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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 19.01.2018

Cola-Dose statt Fahrer am Lenkrad

Sindelfingen: Für Prof. Eric Sax ist das autonome Auto noch längst nicht serienreif / Künstliche Intelligenz soll für Verkehrssicherheit sorgen

„Es ist noch ein langer, steiniger Weg bis zum autonomen Fahren“, so Prof. Dr. Ing. Eric Sax. Das sagte der Direktor des Forschungszentrums Informatik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Trendforum des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) bei MB-Tech in Sindelfingen. Der Forscher weiß, wovon er spricht, denn sein Institut brachte bereits selbstfahrende Fahrzeuge an den Start.

Professor Sax war beteiligt, als die Böblinger CTC Cartech Company GmbH einen Elektro-Smart die Spindel im Stuttgarter Hofdiener-Parkhaus alleine hochschickte (die SZ/BZ berichtete). Er selbst betonte bei der VDI-Veranstaltung auch seine enge Verbindung zu MB-Tech. Ingenieure des Unternehmens waren wiederum maßgeblich eingebunden, als Akka, der französische Mutterkonzern von MB-Tech, 2014 den selbstfahrenden Prototyp Link Go auf die Straße stellte.

In Amsterdam betreute der Ingenieur einen Versuch, bei dem Stadtbusse im Juli 2016 drei Tage lang unterwegs waren, ohne dass die Fahrer eingriffen. Dort sei das autonome Fahren besonders interessant, denn 66,5 Prozent der Kosten des Stadtverkehrs entstünden durch die Fahrer, 13,7 Prozent durch die Kraftstoffe und 12 Prozent mache die Abschreibung aus.

Dennoch sagte Prof. Sax, bei alledem handele es sich um Showveranstaltungen. Einerseits würden bei Pilotversuchen so hochwertige Geräte – wie etwa Sensoren und Kameras – eingesetzt, die für eine Serienproduktion zu teuer wären, andererseits seien viele Entwicklungen noch nicht weit genug: „Wir sind nicht in der Lage, die Situation von einer belebten Kreuzung abzubilden.“

Die notwendigen Prozesse, Methoden und Werkzeuge zu entwickeln, „das ist jetzt eine Herkulesaufgabe“. Es sei wertvoll, auf einem Testgelände Daten zu sammeln, aber diese müssten dann im Labor weiterverwertet werden: „Wir werden Fahrzeuge nicht auf der Straße frei fahren lassen.“ Er werde jedenfalls keine Prognose wagen und keine Jahreszahl nennen, wann fahrerlose Autos unterwegs sein können.

Thomas Feuersänger, Abteilungsleiter bei MB-Tech, ist der Auffassung, dass chaotische Situationen von autonomen Fahrzeugen nur mithilfe von künstlicher Intelligenz gemeistert werden können, also mit selbstlernenden Systemen, wie sein Mitarbeiter Dr. Björn Butting ergänzt.

Heute werden, so Dr. Butting, Daten noch weitgehend manuell nutzbar gemacht. Das Ziel ist nicht nur, dass diese sich selbst auswerten, sondern sie daraus auch noch die Konsequenzen ziehen. „Die Algorithmen befinden sich noch in einem ganz frühen Stadium“, so Prof. Sax. Das liege auch daran, dass für einen Überholvorgang auf einer dreispurigen Fahrbahn von der rechten auf die mittlere Spur – wenn auch in der Mitte und links je ein Fahrzeug fährt – 14 000 Varianten zu berechnen seien.

Herausforderungen sind Tunnel (wenn GPS nicht funktioniert), Einmündungen (geht’s nach links oder geradeaus weiter) oder wenn die Natur sich ändert. Prof. Sax: „In Amsterdam sind wir wie auf Schienen gefahren. Wir hatten große Anfangserfolge. Aber im März sind die Fahrzeuge plötzlich auf die Gegenfahrbahn geraten. Es war alles für die Katz’, weil nach zwei Monaten alles grün wurde und sich damit das Straßenbild geändert hat.“ Auch bei Nebel, so Thomas Feuersänger, hätten die Sensoren, die MB-Tech nicht herstellt, sondern zukauft, Probleme.

Wie Tesla dann behaupten könne, sie hätten Millionen Kilometer Erfahrung mit dem autonomen Fahren, wollte ein Forumsteilnehmer wissen. Die Amerikaner seien da nicht weiter als Daimler, ließ Prof. Sax wissen: „Wenn Sie eine halb volle Cola-Dose ans Lenkrad einer S-Klasse binden, damit dem Auto vorgegaukelt wird, es säße ein Fahrer am Steuer, dann fährt die S-Klasse auch weiter.“

Wenn das autonome Fahren aber einmal funktioniere, ist der Wissenschaftler überzeugt, werde es in Deutschland deutlich weniger Verkehrstote geben. Zu schweren Unfällen mit Toten und Verletzten werde es aber immer noch kommen. Er sieht eine Parallele zum Sicherheitsgurt: „Es kommt vor, dass Menschen im Auto verbrennen, weil sie angegurtet sind. Aber in Summe ist der Gurt ein großer Lebensretter.“

Karlheinz Reichert findet spannend, was sich in den Entwicklungslaboren tut. Vor allem, wenn es mit Mathematik und Informatik zu tun hat.

Beim Trendforum des Vereins Deutscher Ingenieure bei MB-Tech. Vorne von links: Prof. Dr. Ing. Eric Sax, Staatssekretärin Katrin Schütz (CDU, Landeswirtschaftsministerium). Prof. Wilhelm Bauer (Landesvorsitzender des VDI und Technologiebeauftragter des Landes) sowie Dr. Björn Butting und Thomas Feuersänger von MB-Tech. Bild: z

Link Go, das selbstfahrende Fahrzeug von Akka, der Konzernmutter von MB-Tech, wurde 2014 auch in Mönsheim vorgestellt. Im Fahrgastraum können bis zu vier Passagiere in lockerer Runde zusammensitzen. Bild: Reichert