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Von Fariba Sattler und Jürgen Wegner · 09.12.2014

Das Flugfeld im Ausnahmezustand

Böblingen: Bauarbeiter finden amerikanische Fliegerbombe / Wohnungen, Bahnhof, Mercaden und Medicum evakuiert

Blindgänger hält die Stadt in Atem: Eine 250-Kilogramm-Fliegerbombe treibt Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste auf dem Flugfeld stundenlang um. Die Kongresshalle wird zum Notquartier. Erst um 21.28 Uhr gab der Kampfmittelbeseitigungsdienst Entwarnung.

Betreute Wohnungen auf fünf Etagen und ein Pflegezentrum auf dem Flugfeld: Bei den Bauarbeiten an der Ecke Liesel-Bach-Straße/Konrad-Zuse-Straße müssen die Arbeiter erst mal in die Erde. Der Bagger gräbt sich in den Untergrund und stößt am frühen Nachmittag auf Widerstand: eine Fliegerbombe, 250 Kilogramm schwer. Sie liegt seit dem Zweiten Weltkrieg auf dem ehemaligen Böblinger Flughafen. Die Bombe sollte beim Aufschlag auf den Boden explodieren. Dieser Aufschlag ist rund 70 Jahre her.

2005 wurde der Boden umgegraben, um alle Überbleibsel aus Kriegszeiten zu finden und zu beseitigen. Diese Fliegerbombe haben die Experten ganz offensichtlich nicht entdeckt. Die Bauarbeiter schon.

Jetzt heißt es handeln. Die Baggerführer informieren um 16 Uhr den Kampfmittelbeseitigungsdienst. Der macht der Polizei Meldung. Diese informiert die Deutsche Bahn. Der Schienenverkehr wird erst mal stillgelegt. Das Team vom Kampfmittelbeseitigungsdienst guckt sich die Bombe an. „Sie haben festgestellt, dass keine aktuelle Gefahr besteht. Deshalb sind auch die Züge wieder gefahren“, sagt Peter Widenhorn, Sprecher des Polizeipräsidiums.

Der Plan: Da die Situation nicht brenzlig ist, wird die Bombe um 20 Uhr entschärft. So kann der Berufsverkehr abfließen. „Für solche Fälle gibt es Notfallpläne. Bei einer Fliegerbombe mit 250 Kilogramm evakuiert man aus Erfahrung in einem Umkreis von 250 Metern“, sagt Peter Widenhorn. Die Konrad-Zuse-Straße wird gesperrt. Die Fliegerbombe liegt umringt von großen Wohnkomplexen, dem Gesundheitszentrum Medicum, dem Forum 1, der Motorworld, dem Böblinger Bahnhof und dem neuen Einkaufszentrum Mercaden in der Erde. Die Bundespolizei organisiert die Evakuierung. 70 Polizisten sind am Einsatzort. Die Feuerwehr hilft mit acht Mann beim Absperren. Das DRK rückt mit 14 Helfern an. Ab 19.30 Uhr soll das Gelände leer sein.

Direkt neben dem Bombenfund, im Medicum, arbeiten rund 400 Menschen. Etwa 1800 Menschen gehen dort täglich ein und aus. Um 19 Uhr ist der Großteil schon nicht mehr im Gebäude. Die Menschen in den Wohnblocks werden per Lautsprecherdurchsage aus ihren Wohnungen geholt. „Wir haben Pfliegerbusse organisiert, die die Anwohner in die Kongresshalle bringen. Dort werden sie betreut und bekommen etwas zu trinken“, sagt der Böblinger Ordnungsamtsleiter, Günther Henne. Rund 250 Menschen warten in den Salons des neuen Restaurants Neuberths am See und im Württembergsaal, bis sie wieder in ihre Wohnungen dürfen.

Erkan Aslan, der Center-Manager der Mercaden, bespricht sich mit der Polizei. Im Einkaufszentrum ist um die Feierabendzeit nicht gerade wenig los. 400 Mitarbeiter stehen in den Geschäften. Bis zu 7000 Kunden sind auf den Etagen unterwegs. „Wir üben Evakuierungen regelmäßig. Auch hier am Standort Böblingen haben wir schon vor und nach der Eröffnung für den Ernstfall trainiert“, sagt Erkan Aslan.

Es wird eine Durchsage auf Deutsch und Englisch geben. Die fünf Sicherheitsmitarbeiter, das Center-Management und die Haustechniker sorgen dafür, dass Kunden und Mitarbeiter das Gebäude verlassen. „Die großen Filialen haben auch eigene Erst- und Brandhelfer vor Ort, die für solche Situationen geschult sind. Auch sie helfen mit“, sagt der Center-Manager.

Die Mercaden haben neun Ausgänge und sieben Fluchttreppen. Geplant ist, dass das Einkaufszentrum bis 19.30 Uhr leer ist. „Die Evakuierung geht schnell. Im Training hat das teils nur zehn Minuten gedauert“, sagt Erkan Aslan. Wenn alle draußen sind, kontrolliert das Center-Team noch mal. Dann wird die Alarmanlage scharf gestellt. „Sie springt sofort an, falls sich drinnen noch etwas bewegt“, sagt Erkan Aslan.

Um 19.45 Uhr darf noch ein ICE den Bahnhof passieren, dann ist dicht. „Die Lokführer werden per Funk informiert“, sagt Roland Kortz von der Deutschen Bahn Stuttgart. Die S 1 fährt von Herrenberg nur bis Gärtringen. Von Kirchheim aus macht sie in Stuttgart-Vaihingen kehrt. Die S 60 endet in Sindelfingen. Der Regionalverkehr zwischen Stuttgart und Böblingen entfällt komplett, bis es Entwarnung gibt. „Es gibt einen Busnotverkehr zwischen Stuttgart-Vaihingen und Gärtringen“, sagt Roland Kortz. Der Busbahnhof in Böblingen wird ebenfalls gesperrt. Die Deutsche Bahn muss auch den Gebäudekomplex des Bahnhofs räumen: „Dafür ist ein Team des Bahnhofs-Managements vor Ort. Die Bundespolizei gibt uns Bescheid, wenn die Bombe entschärft ist. Dann ist die Strecke wieder freigegeben“, sagt Roland Kortz.

Um 20 Uhr müssen alle Unbeteiligten weg vom Einsatzort. Rettungsdienst und Feuerwehr warten auf dem Festplatz auf Nachricht. Es vergeht gut eine Stunde. Vom Festplatz ist die Einsatzstelle nicht zu sehen. Eigentlich hieß es, die Entschärfung ginge schnell. Dann die Nachricht: Die Polizei hat noch mal genau nachkontrolliert, dass der Umkreis auch komplett evakuiert ist. Um 21.04 Uhr bekommt der Kampfmittelbeseitigungsdienst grünes Licht. Um 21.28 Uhr ist das 250-Kilo-Schwergewicht unschädlich gemacht: Es ist eine amerikanische Fliegerbombe, Name: GP 500 LBS. Alles ist gut gegangen. „Jede Bombe ist anders. Diese hier hat wenig Probleme gemacht“, sagt Daniel Kuhn vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, der eben den Zünder herausgedreht hat.

Die Anwohner können wieder zurück in ihre Wohnungen. Die S-Bahn nimmt wieder Fahrt auf und die Polizei baut die Straßensperrung ab.

Dieses 250-Kilogramm-Schwergewicht hielt die Stadt in Atem: eine amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg mit dem Namen GP 500 LBS. Bilder: fotoknobi

Ab 19.30 Uhr geht am Böblinger Bahnhof nichts mehr.

Sonderbusse karren rund 250 Menschen zur Kongresshalle.

Einsatzbesprechung um 18 Uhr: Gleich werden die Menschen evakuiert.