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Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber · 13.07.2013

„Bösewichte sind interessanter“

Das Kulturporträt: Ingo Sika mischt seit seiner Kindheit in der Sindelfinger Theaterszene mit / Nächster Auftritt am Jubiläumswochenende

„I

ngo Sika hätte problemlos eine Karriere als Profi-Schauspieler einschlagen können“, sagt Ulrich von der Mülbe. Mit 13 Jahren spielte Ingo Sika unter der Regie von Ulrich von der Mülbe, damals Leiter der Theater-AG des Goldberg-Gymnasiums, seine erste große Rolle. Den Barbier Shu Fu in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“.

Einen „Adolf-Hitler-Verschnitt, der ständig Gummibärchen mampft“ nennt Ingo Sika im Rückblick die Figur des Barbier. Eher stämmig war er damals schon. Wo andere pubertierende Jungs mit der eigenen Körperlichkeit hadern, spielte Ingo Sika selbstironisch mit der eigenen Physis: Das beeindruckte Ulrich von der Mülbe. Neben dem schauspielerischen Talent, das der junge Ingo Sika auf die Bühne brachte.

Auch Sindolf ist wieder so eine typische Ingo-Sika-Figur: Etwas selbstironisch, sehr selbstbewusst, physisch präsent, ohne aufdringlich zu wirken. Den Gründer Sindelfingens spielt Ingo Sika am 20. und 21. Juni unter der Regie von Frank Martin Widmaier. „Sindolfs Traum“ heißt die Performance, die den bärtigen Alemannen Sindolf durch die Geschichte Sindelfingens in die Zukunft schickt. Mit Video-Projektionen, Musik und viel Humor: „Unterhaltung pur“, sagt Ingo Sika, für den „die Unterscheidung zwischen unterhaltender und ernster Kultur ohnehin keine Rolle spielt. Auch Unterhaltung kann jede Menge transportieren.“

Seinen Vollbart hat Ingo Sika für die Rolle des siedelnden Alemannen noch ein bisschen länger wachsen lassen. Sieht cool aus und passt zu dem Mann, der seinen wuchtigen Bass gerne auch mal als Heavy-Metal-Sänger in die Waagschale wirft. Doch mit dem Bart gibt es ein Problem: „Wenn ich Mundschutz tragen muss, sieht der Bart bei warmem Wetter hinterher aus wie ein aufgeplatzter Igel.“

Den Mundschutz muss Ingo Sika in seiner Zahnarzt-Praxis in Weil der Stadt tragen, die er seit 2007 betreibt. Sika schaut, dass es „so mit 35 bis 40 Stunden“ Arbeit pro Woche hinkommt, um eine sichere Grundlage für seine sonstigen Aktivitäten zu haben.

Als Schauspieler. Als Tontechniker, der zum Beispiel das Muscial „Hairspray“ der Musical-AG des Goldberg-Gymnasiums mit gutem Ton zu versorgt. Und unzählige weitere lokale Kultur-Produktionen. Oder als Technik-Freak, der zusammen mit einem Kumpel mal eben ein soziales Netzwerk für Künstler im Internet aus dem Boden stampft – WeRockYa.com. Auch Zeit für Muße muss sein: Zweimal die Woche begibt sich der Online-Rollenspieler Ingo Sika auf Monsterhatz mit seinem Clan in „World of Warcraft“.

Nach seinem Abitur 1992 überlegt sich Ingo Sika, Profi-Schauspieler zu werden. Diese Idee wird bei einer Informationsveranstaltung in Essen begraben: Schauspiel-Absolventen berichten, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Mit ein bisschen Schauspiel. Und mit 1000 anderen Sachen nebenher. „Das ist nichts für mich“, sagt Ingo Sika: „Ständig von der Hand in den Mund leben.“

Es folgen zwei Semester Anglistik und Germanistik. Doch auch daraus wird nichts: „Das Studium hat mir viel zu viele Freiheiten gelassen. Ich habe alles Mögliche gemacht, nur nicht studiert.“ Auf Anraten der Mutter beginnt Ingo Sika schließlich das Studium der Zahnmedizin. Den Mediziner-Test hatte er schon absolviert – weils geht.

Es folgt der Schock: Arrogant und elitär sei die Atmosphäre beim Studium gewesen. Doch Ingo Sika bleibt am Ball. Das verschulte Studium kommt seinem Naturell entgegen. Die Schauspielerei liegt auf Eis. Als Tontechniker verdient er in den Semesterferien „gutes Geld“. Gelernt hat Ingo Sika die Tontechnik nicht. „Ingo schaut sich eine Sache einmal an und weiß sie dann“, sagt Ulrich von der Mülbe: „Und Ingo weiß viel, ist aber kein Schwätzer. Das schätze ich an ihm.“

Beim Stadtmusical „Sirenen der Heimat“, das am 8. November in der Sindelfinger Stadthalle Premiere feiert, spielt Ingo Sika wieder einmal einen Finsterling, wie so oft.

Als Sindelfinger Baulöwe versucht Ingo Sika in „Sirenen der Heimat“ den Abriss einer Eisdiele zu erwirken. Weil dort der italienische Verehrer seiner Tochter wohnt. Was dem schwäbischen Fascho-Spießer so gar nicht in den Kram passt. „Dass ich so oft in schurkischen Rollen besetzt werde, liegt vielleicht auch an meiner Physis“, sagt Ingo Sika: „Bösewichte sind aber auch die interessanteren, vielseitigeren Rollen.“