt und dem Polizeigebäude, und in unmittelbarer Nähe von Bahnhof und Busbahnhof. Im Böblinger Rathaus koordiniert ein Krisenstab die Arbeit der Rettungskräfte.

Wie in Sindelfingen wird vor Entschärfung der Bombe in einem Umkreis von 300 Meter evakuiert. Nach Angaben der Stadt Böblingen sind im betroffenen Gebiet zwischen Herrenberger- und Calwer Straße sowie der Wolfgang-Brumme-Allee und dem Flugfeld 1534 Menschen gemeldet.

Polizei, die Feuerwehr und Mitarbeiter der Technischen Betriebsdienste sperren die Zufahrtsstraßen zum Evakuierungsgebiet ab. Gegen 20.20 Uhr wird mit der Evakuierung begonnen. Weil die Konrad-Zuse-Straße zur Zeit wegen Bauarbeiten gesperrt ist, gibt es für die Bewohner des Flugfelds nur die Verbindungsstraße beim Plana Küchenland, um ins Wohngebiet zu kommen.

In der Kongresshalle wird eine Sammelunterkunft eingerichtet. Das Deutsche Rote Kreuz übernimmt die Betreuung der Menschen. Für die Personen, die medizinisch betreut werden müssen, baut das DRK einen eigenen Bereich auf, der durch einen Sichtschutz abgetrennt ist. Dadurch wird deren Privatsphäre so gut wie möglich gewahrt. Auf etwa 1500 Menschen war das DRK vorbereitet, wobei die Erfahrungen in Sindelfingen gezeigt haben, dass längst nicht alle Betroffenen die Sammelunterkunft aufsuchen. So ist es auch in Böblingen. Um 22.30 Uhr sind 342 Menschen in der Kongresshalle registriert, meldet der Krisenstab. Mit Bussen werden sie in die Kongresshalle gefahren, die Fahrzeuge stehen auf Höhe der Mercaden und auf dem Flugfeld beim Rewe-Markt bereit.

Das DRK ist mit rund 30 Helfern aus den Ortsvereinen Böblingen und Sindelfingen sowie zehn haupt- und ehrenamtlichen Führungkräften im Einsatz. Die Böblinger Feuerwehr holt 60 Floriansjünger aus dem Feierabend. 30 davon unterstützen die Evakuierung, der Rest ist auf Bereitschaft in der Feuerwache. Bundes- und Landespolizei sind mit 50 Beamten vor Ort.

Betroffen von der Evakuierung ist auch das Polizeigebäude in der Talstraße. Nicht nur die Beamten, auch die Personen, die sich in Arrestzellen befanden, mussten umziehen. Sie kamen nicht etwa auf freien Fuß, sie wurden zur Polizei nach Sindelfingen gebracht. Für die Dauer der Evakuierung werden Anrufe auf das Polizeirevier Sindelfingen umgeleitet und auch Einsätze werden von dort aus koordiniert.

Tangiert von der Evakuierung ist auch Eros-Center „C 33“ in der Calwer Straße. Besitzer Willi Engelhorn nimmt die Räumung seines Bordells gelassen. „Wir haben zuerst eine Nachtwanderung zu den Sonderbussen gemacht, sind dann in die Kongresshalle gefahren und gehen danach in die Disco“, erzählt Engelhorn, „wir versuchen, das alles mit Humor zu nehmen. Etwas anderes bleibt uns ja auch nicht übrig.“

Um 23.04 Uhr fährt die letzte S-Bahn in Böblingen ab, wenige Minuten später ist der Bahnhof für den Zugverkehr gesperrt. Der Bahnhof kann dann weder zu Fuß noch mit Bussen erreicht werden. Kurz vor 23.30 Uhr beginnen die Experten mit der Entschärfung der Bombe.

Mathias Peterle (Bild: Oberdorfer) vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg hat in der vergangenen Woche die beiden Bomben im Daimler-Werk in Sindelfingen entschärft, gestern ist er erneut in Bereitschaft. „Mich hat es wieder erwischt“, sagte Peterle zur SZ/BZ. Bei dem Sprengkörper, der in der Talstraße gefunden wurde, handelt es sich wieder um ein amerikanisches Fabrikat.

Dieses Mal ist es eine 130 Kilogramm schwere Splitterbombe. Um sie herum ist ein zusätzlicher Stahlmantel gezogen, damit bei einer Detonation möglichst viele Splitter umherfliegen. Diese Bombe hat ebenfalls zwei Zünder, einen am Kopf und einen am Heck. „Der Heckzünder sieht gut aus“, sagte Peterle, nachdem er die Bombe begutachtet hat.

Der Kopfzünder ist allerdings stark deformiert. Peterle: „Die Bombe hat im vorderen Bereich ein richtige Delle. Es könnte schwieriger werden, diesen Zünder zu entfernen“, so Mathias Peterle.

Die Annahme von Peterle bewahrheitet sich. Die Entschärfung der Bombe nimmt längere Zeit in Anspruch. Bei Redaktionsschluss um 1 Uhr sind die Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst immer noch bei der Arbeit.

Ganz in der Nähe des Böblinger Bahnhofs und gegenüber der Polizei wurde die Fliegerbombe bei Bauarbeiten am Freitagnachmittag gefunden. Polizei, Feuerwehr und das Deutsche Rote Kreuz waren mit rund 130 Kräften im Einsatz. Bild: SMDG/Dettenmeyer