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Von unserer Mitarbeiterin Marina Schilpp · 11.08.2015

Blau steht für die Sehnsucht

Sindelfingen: Sang Yong Lee verarbeitet 100 Meter blauen Stoff

Sang Yong Lee ist am Stadtrand aufgewachsen, unweit eines Flusses. Fast jeden Tag hat er am Wasser gespielt. Als Künstler konnte er sich aber in Korea nicht so entfalten, wie es ihm lieb gewesen wäre. In Deutschland bewundert er das Blau des Himmels. Blau ist für ihn auch eine Farbe der Sehnsucht.

„Ich allein könnte circa zehn Häuser realisieren“, hatte der Künstler aus Stuttgart einst geschrieben, als er sich um das Sindelfinger Biennale-Altstadtprojekt beworben und an „viele Akteure“ gedacht hat. Deswegen heißt sein Beitrag auch „Blau-Stadt-Projekt“. Er hat sich überlegt, wie „die sehr schönen Fachwerkkonstruktionen hervorgehoben werden können, ohne dass es chaotisch und bunt für den Betrachter erscheint“.

Aber während Lees Studienkommilitone von der Stuttgarter Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Valentino Biagio Berndt, mit seiner Gestaltung von zehn Altstadtfassaden alle Freiheiten hatte, weil sein „Sindelgum“ lediglich zwei Euro kostet, gab es allein schon für das Salzhaus mehr zu berappen. „Stoff ist teuer“, sagt Sang Yong Lee. Wenngleich er die etwa 100 Meter Bahnen blauen Stoff als Großabnehmer wenigstens zu einem günstigeren Tarif bekam.

Ursprünglich wollte er zum Pinsel greifen. Woran in der Bewerbungsphase fast das ganze Projekt zu kippen drohte. Denn das Alte Rathaus und das Salzhaus stehen unter Denkmalschutz. Jurymitglied Dietmar Herzog, Residenzkünstler für die Biennale, hatte stattdessen beispielsweise für Folie plädiert. Woraus genau 181 Farbflächen in 20 Tönen wurden, angefangen bei Wolle, Nylon und Seide. Der Tacker jedenfalls hatte ordentlich zu tun.

In Sang Yong Lees Sommer-Einzelausstellung unter dem Titel „Urban Projects 2015“ in der Stuttgarter Galerie von Brigitte March war eine Wand voller quadratischer Leinwände zu sehen. 160 an der Zahl. Alle in Rot. Wobei jede Farbe eine andere Nuance aufweist. Auf der dazugehörigen Liste sind die Namen von 160 Kunstwerken notiert. Der Künstler Andy Warhol taucht öfter als einmal auf.

„Ich mag alle Farben“, sagt der Kunststudent, der auch drei zwei Meter hohe Spiegel gestaltet hat, mit Kleinstquadraten, ein Kunstwerk in Blau, eines in Rot, eines in Gelb. An seinen Skulpturen zeigt sich die Vorliebe des Koreaners für das Prismahafte. Sogar an Stadtbäumen. Die golden sind, nachdem Sang Yong Lee als Dorfmensch in der Stadt sein Geld verdienen muss.

„Die Stadt wird immer farbiger, je mehr sie in die Zukunft geht“, meint er. Und plädiert für eine offene Art der Kunstpräsentation wie während der Biennale Sindelfingen. Dennoch ist er ein ganz kleines bisschen traurig darüber, dass er es nicht geschafft hat, mehr als ein Haus zu verkleiden. Bald wird Sang Yong Lee zum ersten Mal nach Jahren in seine Heimat reisen. Zum Wasser der Sehnsucht.

Info

Auch in den Sommerferien bietet Residenzkünstler Dietmar H. Herzog weitere Führungen an. Der Treffpunkt für alle Führungen des Biennale-Altstadtprojekts ist vor dem Restaurant „Drei Mohren“ an der Langen Straße in der Altstadt. Die Führungen sind kostenfrei. Alle Termine: Freitag, 28. August, 17 Uhr, Samstag, 29. August, 21 Uhr, Sonntag, 30. August, 11 Uhr, Freitag, 4. September, 17 Uhr, Samstag, 5. September, 21 Uhr, Sonntag, 6. September, 11 Uhr, Freitag, 11. September, 17 Uhr, Samstag, 12. September, 21 Uhr, Sonntag, 13. September, 11 Uhr. Bei allen Abendführungen ab 21 Uhr wiederholt Joachim Kupke die Performance mit einem Model im ehemaligen Badhaus gegen 21.30 Uhr.

Sang Long Lee vor dem Alten Rathaus, dem er für die Biennale Sindelfingen mit blauen Stoffen eine neue Farbigkeit gibt. Bild: Stampe