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Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch · 24.12.2015

Der Gnadenring unter dem Löwenkopf

SZ/BZ-Serie: „Sindelfingen – Orte und Geschichten“ (19): Das blutrote Schildportal der Martinskirche aus dem 12. Jahrhundert war früher am Südeingang des Gotteshauses

Der eiserne Ring unter dem Löwenkopf am Portal der Martinskirche Sindelfingen war einst die letzte Rettung für Verfolgte. Der Griff zum Gnadenring garantierte zumindest Kirchenasyl, also nicht unbedingt absolute Straffreiheit, aber wenigstens Schutz vor willkürlicher Verfolgung.

Die blutrote Tür mit ihren Beschlägen, die an den alten germanischen Formenschatz erinnern, ist eines der schönsten Details in der romanischen Kirche, die 1083 in der Regierungszeit von Graf Adalbert geweiht wurde. Wahrscheinlich war das Gotteshaus damals noch eine Baustelle, denn dendrochronologische Untersuchungen haben ergeben, dass das Holz für den Dachstuhl, ein Meisterwerk mittelalterlicher Zimmermannskunst, erst im Jahr 1131 geschlagen wurde.

Als sicher gilt, dass der zweite Bauherr der Martinskirche, Adalberts Sohn Gottfried, im Jahr 1100 dabei war, als Bischof Gebhard von Konstanz in Anwesenheit von Bischof Adalbert von Worms die Krypta der Kirche weihte, die nach der Reformation 1576 beseitigt wurde.

Noch später kommt der Glockenturm, ein Campanile nach italienischem Vorbild, frei stehend und ursprünglich mit flachem Turmhelm in der Zeit nach 1132 gebaut, als sich Welf VI. als dritter Baumeister der Martinskirche verdient gemacht hat.

Die Martinskirche hat wie fast alle Gotteshäuser immer wieder ihr Gesicht gewandelt. Das blutrote Portal, das wegen der Kreisform des Beschlags auf der linken Seite rund um den Löwenkopf Schildtür genannt wird, gehörte ursprünglich zum einstigen Südportal. Der Zugang führte durch einen Vorbau mit der Michaelskapelle, der 1863 abgerissen wurde.

Im 19. Jahrhundert hatte der Gnadenring endgültig seine Bedeutung verloren. Der Löwenkopf war ja einst ein Symbol für Christus, den biblischen Löwen von Juda, und Verweis auf die Kirche als Asylstätte. Zum andern ist er das Zeichen für die weltliche Gerichtsstätte. Dabei symbolisiert der Löwenkopf den Landesfürsten als obersten Gerichtsherren. Zu Gericht saß oder stand man nach fränkischer und germanischer Sitte unter freiem Himmel. Aber schon Karl der Große hatte erlaubt, bei schlechtem Wetter das Gericht in eine überdachte Halle zu verlegen. Das war oft bis in das späte Mittelalter hinein die Vorhalle einer Kirche. Das bekannteste Beispiel ist die westliche Vorhalle des Freiburger Münsters.

Von der Gerichtsstätte an der Martinskirche ist nichts mehr übrig geblieben. Christian Friedrich von Leins, königlich württembergischer Baudirektor und der bedeutendste württembergische Architekt des Historismus, hat 1862 in Sindelfingen gründlich aufgeräumt. Die blutrote Schildtür wurde mit ihren alten Beschlägen ins Westportal versetzt, wo sie heute an Pfingsten zum Eingangsportal für die Jahrgänge geworden ist. Wahrscheinlich ist diese typisch Sindelfinger Tradition in der Zeit entstanden, in der die Martinskirche aus einem offenbar beklagenswerten Zustand befreit wurde.

Der aus Sindelfingen stammende Pfarrer Ottmar Schönhuth hat 1864 in einer Chronik den Zustand der Martinskirche in vielen Einzelheiten geschildert: Die „oberen Vorsteher“ dieser Stadt seien bestrebt, die Kirche wieder in einen ihrer Bedeutung angemessenen Zustand zu versetzen.

So verschwanden die rechteckigen Fenster der Seitenschiffe und wurden durch Rundbogenfenster ersetzt, die den ursprünglichen Öffnungen im romanischen Stil gleichen sollten. Der Haupteingang im Süden wurde wegen der Symmetrie ein paar Meter in den Westen verlegt, die Kanzel im Innern wurde dem Chor um einen Pfeiler näher gerückt. Dabei sind die alten Säulchen aus dem abgebrochenen Südanbau wieder verwendet worden.

Schlussendlich haben sich die Sanierer um Christian Friedrich von Leins an den Turm gemacht und die damals zugemauerten Klangarkaden wieder freigelegt.

Info

Zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt Sindelfingen hat die Martinskirchengemeinde 2013 einen reich bebilderten Kirchenführer herausgegeben.

Die Gerichtstür mit dem Gnadenring unter dem Löwenkopf aus dem 12. Jahrhundert ist eines der schönsten Details der Martinskirche Sindelfingen und öffnet heute vom Westen den Zugang zum Gotteshaus. Bilder: Körner/z