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Von unserer Mitarbeiterin Sybille Schurr · 01.03.2008

Brückenbauer und Bilderwerfer

Böblingen / Sindelfingen: Paul Schobel geht nach 30 Jahren als Betriebsseelsorger in Ruhestand / Kollege Hartmut Zweigle schrieb Buch

Kirche und Arbeitswelt, so weit von einander entfernt wie Himmel und Erde. "Nie hätte ich gedacht, dass ein Menschenleben dazu ausreicht, diese Kluft zu schließen", sagt Paul Schobel. Er stellt es mit Erstaunen fest, obwohl er maßgeblich dazu beigetragen hat. In über 30 Jahren ist es Paul Schobel gelungen, Brücken zu schlagen zwischen Kirche und Arbeitswelt.

 

Dahinter steht die eindrucksvolle Lebensgeschichte eines Mannes, der sich befreit hat aus einer traditionell engen, katholisch geprägten dörflichen Welt. Zu einem "christlichen Propheten" sei er geworden durch seine wegweisende Arbeit als Betriebsseelsorger, stellt der katholische Gesellschaftsethiker Friedhelm Hengsbach fest. Viel Lob für einen, der seine eigene Person immer in den Hintergrund stellte und doch auch gelernt hat, dass es eine gewisse Popularität braucht, um sich Gehör zu verschaffen.

 

Enge Zusammenarbeit

 

Für den evangelischen Betriebsseelsorger in Sindelfingen, Hartmut Zweigle, ist Paul Schobel "der Nestor der katholischen Betriebsseelsorge". Spuren habe er hinterlassen nicht nur in der katholischen Kirche, er habe auch in den evangelischen Raum hineingewirkt. Fasziniert hat den jungen Theologiestudenten Zweigle schon die erste Begegnung mit Paul Schobel. "Er hat eine witzige Sprache und ihm gelingt wie kaum einem anderen eine sozialethische Beschreibung der Arbeitswelt". Aus der ersten Begegnung der beiden Pfarrer aus unterschiedlichem "Lager" ist eine enge ökumenische Zusammenarbeit geworden und darüber hinaus einer persönliche Freundschaft entstanden.

 

Das hat Hartmut Zweigle dazu bewegt, den ungewöhnlichen Werdegang eines katholischen Priesters aufzuzeichnen. Keine Biografie hat er verfasst. Hartmut Zweigle hat im Sommer des letzten Jahres mit seinem Freund und Kollegen, der ein passionierter Bergsteiger und -wanderer ist, die Wanderschuhe geschnürt und hat ihn bei den gemeinsamen Wanderungen über sein Leben und Denken befragt, hat sich die Kindheit erzählen lassen, den beruflichen Werdegang, hat mit ihm über soziale Realität gestern und heute gesprochen.

 

In das Gespräch eingeflochten sind Texte von Paul Schobel zum Verhältnis von Kirche und Arbeitswelt und Beiträge über sein Wirken aus der Außensicht von Dritten. Entstanden ist ein bilanzierender Rückblick, den auch Paul Schobel akzeptiert. "Wann zieht man schon selbst solch eine Bilanz?" Erschienen ist der Interview-Band im Schwabenverlag Ostfildern ("Bleibe hier und schaff mit uns" Paperback, 12,90 ISBN 978-3-7966-1381-4). Das Buch begleitet Paul Schobel sozusagen in den Ruhestand, den er vor wenigen Tagen angetreten hat.

 

Das Interview orientiert sich chronologisch an den Lebensstationen: Kindheit, Bischöfliches Konvikt, Studium, Priesterseminar, Priesterweihe und Primiz, Vikariat, Jugendkaplan, Betriebsseelsorger in Böblingen, Leiter der Betriebsseelsorge der Diözese. Immer wieder vertiefend dazwischen geschobene Fragen, erhellen den nichtkatholischen Lesern den priesterlichen Werdegang aber viel mehr noch sozialethische Fragen der Arbeitswelt.

 

Hartmut Zweigle bezeichnet seinen katholischen Kollegen als "sprachlichen Bilderwerfer". Und davon lebt auch dieses Gespräch. Erzählerisch verdichtet berichtet Paul Schobel über die Kindheit und eine rigorose Priesterausbildung in den führen 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Aber gleichzeitig ist dieses Buch auch eine geschliffen scharfe Gesellschaftskritik, die in den eingefügten Texten von Paul Schobel zum Ausdruck kommt. Hier versteht es einer, das Wort zu führen wie ein Schwert und verleiht damit denen Stimme, die rechtlos sind: Als Jugendkaplan bei der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) macht er aufmerksam auf die damals fast rechtlose Situation der Lehrlinge, berät die unter Drückebergerverdacht stehenden Kriegsdienstverweigerer, kämpft solidarisch mit den Fließbandarbeitern um bessere Arbeitsbedingungen, steht als Hilfsarbeiter neben ihnen am Band, lernt ihre Lebenswirklichkeit am eigenen Leib kennen und es gelingt ihm, die historische Kluft zwischen Kirche und Gewerkschaften zu überwinden.