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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 13.03.2018

Das Schlussbild sprengt die Einheit

Sindelfingen: Auftakt der neuen Reihe „Leere Kirche“ mit einer Sinfonie aus Kunst, Licht, Musik und Tanz in der romanischen Martinskirche

Mit einer Sinfonie aus Kunst, Licht, Musik und Tanz startete die Veranstaltungsreihe „Leere Martinskirche VII“. Modern-Dance-Ensembles von Monika Heber-Knobloch, der Chor Cappella Nuova und Stiftshoforchester unter Leitung von Daniel Tepper, Luftobjekte von Frank Fierke, Lichtdesign von Christian Ländner und die große Weigle-Orgel schlugen an zwei ausverkauften Abenden Hunderte Besucher in ihren Bann.

Nach 1999 ist es bereits die siebte Ausgabe von Leere Kirche. Bei allen unterschiedlichen Leitmotiven der Veranstaltungsreihe, Kern und Seele des Ganzen blieben stets gleich: Die Stühle sind weg geräumt. So nackt entfaltet der romanische Kirchenbau schon für sich eine völlig andere Anmutung. Säulen und Gemäuer verströmen intensiv, weil unverstellt das Fluidum ihrer fast tausendjährigen Geschichte. Der christliche Sakralbau nimmt darüber hinaus die Aura eines antiken Musentempels an.

Zur Ouvertüre 2018 ist das wie bei den Vorgänger-Ausgaben. Doch eines ist völlig anders. Mit drei garagengroßen, weißhellen Stoff-Gebilden, eines als Kubus über dem Chorpodest im Altarraum schwebend, ein Zeltartiges an der Nordwand und ein Quaderförmiges unter der Empore, manifestiert die Gegenwart nachdrücklich ihr Anwesenheitsrecht in Form moderner Kunst.

Obwohl von den Dimensionen her unübersehbar, diese Luftobjekte von Frank Fierke aus seidenfeinem Stoff entfalten mit ihrer luftigen Materialität aber keine penetrante, sondern diskrete Existenz. Eine zarte Dualität von augenfälligem Jetzt und massiver, uralter Sakralarchitektur prägt den Raumcharakter.

Das Motiv diskreter Gegensätze pflanzt sich fort durch sämtliche an diesem Abend beteiligte Sparten. Im Mittelpunkt steht die Tanztheater-Choreografie „VerANTWORTung“, getanzt von Andas Modern Dance Art und der SMTT-Tanzwerkstatt zur neuen Messevertonung „Sunrise Mass“ des Norwegers Ola Gjeilo, die Stiftshoforchester, Chor Cappella Nuova und Organist Florian Lorenz gemeinsam unter Leitung Daniel Teppers spielen. Monika Heber-Knobloch hat sich für ihre Tanz-Choreografie dabei von Zweierlei inspirieren lassen.

Erstens von Gjeilo selbst. Der Norweger vertont zwar den traditionellen lateinischen Messetext mit den bekannten Teilen, gibt diesen aber neue Überschriften wie „Sonnenaufgang“ oder „Boden“ und stellt damit den Assoziationsrahmen Natur her. Natur, mal in ästhetisch anziehender, mal in bedrohlich abweisender Gestalt ist die eine Inspirationsquelle. Der steht als zweiter Inspirationsquell der Existenzialismus Jean-Paul Sartres zur Seite, der über seine extrem dualistische wie naturabwertende Position zur Betonung von Freiheit und Verantwortung des Menschen kommt.

So scheinen im Tanztheater multiple Bezüge auf. Wie mancher Besucher nach der rein musikalischen Ouvertüre mit dem Chor-Orchesterwerk „Song of the Universe“ verblüfft registriert, sind die zwei Luftobjekte am Boden behaust. Tänzerinnen, unter der Empore nur als Schattenfiguren wahrnehmbar, im Luftzelt an der Wand zunächst unsichtbar, bewegen sich in den Stoffgebilden wie Larven im Kokon. Sie umgarnen und überdecken im Verlauf des ersten Satzes zum Finale die zwischen und um die Säulen des nördlichen Seitenschiffes sich bewegenden Mittänzerinnen, bis schließlich die Luft abgelassen und die Objekte weggepackt werden. Eine Metapher für die fragile und gefährdete Sicherheit, die der im Schoße der Natur wohnende Mensch genießt.

Die weiteren vier Teile von „VerANTWORTung“ deklinieren in vielen, sehr sauber koordinierten größeren Besetzungen bis zu Aufspaltung in Duos und Soli das menschliche Mit- und Gegeneinander durch. Huckepack- und Schleuderfiguren, stilisierte Gewaltszenen und Brutalismen verweisen auf das diesjährige Gesamtmotto von Leere Kirche, „Grenzgänge“. Seit der letzten leeren Kirche 2013 hat sich das Gesellschaftsklima mit seinen Grenz- und Flüchtlingsdiskussionen um Gigawatt an Hass- und Aggressionsenergie aufgeladen.

Die Choreografie, die punktuell auch präzise Anknüpfung an den theologischen Inhalt des Messetextes erlaubt, endet in leichter Grundspannung. Zum Auftakt der Schlussphase verschmelzen neun Tänzerinnen so zu einer unverbrüchlichen Reihe, malen wie ein Fabelwesen aus Vielfüßler, Riesenschlange und Grashalmen Zeitlupenwellen und Figuren mit wiegendem Rumpf und Armen in den Raum. Zum Schlussbild ist diese Einheit schließlich gesprengt in mehrere Individuen und Grüppchen.

Auch dem Lichtdesign Christian Ländners ist eine Grundspannung eingeschrieben: Mit gemächlich wechselndem, zartem Farbenspiel potenziert es Stimmung und Atmosphäre, verleiht zwischendurch durch extreme Schatten der Feinzeichnung des Gemäuers aber auch ungeahnte Härte.

Die Cappella Nuova singt mit einer Klangdichte, Fülle und Weichheit, die unter normalen Akustikumständen nicht zu haben ist. Bezirkskantor Daniel Tepper nutzt die Gelegenheit für ein weiteres Bonbon und teilt den Chor zur achtstimmigen Messe zwischendurch auf, schickt eine Hälfte auf die Empore, was dem Publikum fantastische Stereo-Effekte beschert. Dabei durchzieht auch Gjeilos Messe eine vibrierende Grundspannung. Er arbeitet mit clusterartigen Klangflächen, die oberflächlich große, wohlgefällige Ruhe ausstrahlen, die aber ein dynamisches Innen- und Binnenleben führen, die diese kitschige Statik fast unablässig aufbrechen. Noch bei der zweiten, sehr starken Aufführung am Sonntag war in ganz wenigen Details wie offenen Einsätzen merklich, welch enorme Konzentration diese Schönklangmusik dem Chor abverlangt.

Konzentriert zeigte sich das nur mit Streichern besetzte Stiftshoforchester, das sich hier nach längerer Abstinenz wieder einmal als Klangkörper präsentierte, der bei entsprechender Literaturauswahl an die Augenhöhe der Cappella Nuvoa heranzureichen vermag. Für die Musik – nach den zwei Gjeilo-Stücken „Song of the Universal“ und der „Sunrise Mass“ zum Abschluss noch „The Fruit of Silence“ von Peteris Vasks – galt im Übrigen wie für alles andere: Ohne die gesamten Zutaten, nur für sich aufgeführt, wäre es ein eher fader Abend geworden. So wurde es ein unvergesslicher.

Info

Dritte und letzte Aufführung von „VerANTWORTung“ findet am Samstag, 17. März, um 19 Uhr in der Sindelfinger Martinskirche statt. Eventuell noch Restkarten an der Abendkasse.

Tanz, Musik, Kunst und Licht: Die leere Martinskirche zieht Besucher in den Bann. Bild: Stampe