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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 12.07.2019

Bühne frei für den Biennale-Supersonntag

Sindelfingen: Am Sonntag werden in der Galerie der Stadt gleich 4 Ausstellungen eröffnet / Joachim Kupke mit eigenem Kabinett

Sabine Sommer und Klaus Philippscheck vor einer Galerie-Wand, die mittels Fototapete zu einer Magdeburger Krayl-Fassade umgemodelt wurde. Bild: Heiden

Der Biennale-Supersonntag kommt: Mit 5 Ausstellungseröffnungen, angefangen im Stadtmuseum über 4 Vernissagen in der städtischen Galerie bis zum Biennale-Winds-Konzert am Abend holt das diesjährige Kulturfestival morgen zum großen Premieren-Schlag aus. Die Galerie präsentiert mit ihren Ausstellungen einen Breitbandblick zu verschiedensten Spielarten der zeitgenössischen Kunst nebst kunst- und architekturhistorischen Aspekten.

„Die Ausstellung ist schon sehr komplex“, sagt Galerieleiterin Madeleine Frey. Und meint damit nicht einmal alle, sondern nur eine der 4 Ausstellungen, die morgen eröffnet werden: die Gruppen-ausstellung „Utopien in der Stadtgesellschaft“, an der sich 7 Künstlerinnen und Künstler und eine Künstlergruppe beteiligen. Neben wenigen Lokalmatadoren hat die Ausstellungssauschreibung auch Akteure in die Galerie gespült, die starken Lokalbezug haben, aber bislang völlig durch das Wahrnehmungsraster gefallen sind.

Etwa die in Sindelfingen geborene, heute in Wien lebende Melanie Dorfer, die mit bemalten Stoffbahnen und Fotodrucken übermalter alter Ausstellungsplakaten das oberste Geschoss des Oktogons gestaltet und mit Fotos von markierten Maichinger Bienenvölkern den Treppenaufgang flankiert. Oder Jov T. Keisar aus Ehningen, der mit einer dokumentarischen Arbeit über eine Sindelfinger Bürgerpetition anno 1832 und Untersuchung zum Leben heutiger Sindelfinger Randgruppen historische und gegenwärtige Handlungsfelder verknüpft, die Emanzipationsbedarf bergen.

Kaum weniger engagiert tritt Sabina Hunger auf, die molekülartig Komponenten des Begriffs „Verantwortung“ in einer transparenten Wortskulptur herauspräpariert und in Beziehung setzt mit einem Bündel von Verantwortungsgedichten, die Verantwortungsfelder, etwa Sindelfingens historische Bausubstanz, anmahnen. Mit Zeichnungen in Mischtechnik und naiven Skulpturen umkreist Felix Sommer den Kontext von Ver- und Entwurzelung, hässliche Tape-Streifen, teils im martialischen Camouflage-Look auf impressionistischen Landschaften indizieren Flächenfraß.

Karolina Kos lässt sich in ihrer Installation, die zahlreiche Kartons als Sitzgelegenheiten um Beistelltische drapiert, von der Sprachvielfalt des Internationalen Straßenfests inspirieren: Auf den Kartonhockern gedruckte Sentenzen sind gespickt mit „false friends“, gleichlautenden, aber bedeutungsverschiedenen Begriffen aus unzähligen Sprachen. Ein ausliegendes Codebuch erlaubt gleichwohl die Entschlüsselung dieses so fremd wie vertraut anmutenden Sprachlabyrinths.

Die Künstlergruppe Handbuchverlag hat im Foyer den Rumpfstock die weltweit erste Bibliothek für Handbücher eingerichtet. Die Grupe hofft auf Spenden von alten Gebrauchsanweisungen, Packungsbeilagen und Handbüchern. Eine Handbuchsammelstelle ist aufgebaut. Nach der Sindelfinger Premiere wandert die Handbuch-Bücherei weiter nach Salzburg und Paris. Skurriler als das Projekt selbst erscheint die anvisierte Bibliotheks-Systematik: Die Werke werden mittels eines aus der Tanzchoreografie stammenden Bewegungsnotatiossystems nach den Bewegungsanweisungen der Texte geordnet, dazu ist ein Bewegungstestgelände angelegt.

 

 

Eine Einzelausstellung würdigt Joachim Kupke. Im so genannten Kabinett Kupke sind mehrere jüngere Bilder gehängt, die in typischer Kupke-Peintage-Manier Kopien im altmeisterlichen Stil des holländischen Barockmalers Vermeer und ikonische Motive der Popkultur kombinieren. Eine komplette Wand bleibt reserviert für zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos seiner USA-Reise von 1971. Noch seltener als die Fotos ist eine Kupke-Skulptur zu sehen: Ein vergoldeter Flaschentrockner, Referenz an ein Readymade Marcel Duchamps.

Ebenfalls in einer Einzelschau hat Marie Lienhard im Schaufenster Junge Kunst ihre Installation „Crossing Limbo“ aufgebaut. Gespenstisch im Raum wie Wäscheleinnen horizontal via Magnetkraft schwebende, jeweils nur einseitig an der Seitenwand fixierte Fäden lassen sich nur von draußen über einen Schalter mittels einer darüber pendelnden Eisenkugel in Schwingung versetzen, während der Betrachter im Raum das seltsame Schauspiel beobachten kann.

Die größte aller Ausstellungen aber wartet im 2. Obergeschoss der Galerie mit der von Sabine Sommer und Klaus Philippscheck kuratierten, aufwendigen Schau zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Sindelfingen aufgewachsenen Architekten Carl Krayl. Der hat als zeitweiliger Mitarbeiter von Georg Bürkle nur vage Spuren in Sindelfingen hinterlassen. In Magdeburg dagegen avancierte er zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten, als er zu Beginn der 1920er Jahre auf Ruf von Stararchitekt Bruno Taut an die Elbe ging, dort zunächst viele Häuserfassaden der grauen Industriemetropole bunt gestaltete und später mit großen Siedlungen im Stil des neuen Bauens in Magdeburg zum Wegbereiter der Moderne wurde.

Info:

Zur Vernissage singt Burkhard Seizer begleitet von Bezirkskantor Daniel Tepper Songs aus den 1920er Jahren. Info: Der Biennale-Sonntag beginnt um 15 Uhr mit der Vernissage zur Ausstellung „Staunen, nichts als Staunen“ zu Minna Moscherosch-Schmidt und Schultheiß Wilhelm Hörmann im Staadtmuseum. Ein Spaziergang führt zur Galerie, wo um 16 Uhr 4 Aussellungseröffnungen folgen. Den Supersonntag der Biennale-Premieren beendet das Biennale-Winds-Konzert um 18 Uhr in der Stadthalle. Weitere Informationen unter www.biennale-sindelfingen.de