Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserer Redakteurin Fariba Sattler · 16.04.2015

Das Vermächtnis der Goldgräber

Böblingen: 250 Erdwärme-Bohrungen gibt es unter der Stadt/ Keine Untersuchung außerhalb der Hebungsgebiete / Neue Animation auf www.szbz.de

17 von 17 untersuchten Geothermie-Bohrungen in Böblingen sind nicht dicht: Eine Quote, die nicht nur den Betroffenen, die wegen der Erdhebungen Schäden an ihren Häusern haben, zu denken gibt. In Böblingen gibt es insgesamt rund 250 Geothermie-Bohrlöcher. Kein Grund zur Unruhe, sagt das Landratsamt.

Acht Böblinger Erdwärme-Anlagen mit insgesamt 17 Bohrlöchern zwischen 130 und 80 Metern Tiefe haben sich Geologen in den letzten eineinhalb Jahren angeschaut. Bei allen 17 Bohrungen haben die Experten große oder kleinere Mängel festgestellt. Die Erde hat sich in Böblingen oberhalb des Herdwegs sowie südlich der Stuttgarter Straße seit 2002 bis zu einen halben Meter nach oben bewegt. Rund 200 Häuser haben deshalb Schäden wie Risse in den Wänden (die SZ/BZ berichtete).

2015 sollen am Ganssee drei weitere Bohrungen mit 87 Metern Tiefe untersucht werden. Derzeit laufen die Vorgespräche mit den Eigentümern. „Wir brauchen die Genehmigung, damit wir auf das Grundstück dürfen. Die Untersuchung hat erst mal keine Eile. Wir brauchen für die geplanten Sanierungen sicher bis Ende des Jahres“, sagt Jochen Weinbrecht (Bild: fotoknobi/A) vom Amt für Wasserwirtschaft im Böblinger Landratsamt. Für die Eigentümer ist die Genehmigung kein Zuckerschlecken: Alle 17 untersuchten Bohrlöcher sind fehlerhaft. Alle acht Erdwärme-Anlagen werden zerstört.

Das droht auch am Ganssee. „Ich würde mich nicht wundern, wenn die Ergebnisse der Untersuchung dort ähnlich sind“, sagt Jochen Weinbrecht. Die Anlage am Ganssee befindet sich am äußersten Rand des südlichen Hebungsgebiets in Böblingen. „Dort bewegt sich die Erde am wenigsten“, sagt der Amtsleiter. Genau da endet auch das Suchgebiet des Landratsamts: „Wir hören sofort auf, sobald das Hebungsgebiet endet. Selbst wenn sich nur einen Meter davon entfernt noch eine Erdwärme-Anlage befindet.“

Besorgten Anwohnern wäre es lieber, wenn alle Anlagen unter die Lupe genommen werden. Die Befürchtung, dass sich die Erde auch unter ihren Häusern heben könnte, macht unruhig. Außerhalb der beiden Hebungsgebiete sieht der Experte vom Landratsamt keinen Grund zur Sorge: „Wenn in den Jahren 2007 bis 2010 für Erdwärme gebohrt wurde und sich bis heute das Bodenniveau nicht verändert hat, ist die Chance extrem groß, dass sich auch weiter nichts mehr tut. Wenn es dort Anhydrit gäbe, dann hätte es sich früher gemeldet.“

Eine Garantie gibt es nicht. Auch nicht für den Zustand der restlichen Bohrlöcher in Böblingen. In der gesamten Stadt inklusive Dagersheim gibt es knapp 80 Erdwärme-Anlagen. Das sind insgesamt etwa 250 Bohrungen. Dreiviertel der Anlagen sind vor 2011 entstanden. „Der Großteil wurde 2007 und 2008 gebohrt. Das war die sogenannte Goldgräberzeit, in der es aber noch wenig Reglementierung gab“, sagt Jochen Weinbrecht.

Guckt man sich die Trefferquote der Untersuchungen an, könnten viele der 250 Bohrungen auch Hohlstellen haben. „Davon kann man ausgehen, wenn man die Kriterien anwendet, die wir haben“, so der Amtsleiter. Die Stadt Böblingen sei diesbezüglich ein gebranntes Kind: „Wir haben zwei Hebungsgebiete. Dementsprechend vorsichtig werden die Untersuchungsergebnisse auch bewertet. Hier tut sich jeder Sachverständige schwer, die Verantwortung auf sich zu nehmen und eine Bohrung als in Ordnung zu bewerten, wenn nur die kleinste Schwankung zu sehen ist.“ Soll heißen: Andernorts im Land, wo sich die Erde nicht hebt, könnten die Ergebnisse auch anders ausfallen.

„Die Schwelle, eine Bohrung als mangelhaft zu bewerten, war bei uns sehr niedrig“, sagt Jochen Weinbrecht. Bei einem Drittel der 17 Bohrungen habe es ganz offensichtlich Handlungsbedarf gegeben: „So zum Beispiel bei einer der beiden Bohrungen im Norden. Im Heinrich-Heine-Weg ist die Hälfte ganz offensichtlich mangelhaft.“ Das zeigt auch die Zwischenbilanz bei den Sanierungen: Zwei Bohrlöcher sind im Heinrich-Heine-Weg inzwischen verpresst. 7000 Liter Zementgemisch haben hineingepasst. „Ein klarer Beleg, dass die Bohrungen fehlerhaft waren“, so das Landratsamt. Bei der Sanierung im Norden war das ganz ähnlich: Hier haben die Experten 9000 Liter Füllmasse in beide Bohrlöcher gepresst.

Eine General-Überprüfung aller Erdwärme-Anlagen wird es nicht geben. „Die Untersuchung und die Sanierung sind ein starker Eingriff für die Eigentümer. Wir als Behörde brauchen einen hinreichenden Verdacht, damit es gerechtfertigt ist, derart in das Privatinteresse Einzelner einzugreifen und die Bohrungen mit Steuergeldern zu untersuchen und zu sanieren“, sagt Jochen Weinbrecht. Auch das Umweltministerium hält so ein Handeln auf Nachfrage der SZ/BZ für unverhältnismäßig.

Die Tatsache, dass 17 von 17 untersuchten Bohrungen fehlerhaft sind, reiche nicht aus, so Jochen Weinbrecht: „Dadurch allein hebt sich auch nicht die Erde. Dazu gehören außerdem die Anhydrit-Schicht und Wasser-Vorkommnisse in der passenden Tiefenlage. Sonst hebt sich nichts.“ Der Untergrund sei schon innerhalb der Stadtgrenzen sehr unterschiedlich. „Deshalb machen wir auch zwei Erkundungsbohrungen, eine im nördlichen Hebungsgebiet und eine im südlichen. Schon einen halben Kilometer weiter kann der Untergrund anders aussehen“, sagt Jochen Weinbrecht. Gipskeuper dominiert überall unter Böblingen. Teilweise sei er aber ausgelaugt: „Das Anhydrit ist längst zu Gips geworden. Die Erde hebt sich hier nicht mehr. Auch die Wasservorkommen sind nicht überall auf gleichem Niveau.“

Das Landratsamt hat ein Auge auf das Stadtgebiet. Alle elf Tage wird Böblingen per Satellit vermessen. „In einem Raster, auf dem alle drei Meter ein Punkt festgelegt ist, wird das Bodenniveau dokumentiert. Das sind Tausende Messpunkte in der Stadt. Diesen Monat kommt die nächste Auswertung“, sagt Jochen Weinbrecht. Parallel bekommt das Landratsamt Daten von Vermessungsbüros, die in den Hebungsgebieten an Straßenachsen regelmäßig die Erdbewegung kontrollieren. Außerdem haben Hauseigentümer Messleisten in ihren Häusern angebracht. So zeichnet das Landratsamt auf, wo und wie sich die Erde hebt.

Infopaket auf szbz.de

Karten, Animationen, Videos und Interviews: Auf www.szbz.de hat die Sindelfinger Zeitung ein Infopaket rund um die Geothermie-Schäden in Böblingen geschnürt. Einfach oben auf Nachrichten klicken und rechts „Geothermie-Schäden“ auswählen.

In Böblingen gibt es 250 Bohrlöcher wegen Geothermie. Bild: fotoknobi