Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 30.06.2018

Der Stammtisch im Smartphone

Deutschlands WM-Aus ist auf der vom Böblinger Verein „FC PlayFair!“ entwickelten App „UFFL“ das große Thema – aber seinen Platz hat hier auch der kleinste Dorfverein

Marcel Proß spielt in der ersten Mannschaft des GSV Maichingen und ist beim „FC PlayFair!“ Projektleiter für die „UFFL“-App. Bild: z

„Wie kann es sein, dass sich die Spieler am Flughafen nicht einmal fünf bis sechs Minuten Zeit nehmen, um den Kindern etc. ein paar Autogramme zu geben?“ Die Diskussion nach dem WM-Aus läuft anonym, bleibt aber über der Gürtellinie. Und sie rüttelt schon die Ersten wach. „Betamax“ wünscht sich: „Ich hoffe mal, dass diese Plattform so wächst, dass Beiträge wie dieser in der DFB-Zentrale die Alarmglocken losgehen lassen.“

Genau das ist der Ansatz, den der Böblinger Verein „FC PlayFair!“ mit der neuen App „UFFL“ verfolgt. Der Trailer dafür läuft derzeit unter anderem auf der WM-Videowand der Summer Lounge am Breuningerland. Die Abkürzung steht für „United Football Fan League“ und soll Fußballfans an virtuelle Stammtische bringen. Zunächst einmal einfach nur, um Interessen abzuklopfen und sich auszutauschen. Dann erst im Weiteren in der Hoffnung, dass die Strippenzieher des Fußballs endlich wieder einmal die Ohren spitzen. Denn dieses Ziel haben die Vereinsmitglieder des im Januar 2017 gegründeten „FC PlayFair!“, Verein für Integrität im Fußball (die SZ/BZ berichtete).

Dessen erster Volltreffer war eine Feldstudie, die in Kooperation mit dem Kicker-Sportmagazin bei über 17 000 Teilnehmern das Fanherz abhörte. Dessen Rhythmus war komplett aus dem Takt und stand gefühlt schon kurz vor dem Infarkt: Jeder Zweite will sich früher oder später vom Fußball abwenden, wenn dieser nicht doch noch die Kurve bekommt. Satte 86,9 Prozent sagen, dass es sowieso nur noch ums Geld geht. Acht von zehn Fans fürchten, dass der Profifußball sich immer weiter von der Basis entfernt.

Der vermeintliche Widerspruch

Diese Basis stimmt an den Spieltagen mit den Füßen ab – was jedoch ganz andere Ergebnisse vorgaukelt: Die Stadien sind voll, jeder trägt Trikot, die Maschine rollt. Und wer sich die TV-Einschaltquoten der WM anschaut, kann sich schon fragen: Wo ist das Problem? „Das Interesse am Fußball übertrifft alle Kapazitäten der Arenen bei Weitem“, erklärt Geschäftsführer Claus Vogt diesen Widerspruch.

In den Kurven singen die Ultras und hängen ihre Fahnen auf, doch es gibt so viel mehr Fans und Freunde des Fußballs, die etwas zu sagen haben. Die Krux ist: Wo sollen sie das tun? Zumal es nicht einmal so weit gehen muss, dass daraus gleich Initiativen und Petitionen werden müssen. Die Zeit der Stammtische ist vorbei, was auch daran liegt, dass die fußballspezifische Dauerberieselung im Fernsehen die Dorfplätze leer fegt und deshalb die dritte Halbzeit in der Kneipe abgeblasen ist.

Die Plattform fehlte

Heute ist alles digitaler. Mittlerweile werden Kreisliga-Kicks gestreamt und Jubelbilder aus der Kabine gepostet. Doch es blieb bislang meist beim Versuch, ernsthafte Diskussionen zu bestimmten Themen anzustoßen. Die Meinung auf Facebook bleibt oft ungehört, ungeteilt oder wird gleich mit dem Shitstorm garniert. Claus Vogt bekam die Idee von einer Art „Footbook“ – also Facebook für Fans. Pünktlich zur Weltmeisterschaft kam diese jetzt in der „UFFL“-App auf den Markt.

Natürlich waren die Aufstellungen der deutschen Nationalmannschaft gleich mal die großen Themen. Aber was Marcel Proß als Projektleiter konzipierte, geht weit über die WM hinaus und soll nicht nur die Posaune für die ganz großen Spiele sein. „PlayFair!“-Mitglied Philipp Feil setzte mit seiner Firma „Feil, Feil und Feil“ die Vorgaben um, die App „von Fans und für Fans“, wie Claus Vogt sagt, ist auf dem Markt. Die Downloadzahlen liegen bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung im vierstelligen Bereich.

Das Prinzip der kostenlosen App ist so einfach wie genial: Der Fan wählt sich seine Lieblingsteams und bleibt dann auch im Urlaub oder auf Geschäftsreise am Ball, wenn der GSV Maichingen über den Wiederaufstieg diskutiert, oder der VfB Stuttgart seine Neuzugänge diskutiert. Themen können gezielt gesucht und vorgeschlagen werden, der Webmaster öffnet neue Kanäle. Besonders beliebte Beiträge werden prominenter platziert – und die App-Mitglieder können selbst ihren Status verbessern und zu Kapitänen, und damit zu Spielgestaltern werden.

„Wir denken international“

Beliebte Beiträge rutschen im Ranking nach oben, Videos werden gepostet, Treffen vereinbart, Fan-Interessen gebündelt, Ansätze ausgetauscht. Dabei lässt der englische Name „United Football Fan League“ ahnen: „Wir denken international“, sagt Claus Vogt und hat mindestens den Fußball in den europäischen Nachbarländern im Kopf. Und nicht nur das. Die App soll es künftig auch mehrsprachig geben und mit Übersetzungshilfen, damit die Anhänger von Real Madrid oder Liverpool über alle Landesgrenzen hinweg zusammenfinden.

Das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht. Auch Tennis, Basketball, Eishockey und Motorsport haben Fangemeinden, die einiges zu besprechen haben – der Blick ist also auch hier streng nach vorne gerichtet. Wobei derzeit die Gegenwart aus Russland schon abgeflogen ist: Sollte Deutschland einen neuen Bundestrainer suchen, wirft Community-Mitglied „Linkeklebe“ einen Namen in den Raum: Miroslav Klose. Und schon geht es im Forum zu wie früher in der Stadiongaststätte.

Info

Den Trailer zur App gibt es auf www.BBheute.de.. Kostenlos runterladen kann man sie im Play- oder App-Store. Unter fcplayfair.org und in den sozialen Medien Facebook und Instagram gibt es weitere Informationen zu Verein, Kontakt, Geschichte, Struktur, Satzung und Zielen.