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Von Jürgen Wegner · 10.02.2018

Das Desaster

Standpunkt: Wahl in Böblingen

OB-Wahl in Böblingen: Fast zwei Drittel aller Berechtigten ist es scheinbar schnurzegal, was hinten rauskommt. Böblingen sucht seinen neuen Oberbürgermeister, und gefühlt geht niemand hin. Nicht anders lassen sich die 38 Prozent Wahlbeteiligung übersetzen. Es ist unglaublich.

Man braucht nicht einmal in weit entfernte Länder und auch nicht tief in den Rückspiegel der deutschen Nachkriegsgeschichte blicken, dann muss es einem doch wie Schuppen von den Augen fallen. Die Freudentränen nach dem Mauerfall, die Repression davor, Bespitzelung, Unterdrückung und Argwohn, alles schon vergessen, was damals in der DDR brutale Realität war? Wer es nicht selbst erlebt hat, muss davon in der Schule erfahren haben.

Doch damit nicht genug. Ohne Wahl keine Freiheit, das ist auch heute nackte Realität. Noch immer ist die Welt gespickt von Diktatoren, und sogar in manchen Demokratien muss man sich fragen, ob das alles wahr sein kann. Natürlich sind die Räder, die sich in einer Gemeinde drehen, im Vergleich dazu verschwindend klein. Aber jede Stimme macht Stimmung, jedes Kreuz zeigt Wirkung. Ja, es geht ums Prinzip. Vor allem: Es geht ums hart umkämpfte (Wahl-)Recht im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine inhaltliche Bewertung des Wahlausgangs ist an dieser Stelle nicht erlaubt. Aber diese nackte Zahl ist ein Schlag ins Gesicht. Noch einmal: 38 Prozent der Menschen gehen in der Hauptstadt eines Landkreises zur Urne, um ihren Chef zu wählen. Dabei hatten sie tatsächlich die Wahl zwischen mehreren ernsthaften Kandidaten, konnten sich somit ihr Schicksal selbst aussuchen. Da hatte es sogar in Sindelfingen besser, wenn auch nicht gut ausgesehen. In Sindelfingen gab es mit Dr. Bernd Vöhringer nur einen einzigen wirklichen Kandidaten. 40 Prozent stimmten ab – auch nur 4 von 10, was schlimm genug ist. Der Rest: Demokratiekonsumenten, die sich zum Teil in den kalten Mantel des stummen Protests verkrümeln. Die anderen tun nicht mal das und zeigen der Wahl die kalte Schulter. Wenn das die große Masse tut, ist es schlichtweg ein Desaster.

juergen.wegner@szbz.de