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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 04.09.2009

Bosch ist in Malmsheim gelandet

Renningen: Das Verteidigungsministerium, das Land und das Unternehmen unterzeichnen ein Eckpunktepapier zur Ansiedlung

Die Rechtsabteilungen des Verteidigungsministeriums, des Landes Baden-Württemberg und der Robert Bosch GmbH werden noch viel Arbeit haben, bis alle Verträge unter Dach und Fach sind, damit das Unternehmen sein Zentrum für Grundlagenforschung auf dem Malmsheimer Flughafen bauen kann. Im Renninger Rathaus unterzeichneten die drei Partner gestern einen Vorvertrag, in dem festgehalten ist, wie die Grundstücksverträge aussehen sollen.

 

Die Verhandlungen für das Eckpunktepapier, eine dringliche Absichtserklärung zu den Eigentumsübertragungen und die künftige Nutzung des 95 Hektar großen Geländes, hatten sich seit Monaten hingezogen. Am Montag berichtete die SZ/BZ exklusiv, dass es nun eine Einigung gegeben hat.

 

Diese stellten Bundesverteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung und Ministerpräsident Günther Oettinger gestern in Renningen vor. Demnach kauft das Land dem Bund die gesamte Fläche ab und veräußert 31 Hektar im Norden und einen neun Hektar großen Streifen im Süden an Bosch. Außerdem wird das Land am Nordostrand des Geländes drei Hektar Wald von der Stadt (im Tausch gegen eine andere Fläche) übernehmen.

 

Bundeswehr darf 20 Jahre bleiben

 

Die 55 Hektar in der Mitte des Flughafens - mit der Start- und Landebahn - wird das Land vorläufig behalten. Die Finanzierung, so Ministerpräsident Oettinger sei kein Problem. Ein solcher Zukauf sei im Immobilientopf des Landes allemal drin. Diese Fläche darf die Bundeswehr maximal 20 Jahre, also längstens bis 2029 nutzen. Gleichzeitig wird über die Landebahn auch ein Nutzungsvertrag zwischen dem Land und der Bosch GmbH geschlossen, der es dem Unternehmen ermöglicht, die Piste als Teststrecke zu verwenden.

 

Dass Bosch die 55 Hektar später kaufen kann, war eine Voraussetzung für das Unternehmen, die Investition hier anzugehen, sagte gestern Franz Fehrenbach, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH. Das Land hat nun also 20 Jahre Zeit, um ein Ersatzübungsgelände für das Kommando Spezialkräfte (KSK) Calw, aber auch für die amerikanischen Streitkräfte zu finden.

 

Man wolle das Thema aber nicht auf die lange Bank schieben, versprach Oettinger, sondern dranbleiben, um Bosch die Erweiterung des Forschungszentrums früher zu ermöglichen. Andererseits müsse auch die Bundeswehr wissen, woran sie ist, nachdem sie in Calw 100 Millionen Euro investiert habe. Verteidigungsminister Jung sagte, er hoffe darauf, dass es gelänge "in absehbarer Zukunft einen Ersatz zu finden", nachdem es Standorte in Baden-Württemberg gäbe, die Interesse hätten. Im Gespräch ist Stetten am Kalten Markt.

 

Bosch wollte ursprünglich im Jahr 2011 den ersten, auf 1500 Mitarbeiter ausgelegten Bauabschnitt des Forschungszentrums beziehen. "Jetzt verschiebt sich eben alles etwas nach hinten", sagte Fehrenbach. Er rechne nun damit, dass die Einzelheiten für die Verträge so geklärt werden, dass das Unternehmen Mitte 2010 die ersten Grundstücke erwerben kann. Parallel dazu werde die Firma ihre Baupläne konkretisieren. Da das Gelände erst noch erschlossen werden muss, kalkuliert er mit zwei Jahren Bauzeit.

 

160 Millionen Euro Investition

 

Das Forschungszentrum soll zunächst 1100 Mitarbeiter aufnehmen. Das sind diejenigen, die Bosch in den Bereichen Forschung und Vorentwicklung derzeit in der Region Stuttgart auf mehrere Standorte verteilt hat. Weltweit beschäftigt Bosch auf diesem Feld 1300 Frauen und Männer.

 

Investieren will Bosch (Fehrenbach: "Nach unserer Erfahrung mit solchen Dingen.") um die 160 Millionen Euro. Ein bisschen hänge das auch von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Grundsätzlich, so der Vorsitzende der Geschäftsführung, gelte in dem Unternehmen die Devise: "Wir sparen im laufenden Geschäft, wo es geht, und erhalten uns so die Liquidität für die wichtigen Weichenstellungen."

 

1994 stellte der Konzern auf dem Malmsheimer Flughafen die Fahrdynamikregelung ESP vor, die 1995 in Serie ging und heute in über 80 Prozent der Fahrzeuge eingebaut ist, die in Deutschland neu zugelassen werden. Für Bosch schließt sich so mit der Ansiedlung ein Kreis. Der Weg dahin, so Verteidigungsminister Jung, sei kein einfacher Prozess gewesen. Vor allem er und seine Soldaten traten immer wieder auf die Bremse.

 

"Das schwäbische Weltunternehmen"

 

Ministerpräsident Oettinger formulierte das wie der Sieger eines Marathonlaufes, der generös den Zweiten mit auf die oberste Stufe des Treppchens nimmt: "Die Generalität hatte berechtigte Gegenargumente. Aber es mussten sich alle bewegen und bis an die Grenze des für sie Zumutbaren gehen."

 

Hätte Oettinger die Bosch-Ansiedlung nicht zur Chefsache gemacht, und hätte der CDU-Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger nicht mal in Stuttgart und mal in Berlin wechselweise Druck gemacht oder den Vermittler gespielt, wäre der Vertrag wohl nicht zustande gekommen, hieß es gestern am Rande der Veranstaltung mehrfach.

 

Renningens Bürgermeister Wolfgang Faißt lobte Binninger ausdrücklich für seine "monatelangen Bemühungen und Gespräche". Den Unterschriftstermin im Renninger Rathaus würdigte der Schultes als "sehr bedeutenden Anlass für die Stadt, den Kreis, die Region, das Land und die Bundesrepublik".

 

Oettinger sagte, Bosch sei neben Daimler "das schwäbische Weltunternehmen". Der soziale Wohlstand im Land sei eng mit dem Erfolg von Bosch verbunden. Binninger sprach von der "wahrscheinlich wichtigsten standortpolitischen Entscheidung für den Kreis Böblingen in den letzten 20 Jahren" Sein FDP-Kollege Florian Toncar ergänzte: "Andere Regionen würden sich glücklich schätzen, ein solches Investitionsprojekt an Land zu ziehen. Ein besseres und günstigeres Konjunkturprogramm als private Investitionen gibt es nicht." Der Böblinger kritisierte aber auch, es bleibe unverständlich, dass sich die Verhandlungen so lange hingezogen hätten: " Wir müssen in Deutschland solche Investitionsprojekte schneller auf den Weg bringen."

 

Segelflieger sehen sich als Verlierer

 

Landrat Roland Bernhard versprach, der Landkreis wolle Bosch möglichst gut an das jetzige Straßennetz anbinden und bekam von Bosch den Hinweis, dass über 90 Prozent der Mitarbeiter ihren künftigen Arbeitsplatz wohl von Norden her anfahren würden.

 

Nicht glücklich über die Bosch-Ansiedlung sind die Segelflieger, die seit rund 50 Jahren als Pächter auf dem Malmsheimer Gelände zu Hause sind. Sie fürchten, dass sie ihre gesamten Investitionen verlieren. Unter der Führung des Sportfliegerclubs Leonberg haben sie ein Positionspapier formuliert, das eher einem Hilferuf gleichkommt: Ohne externe Hilfe könnten sie sich keine neue Existenz aufbauen. Sie hoffen nun auf eine Unterstützung durch Bosch. Siehe auch Kommentar, Seite  7.

 

Verteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung (von links), Ministerpräsident Günther Oettinger, Franz Fehrenbach (Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH) und dessen Stellvertreter Dr. Siegfried Dais tauschen im Renninger Rathaus das unterzeichnete Eckpunktepapier zur Ansiedlung des Unternehmens in Malmsheim aus. Bilder: Stampe

 

Franz Fehrenbach erklärt Günther Oettinger (links) und Verteidigungsminister Jung die Aufteilung des Malmsheimer Flugplatzes. Zwischen den Soldaten Renningens Bürgermeister Wolfgang Faißt. Den grünen Teil kauft Bosch, den roten behält vorläufig das Land.