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Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 16.02.2018

Damit aus 15.30 niemals 08/15 wird

Fußball: Anstoß ist fast jeden Tag, Bayern wird Meister, der Kommerz bestimmt den Kick – deshalb dreht Claus Vogt in Böblingen mit dem „FC PlayFair!“ an großen Rädern

„Ich bin nicht nur Nostalgiker“, sagt Claus Vogt, doch schon im nächsten Atemzug wird es fußballromantisch. Europapokal der Landesmeister, Pokal der Pokalsieger – da werden gestandenen Männern die Knie weich. Nix da mit Gruppenphase, sofort geht es ans Eingemachte. K.o. schon in der ersten Runde. Hinspiel, Rückspiel, aus die Maus. Das waren noch Zeiten.

Und heute? Gesetzte Teams und Gruppenköpfe, damit die Großkopferten ja nicht auf der Strecke bleiben. Sechs Spiele hat jeder, das ist garantiert. Sogar wer nach der Vorrunde in der Champions League auf der Strecke bleibt, ist noch lange nicht weg vom Fenster. Drittplatzierte kicken dann halt in der Euro-League weiter. Der Rubel rollt in gelenkten Bahnen, und Fußball gibt es alle Tage. Erste Liga, zweite Liga, Pokal.

Das wirkt sich aus bis in die E-Jugend des TSV Waldenbuch. Weil Fernsehgelder Spielpläne bestimmen, kann Moritz nicht in die Mercedes-Benz-Arena, die schon lange nicht mehr Neckarstadion heißt. Entweder elfter Mann bei den Schokostädtern oder zwölfter Mann in Cannstatt. So ist das nun einmal, wenn es keinen bundesligafreien Sonntag gibt. Und der Papa darf sich aussuchen, welcher Liebe er einen Korb gibt.

Der Papa, das ist Claus Vogt. Der 48-Jährige bruddelt nicht nur, er will es einfach nicht mehr hinnehmen, dass der Kommerz den Kick bestimmt. Sein Geld verdient der Familienunternehmer und Gesellschafter der Intesia Group in der Welt der Immobilienbewirtschaftung, wo er von der Hulb in Böblingen aus europaweit die Häuser großer Kunden betreut. Abseits davon investiert der Waldenbucher Leidenschaft und Energie, damit der Fußball seine Seele nicht verkauft.

Der „FC PlayFair!“ soll es richten. Zumindest Steine ins Rollen bringen und Böcke umstoßen. Deshalb konnte der 48-Jährige nicht anders, als zusammen mit seinem Freund Professor Dr. André Bühler – mittlerweile im Vereinsbeirat des VfB Stuttgart im Bereich Wirtschaft und Gesellschaft – einen Verein zu gründen, in dem Ehrenamtliche Hand und Herz an die Pfeiler der Fußballmacht legen, um die Basis und die Spitze wach zu rütteln. Zwei Dependancen gibt es, eine in Böblingen, eine in Berlin. „Mein Vater Günter sagte immer, es gibt so viele Besserwisser und kaum Bessermacher“, sagt er und will deshalb ein Bessermacher sein. Oder anders: „Wer nur bruddelt und nichts tut, trägt seinen Teil der Schuld.“

Bruddeln, das werden einige, wenn sie an den kommenden Montag denken. Wieder einmal wird ein Tabu gebrochen, erstmals in dieser Spielzeit gibt es Bundesliga zum Beginn der Arbeitswoche. Frankfurt spielt dann gegen Leipzig. Der Erstliga-Fahrplan fürs Wochenende: Freitag 20.30 Uhr, Samstag 15.30 Uhr, Samstag 18.30 Uhr, Sonntag 15.30 Uhr, Sonntag 18 Uhr und zum Abschluss Montag 20.30 Uhr. Neun Spiele, sechs Termine, für Fernsehfans wunderbar – es sei denn, der Haussegen hängt wegen der kicktechnischen Dauerschleife schief.

Eben so ein Montagsspiel war es, das für Claus Vogt einst das Fass zum Überlaufen brachte. So gerne hätte er seinen VfB am drittletzten Spieltag der Abstiegssaison 2015/16 auswärts zum Klassenerhalt geschrien. Aber Montagabend ist schwierig. Und Montagabend in Bremen unmöglich. Die VfB-Fans boykottierten den Trip, Stuttgart verlor 2:6. Ob deshalb der VfB zum Zweitligisten wurde? „Sicher nicht, aber ich dachte, das darf doch alles nicht wahr sein. Müssen wir Fans, die den Fußball lieben, uns alles gefallen lassen?“ Claus Vogt testete die Stimmungslage, schrieb Fußballkumpels quer durch die Republik an, fand Mitstreiter und gründete den „FC PlayFair!“.

Bald gelingt der erste Streich, und der hat es in sich: Der junge Verein legt eine wissenschaftliche Arbeit auf den Tisch, die dem Profizirkus kein gutes Zeugnis ausstellt. Diese steht mit 17 330 Befragten auf muskulösen Fußballerbeinen. Das Fazit: Vermarktung muss sein, da gibt es noch die Rückendeckung. Aber mehr als drei Viertel der Befragten haben den Eindruck, dass den Funktionären Geld wichtiger ist als der Fußball an sich. Acht von zehn Fans fürchten, dass der Profifußball sich immer weiter von der Basis entfernt. Und gut die Hälfte kündigt an, sich vom Profifußball abzuwenden.

Das Kicker-Sportmagazin verbreitet die Arbeit unter dem Titel „So geht’s nicht weiter“. Die Bombe schlägt ein. Die Welt berichtet von den „Ultras in Maßanzügen“. Der Nachrichtensender NTV titelt „Studie: Fußball-Kommerz wird unerträglich“. Zeit-Online zitiert: „Der Fußball macht sich selbst kaputt.“ Spiegel-Online schreibt „Geld tötet Fußball“ über den Beitrag. Ein Sturm fegt durch die Fan-Republik und die Deutsche Fußball-Liga kriegt rote Ohren. Claus Vogt wird vom WDR für „Hart aber fair“ ein- und wieder ausgeladen. Es ist ein heißes Eisen.

Die Strippen werden immer weiter in die gleiche Richtung gezogen. Die Pokal-Halbzeitshow mit Helene Fischer war für manchen kaum noch zu ertragen, andere sagten „Schwamm drüber“. Aber der Prozess ist nicht mehr schleichend. Ein DFB-Pokalfinale in Shanghai ist kein Hirngespinst, sondern ernsthaft Teil der Diskussion. Kann das noch einer aufhalten?

Einer alleine schafft das nicht, aber vielleicht viele, und das in kleinen, aber kräftigen Schritten. Nach jenem Bremen-Spiel wollte Claus Vogt 50 000 Stimmen für eine Petition sammeln, damit der Bundestag die „wichtigste Nebensache der Welt“ ernst nimmt und die Montagsspiele auf den Prüfstand stellt. Heute dreht er an einem ebenso großen Rad: ein Unesco-Antrag. Fußball-Fankultur soll immaterielles Weltkulturerbe werden.

15.30 war einmal, es klingt fast wie ein Märchen. Die Zeit lässt sich nicht bis dahin zurückdrehen, als die Bälle aus Leder waren und Anstoß nur um 15.30 Uhr. Fußball gab es entweder im Stadion oder danach in der Sportschau. Gefühlt ist Fortschritt eher selten tatsächlich Fortschritt. Zum Beispiel hier: „Freitagabend mit Flutlicht, ich liebe es“, sagt Claus Vogt. Zumal am nächsten Tag auch Wochenende ist und keiner in die Schule muss.

Auch nicht Moritz Vogt. „Mein Sohn ist 12 Jahre alt. Er kennt nur Bayern München als Deutschen Meister und findet das ganz schön langweilig“, sagt sein Papa, der deshalb eine Einladung zum ersten Montagsspiel der Saison angenommen hat – aber nur für einen Dreh von ZDF-Zoom, das den von Böblingen aus gespielten Ball aufnimmt. Ins Stadion geht Claus Vogt dann aber nicht. Er hätte vom ZDF teure Vip-Karten bekommen. Gratis.

Netz, Buch, Film

Unter fcplayfair.org und in den sozialen Medien Facebook und Instagram gibt es weitere Informationen zu Verein, Kontakt, Geschichte, Struktur, Satzung und Ziele. Hier geht es auch zum Unesco-Antrag. Am 28. Februar ab 20 Uhr veranstaltet der „FC PlayFair!“ in den Räumen des Fanprojekt Stuttgart e.V. in der Hauptstätter Str. 41 in Stuttgart eine Lesung mit Christoph Ruf und seinem Buch „Fieberwahn. Wie der Fußball seine Basis verkauft.“ Weitere Informationen hierzu gibt es auf den Seiten unter fanprojekt-stuttgart.de und werkstatt-verlag.de. Auf bbheute.de gibt es einen kurzen Film über den „FC PlayFair!“. Eine wichtige Rolle spielt der FC PlayFair in der Dokumentation „Fans im Abseits: Wem gehört der Fußball?“, zu finden auf ndr.de in der Mediathek.

Wenn der Vater mit dem Sohne: Claus und Moritz Vogt am 21. Mai 2017 auf dem Rasen der Mercedes-Benz-Arena kurz nach dem 4:1 gegen die Würzburger Kickers und der Rückkehr in die Fußball-Bundesliga. Für die beiden VfB-Fans ein Moment für die Ewigkeit. Und die Familie Vogt besitzt jetzt ein Stückchen Stadionrasen. Bild: VfB/Vogt/z