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Von unserem Redaktionsmitglied Daniel Bilaniuk · 24.08.2017

„Der Fußball muss Kulturgut bleiben“

Fußball: Der Waldenbucher Claus Vogt hat mit fußballbegeisterten Mitstreitern Anfang des Jahres den Verein „FC Play Fair!“ gegründet / Ziel: Weniger Streben nach reinem Kommerz

Die Entwicklung im Weltfußball ist bedenklich: Spieler wechseln für über 220 Millionen Euro den Verein und der Fan braucht zum Fußballschauen mittlerweile gleich mehrere Verträge beim Bezahl-Fernsehen. Deshalb gründete der Waldenbucher Unternehmer Claus Vogt den Verein „FC Play Fair!“. Das Ziel: Der Fußball muss wieder den Fans gehören.

Die SZ/BZ hat nach dem Bundesligastart mit Claus Vogt, der als Geschäftsführer der Böblinger Firma Intesia Group arbeitet, gesprochen.

Was genau ist der „FC Play Fair!“

Claus Vogt: „Wir sind ein mittlerweile eingetragener Verein mit derzeit 35 Mitgliedern aus ganz Deutschland, der es sich zum Ziel gesetzt hat, gegen die im Profifußball immer stärker werdende Kommerzialisierung anzukämpfen. Wir wollen sozusagen ein faires Spiel nicht nur auf dem Platz, sondern auch drum herum. Der Fußball muss hierzulande einfach ein Kulturgut bleiben“

Was konkret sind die Forderungen?

Claus Vogt: „Da gibt es im Kern drei Verschiedene. Erstens: Wir fordern, dass Fans, Vereine, Funktionäre und Verbände sich aufeinander zubewegen, anstatt sich immer weiter voneinander zu entfernen. Zweitens: Wir fordern, die Interessen der Fans zu respektieren, denn der Fußball braucht die Fans. Drittens: Wir fordern mindestens einen Fanvertreter im obersten Kontrollgremium eines jeden deutschen Profifußballklubs. Darüber hinaus fänden wir es fair, wenn Sponsoren ein Prozent ihres finanziellen Engagements nicht nur in die Profimannschaft des jeweiligen Vereins, sondern unter anderem auch in die dortige Fanarbeit fließen lassen würden.“

Gibt es schon die ersten Erfolge?

Claus Vogt: „Ja, die gibt es. Ich war jetzt in meiner Funktion als Erster Vorstand des „FC Play Fair!“ schon bei DFL (Deutsche Fußball Liga, Anm. der Red.) und DFB (Deutscher Fußball-Bund) eingeladen. Da tauscht man sich auf Augenhöhe aus und schildert seine Sicht der Dinge. Und ich habe ja keine komplett abwegige Sichtweise. Ich bin selbst Unternehmer und habe dabei langfristig natürlich einen Gewinn für meine Firma im Blick. Aber die kurzfristige Gewinnoptimierung, die die DFL stets im Auge hat, ist in meinen Augen der totale Kommerz.“

Können Sie hier ein konkretes Beispiel nennen?

Claus Vogt: „Ab dieser Saison gibt es auch Spiele am späten Montagabend. Das ist eine Katastrophe. Wenn der VfB da spielt, kann ich meinen 11-jährigen Sohn nicht mit ins Stadion nehmen. Der hat am nächsten Morgen wieder Schule.

Die Amateure bilden das Fundament des Fußballs

Der Spieltag wird immer mehr zerfleddert. Und das einzig und allein aus dem Grund, dass die DFL höhere Fernsehgelder aushandeln kann. Um wieder mehr Leute zu Amateurspielen zu locken, wäre ich sogar dafür, dass am Sonntag kein Profifußball gespielt wird. Denn die Amateure bilden nach wie vor das Fundament für den Profifußball. Aber hier bin ich Realist genug, um zu wissen, dass das nicht kommen wird.“

Apropos Fernsehen. Bisher musste der Fußballfan ein Abo mit dem Bezahlsender Sky abschließen, um die Bundesligaspiele live zu sehen. Um jetzt alle Partien sehen zu können, benötigt man für ausgewählte Spiele nun auch ein Abo mit einem Eurosport-Unterkanal? Die falsche Entwicklung?

Claus Vogt: „Absolut. Das ist eine weitere Ausgrenzung des Fußballfans. Ich kenne Leute, die können sich mehrere Abos einfach nicht leisten. Wenn wir so weitermachen, haben wir bald englische Verhältnisse. Da sitzen bei manchen Spielen 50 Prozent reiche Touristen im Stadion, die sich im Gegensatz zu vielen Engländern die oft über 100 Euro teuren Tickets leisten können.“

Stichwort Geld. Ist ein Transfer wie der vom Brasilianer Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain für über 220 Millionen Euro noch im Rahmen?

Claus Vogt: „Definitiv nicht. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass Neymar ja angeblich von einem katarischen Sponsor einmalig 300 Millionen Euro bekommen hat, um sich mit diesem Geld praktisch selbst beim FC Barcelona auslösen zu können. Mit dem Financial Fairplay der Uefa hat das nicht mehr das Geringste zu tun.“

Befürchten Sie, dass das deutsche Pokalfinale zum Zwecke einer besseren Vermarktung bald irgendwo in Asien ausgetragen wird?

Claus Vogt: „Das hoffe ich nicht. Aus meiner Sicht brauchen wir das auch überhaupt nicht. Unsere Stadien sind modern und fast immer voll. Warum um Himmels willen sollten wir in China spielen. Und wissen Sie was?“

Nein, was meinen Sie?

Claus Vogt: „Mir hat auch das unnötige Halbzeitspektakel mit Helene Fischer beim letzten Pokalfinale in Berlin nicht gefallen. Ganz einfach aus dem Grund: Wenn ich zu einer Show von Helene Fischer gehe, will ich doch auch nicht, dass in der Konzertpause der VfB gegen den HSV kickt.“

Wird die 50+1-Regel, die Kapitalanlegern untersagt, die Stimmenmehrheit bei einem Fußballverein zu halten, bestehen bleiben oder regieren auch hier bald die Scheichs und die großen Unternehmen die Klubs?

Claus Vogt: „Bloß das nicht. Ich hoffe, dass die 50+1-Regel bleibt. Der Profifußball braucht klare finanzielle Regeln. Und das hoffen übrigens auch 85,8 Prozent unserer Fair-Play-Situationsanalyse.“

Was genau ist das?

Claus Vogt: „Wir haben bei dieser Analyse mit der Hilfe von Fußballfans aus ganz Deutschland zahlreiche Fragen rund um das Spiel mit dem runden Leder entwickelt. Ein kleiner Auszug der Antworten sei mir hier gestattet: 70,1 Prozent fordern eine Gehaltsobergrenze für die Spieler. 78,4 Prozent wollen fanfreundlichere Anstoßzeiten. 83,3 Prozent befürchten, der Profifußball wird sich noch mehr vom normalen Fan entfernen. Und 86,9 Prozent sind der Meinung, dass es im Profifußball nur noch ums Geld geht. Die Ergebnisse der gesamten Umfrage, bei der im Fachmagazin Kicker mehr als 17 000 Leute mitgemacht haben, findet man auf unserer Homepage.“

Glauben Sie, der „FC Play Fair!“ kann die Entwicklung hin zu immer mehr Kommerz im Fußball rückgängig machen?

Claus Vogt: „Wir können zumindest mit unseren Forderungen einen Stein ins Rollen bringen. Wenn wir regelmäßig in den Medien sind, dauerhaft hohe Besucherzahlen bei Facebook und in anderen sozialen Medien haben und sich immer mehr Leute mit unserem Ansinnen solidarisieren, glaube ich schon, dass die DFL irgendwann mal sagt: Hoppla, da gibt es einen Verein, den sollte man ernst nehmen und vielleicht bei einigen Dingen auch auf ihn hören.“

Info

Der 48-jährige Claus Vogt wohnt mit seiner Frau, seinen beiden Töchtern und seinem Sohn im Waldenbucher Stadtteil Glashütte. Der Geschäftsführer der Böblinger Firma Intesia Group ist leidenschaftlicher VfB-Fan und bei Heimspielen so oft es geht mit von der Partie. Mit einigen fußballbegeisterten Mitstreitern gründete er Anfang des Jahres den „FC Play Fair!“. Der Verein hat zwei Geschäftsstellen: eine Landesvertretung im extra eingerichteten Fußballzimmer in Claus Vogts Böblinger Firma und eine Bundesgeschäftsstelle in Berlin. Auf der Vereinshomepage kann man auf der Seite fcplayfair.de unter anderem die Ergebnisse der großen Fußballumfrage nachlesen, an der sich im Fachmagazin Kicker über 17 000 Leute beteiligten. Auch bei Facebook ist der „FC Play Fair!“ vertreten.

Daniel Bilaniuk ist selbst großer VfB-Fan. An den Wochenenden ist er für die SZ/BZ aber auch oft bei Amateurspielen im Einsatz.

Claus Vogt im „Fußballzimmer“ in seiner Böblinger Firma. „Wir vom ‘FC Play Fair!’ können mit unseren Forderungen gegen zu viel Kommerz im Fußball einen Stein ins Rollen bringen“, sagt der 48-Jährige aus Waldenbuch. Bild: z