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Hansjörg Jung · 08.08.2015

Der Ochsenkopf und sein kultiger Name

Reise: 150 Jahre Erstbesteigung des Piz Buin / Vier Stunden über Geröllfelder und den Ochsentaler Gletscher zum Gipfel

Ob sie es nun vor 150 Jahren leichter hatten, man denke nur mal an die Ausrüstung, sei dahingestellt. Doch als Josef Anton Specht, Johann Jakob Weilenmann, Franz Pöll und Jakob Pfitscher über das Wiesbadener Grätle stiegen, schaute kaum ein Stein heraus. Heute senkt sich der Ochsentaler Gletscher wie eine Wanne unter dem Felsband. Der Einstieg in die Westflanke des Piz Buin lag für die Erstbesteiger rund 100 Meter höher.

Um sieben Uhr haben wir die Wiesbadener Hütte verlassen. Trostlos scheint das Trümmerfeld aus rostrot schimmerndem Gneis, das derVermuntgletscher und der Ochsentaler Gletscher hinterlassen haben. Bevor wir die Gletscherzunge im Ochsental überqueren, lässt Roland Mattle, unser Bergführer, zum ersten Mal die Steigeisen anziehen und den Helm aufsetzen. Glasig schimmert das Eis an diesem Morgen und unterhalb des Gletscherbruchs weiß man nie, ob nicht der eine oder andere Stein der Schwerkraft folgt. Nach ein paar Hundert Metern über die Gneisblöcke, geht es am Rand des Gletschers, am Fuß des Silvrettahorns, steil über den Altschnee hinauf, bis der Gletscher nach dem Bruch sanft bis zur Buin-Lücke ansteigt.

Von Creme und Berg

Hier hat sich Franz Greiter vielleicht die Nase verbrannt. Der Vorarlberger Kosmetiker war ein begeisterter Bergsteiger und tüftelte an einem wirksamen Sonnenschutz. Mit der Gletschercreme entwickelte er 1946 eine der ersten Sonnencremes. Später wurde die Creme erfolgreich unter dem Namen Piz Buin vermarktet. Benannt nach dem höchsten Gipfel Vorarlbergs, erreichte die Creme wohl höhere Popularität, als der Namensgeber selbst und verschaffte dem Namen fast schon Kultstatus. Dem Rätoromanischen sei Dank. Fraglich ob Berg und vor allem die Sonnencreme diese Popularität erreicht hätten, trüge der Berg seinen deutschen Namen: Piz Buin heißt nichts anderes als Ochsenspitze.

Die Bergwiesen im oberen Ochsental, der Name deutet darauf hin, sind uraltes Weidegebiet. Zuerst haben die Bergbauern aus dem Engadiner Ardez ihr Vieh über den Kamm getrieben, 1904 wechselte der Besitz nach Galtür, nachdem die Tiroler den Schweizern den Durchzug verweigert hatten. Der höchste Berg Vorarlbergs als Tiroler Grundbesitz? „Ein Schönheitsfehler“, sagt Landeshauptmann Markus Wallner aus Bregenz.

So waren es vor 150 Jahren auch nicht die Montafoner, die den Gipfel zuerst erreicht haben – übrigens am selben Tag der Erstbesteigung des Matterhorns, sondern zwei Tiroler, ein Schweizer und ein Wiener, der aus dem Allgäu stammte. Der Kaufmann Josef Anton Specht aus Wien gilt als einer der großen Pioniere der Ostalpen. Er und Weilenmann nahmen Franz Pöll aus Mathon, heute ein Teilort von Ischgl und Jakob Pfitscher, einen Bauern und Viehhändler, der im Sommer auf der Alpe Vermunt Tausende von Schafen hielt, mit.

„Jäger wie kein anderer“

„Jäger ist er wie kein anderer im Land und, wenn es gilt, Gämsen nachzusteigen, der verwegenste Kletterer und genaueste Kenner des ganzen Silvrettagebietes. Fremde führt er nur aus Herablassung und Liebenswürdigkeit zuweilen“, heißt es in einer zeitgenössischen Beschreibung Pfitschers. Auch Johann Jakob Weilenmann scheint von dem Jäger und Bauern fasziniert: „… ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, der verwegenste Kletterer, im Gebirge der Kundigste, ganz mein Mann.“

In den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts hatte der Tourismus im Montafon begonnen. Es war das Goldene Zeitalter des Alpen-Alpinismus. Bergführer gab es in diesem Sinne noch keine. Es waren die bergerfahrenen Hirten und Jäger, die die Fremden auf die Gipfel führten. So auch am Piz Buin. Dass dieser jedoch erst relativ spät bestiegen wurde, liegt vermutlich daran, dass er alpinistisch keine große Herausforderung ist und außer einer grandiosen Aussicht den Bergfexen wenig Spannung bietet. Immerhin: Wer im Jubiläumsjahr den Gipfel mit einem autorisierten Bergführer besteigt, erhält zum schönen Panoramablick obendrein eine hübsche blaue Erinnerungsplakette.

Kamin als Schlüsselstelle

Wir haben mittlerweile die Buin-Lücke zwischen dem Großen und dem Kleinen Piz Buin erreicht. Den Gletscher haben wir am Seil überquert. Sicher ist sicher. Manche Spalten lassen sich ausmachen, die meisten sieht man jedoch nicht. Auch bei der leichten Kletterei bleiben wir gesichert. Das Gestein ist locker und bisweilen brüchig. Die gesamte Westflanke des Bergs gleicht einem Trümmerfeld. Ein kleiner Kamin auf der Hälfte des Anstiegs gilt als Schlüsselstelle.

Nach rund vier Stunden Aufstieg erreichen wir das Gipfelkreuz – 3312 Meter über dem Meer. Im Norden liegen die eisig-grauen Gletscher und der letzte Zipfel des Silvretta-Stausees zu Füßen und im Süden die grünen Täler des Engadins, während sich im Hintergrund im Alpenpanorama Ortler oder auch die Bernina-Gruppe mit dem Piz Palü ausmachen lassen.

Eine Aussicht, die auch die Erstbesteiger begeistert hat. So schrieb Johann Jakob Weilenmann vor 150 Jahren schwelgend: „Das Auge schwelgt im Anblick der rings am Himmelssaum funkelnden Firne, das Herz fühlt sich ergriffen von der feierlichen Stimmung, die durch den unermesslichen Raum weht.“

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