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Von unserem Redakteur Steffen Müller · 12.02.2014

„Das sollte eine Warnung für uns alle sein“

Skifahren abseits gesicherter Pisten: Klaus Berghold von der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist SZ/BZ-Redaktionsgast im Monat Februar

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er folgenschwere Skiunfall von Michael Schumacher dominierte wochenlang die Nachrichten und heizte die Diskussion über Skifahren außerhalb der Piste an. Eine Diskussion, die emotional und oft mit Halbwissen geführt wurde und wird. Klaus Berghold, stellvertretender Vorsitzender der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins (DAV), bringt als SZ/BZ-Redaktionsgast des Monats Licht ins Dunkel.

Freeriden, Variantenfahren, Skitouren – das Abenteuer abseits der Piste kennt viele Spielarten. Mit alpinen Gefahren sind sie alle verbunden. Doch ist der Ausflug ins freie Gelände per se verboten oder zumindest unverantwortlich – und wie lassen sich die Risiken minimieren? Klaus Berghold, Bergsportreferent der Sektion Schwaben des DAV, kennt die Antworten.

Eine Frage vorweg. Darf man grundsätzlich außerhalb gesicherter Pisten Ski fahren oder nicht?

Klaus Berghold: „Außerhalb der Pisten lauern größere Gefahren. Es gibt aber kein Gesetz, das einem grundsätzlich das Verlassen der Pisten verbietet. Genauso darf man sich ja auch im Sommer frei in den Bergen bewegen. Ausnahmen sind Wild- und Naturschutzgebiete, in denen das Skifahren ausdrücklich verboten ist. Auch bei extremer Lawinengefahr können Skigebietsbetreiber ein Interesse daran haben, dass man die Piste nicht verlässt, um Nachahmungen anderer Skifahrer zu verhindern.“

Wie sieht es mit der Haftung aus?

Klaus Berghold: „Da ist die Situation klar. Bei Unfällen außerhalb gesicherter Pisten haftet der Skigebietsbetreiber nicht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“

Abgesehen von der rechtlichen Seite. Welche Gefahren lauern im sogenannten freien Skiraum?

Klaus Berghold: „Zuallererst sind Lawinen ein Thema. Auf Pisten gibt es vor Öffnung der Lifte Sprengungen an gefährdeten Hängen, beziehungsweise befinden sich die meisten Pisten gar nicht im Einzugsbereich gefährdeter Bereiche.

Enorme Gefahr durch Felsen, Geröll und Wurzeln

Gerade in einem Winter wie diesem, bei dem in den Nordalpen extrem wenig Schnee liegt, geht aber auch eine enorme Gefahr von verdeckten Felsen, von Geröll oder freiliegenden Wurzeln aus. Ein weiteres Thema ist das Wetter. Bei plötzlich aufziehendem Nebel gibt es auf der Piste noch die Stangen zur Orientierung. Abseits kann man sich als Laie kaum noch zurechtfinden. Hier drohen durch die Orientierungslosigkeit Abstürze, aber auch Erfrierungen sind schon vorgekommen. Als letzten Punkt sollte man auch an die Rettung denken. Auf der Piste kann auch bei schlechtem Wetter noch mit dem Akia oder Motorschlitten geborgen werden. Abseits ist oft der Hubschrauber die einzige Möglichkeit – der fliegt aber bei Nebel nicht.“

Sollte man sich angesichts der vielfältigen Gefahren ohne Bergführer überhaupt ins Gelände wagen?

Klaus Berghold: „Als Anfänger sollte man sich in jedem Fall schulen lassen. Vom Deutschen Alpenverein, von Bergschulen, gegebenenfalls auch von einem erfahrenen Freund. Wobei die private Wissensvermittlung oft nicht intensiv genug ist. Experten führen Kursteilnehmer systematisch an das Thema heran, erklären Gefahren und vermitteln Methoden zur Risikominimierung. Grundsätzlich kann man als versierter Skifahrer, bei den niedrigen Lawinenwarnstufen 1 und 2 von fünf Stufen mit etwas Erfahrung die Piste verlassen. Bei Lawinengefahrenstufe 4 oder 5 hat man im Gelände nichts zu suchen. Das ist meiner Meinung nach auch richtig so. Unbedingt sollte man den Lawinenlagebericht lesen, verstehen und danach handeln. Man sollte auch nie allein ins Gelände oder auf Skitour gehen.“

Welche Ausrüstung sollte man in jedem Fall dabeihaben?

Klaus Berghold: „Man benötigt in jedem Fall eine komplette LVS-Ausrüstung. Dazu gehören ein Verschütteten-Suchgerät mit drei Antennen, eine Sonde zur Feinortung und eine Schaufel zum Ausgraben – und man sollte natürlich damit umgehen können, sonst ist die vermeintliche Sicherheit trügerisch. Außerdem würde ich eine Aufstiegsbindung und Steigefelle empfehlen. Damit kann man nicht nur aufsteigen, um zu lohnenden Abfahrten zu gelangen, sondern auch dann, wenn man sich verfahren hat und der nächste Lift oder die nächste Straße weit weg sind. Auch Steigeisen und ein Gletscherseil können bei schwereren Freerides zur Sicherung im Steilgelände nie schaden. Ein Erste-Hilfe-Set gehört immer in den Rucksack.“

Worauf sollte man noch achten?

Klaus Berghold: „Nach meiner Erfahrung machen viele den Fehler, dass sie ihre Bindung viel zu hart einstellen. Gerade im Gelände kann es aber von Vorteil sein, wenn sie früher auslöst. Bei Steinen, Wurzeln oder extrem schwerem Schnee kann man so Verletzungen vorbeugen. Ich rate außerdem davon ab, bei der Abfahrt die Stockschlaufen zu benutzen. Im Falle eines Sturzes kann das nämlich zu schweren Schulterverletzungen führen.“

Was ist von den Rucksäcken mit Lawinen-Airbag zu halten?

Klaus Berghold: „Ich glaube, das ist ein großer Fortschritt. Der Airbag schwimmt bei Lockerschneelawinen obenauf, was die Bergung erleichtert und im Idealfall eine Verschüttung verhindert. Beim Skitourengehen stellt das Zusatzgewicht allerdings meist ein Problem dar.“

Wie sollte der Fahrstil aussehen?

Klaus Berghold: „Man sollte sich nicht zu sehr von Profi-Freeridern inspirieren lassen, die mit hohem Tempo durch den Tiefschnee pflügen. Am sichersten fährt man mit Kurzschwüngen, wodurch sich das Abfahrtstempo gut kontrollieren lässt. So hat man aber durch die niedrigere Geschwindigkeit die Chance, unerwarteten Hindernissen auszuweichen. Und davon gibt es außerhalb der Piste genügend.“

Was kann man aus dem tragischen Unfall von Michael Schumacher lernen?

Klaus Berghold: „Ich kann den Unfall aus der Ferne nicht beurteilen. Er hat sicher viel Pech gehabt. Auf jeden Fall sollte das eine Warnung für uns alle sein.“

Info

Mehr zum Thema Lawinen und zu den Kursen der Sektion Schwaben des DAV gibt es unter der Adresse www.alpenverein-schwaben.de im Internet. Lawinenlageberichte und mehr unter www.avalanches.orgwww.lawinenwarndienst-bayern.de lawine.tirol.gv.at im Internet.

Bevor man sich in den Tiefschnee begibt, gilt es einiges zu beachten. Bild: z