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Von Chefredakteur Jürgen Haar · 29.11.2010

"Bildung und Intelligenz sind zweierlei"

Sindelfingen: SZ/BZ-Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Seidel über Kompetenz, den Verstand, das Gedächtnis und Erfolg im Leben

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ong>Ist Intelligenz erblich, ist Intelligenz eine Frage der Herkunft? Seit dem Buch von Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") wird dieses Thema sehr emotional diskutiert.

 

Professor Dr. Seidel (Bild: Stampe/A), ehemaliger Ärztlicher Direktor des Sindelfinger Krankenhauses und Stadtrat der Freien Wähler, hat Bücher zum Thema emotionale Intelligenz geschrieben und kürzlich in Stuttgart einen Vortrag zum Thema "Was ist Intelligenz, könnten wir unsere Intelligenz steigern?" gehalten. Darüber sprach die SZ/BZ mit Professor Seidel.

 

Könnten Sie zu kurz erklären, was die Wissenschaft heute unter Intelligenz versteht?

 

Prof. Dr. Seidel: " Die Wissenschaft hat mehr als 20 unterschiedliche Definitionen formuliert. Das liegt vornehmlich daran, dass es zahlreiche unterschiedliche Schulen in der Psychologie gibt. Aber man kann die verschiedenen Ansichten in zwei große Gruppen aufteilen: Die einen definieren Intelligenz als Spezialfähigkeit des menschlichen Geistes, ‘bisher ungelöste Probleme zu lösen'. Das entspricht auch etwa den Vorstellungen der Alltagspsychologie. Die anderen zählen zur Intelligenz alle herausragenden geistigen Leistungen in den Bereichen, in denen sich der menschliche Verstand deutlich vom Tier unterscheidet, also Sprache, Schrift, Rechnen, Logik, Technik und so weiter".

 

In Europa war ein Intelligenztest lange Zeit wohl nur bei speziellen Fragen gebräuchlich. Erschien der Test den Europäern nicht sinnvoll oder nicht gut genug, oder sind wir rückschrittlich?

 

Prof. Dr. Seidel: "Es ist richtig, dass man die Methodik bei uns erst in den letzten Jahrzehnten vermehrt anwendet. Aber es geht nicht um den einen Test, sondern um viele. In Deutschland sind derzeit etwa 24 verschiedene Tests gebräuchlich. Es gibt solche für Ausländer, die die Sprache nicht verstehen, solche für bildungsferne Schichten, bei denen man Lerninhalte nicht voraussetzen kann, oder auch Tests, die so austariert sind, dass weder Frauen noch Männer benachteiligt werden. Daraus erkennt man, dass man sich mit den Fragen auf Zielgruppen einstellen kann und dann wohl auch auf das erwünschte Ergebnis".

 

Ich entnehme daraus, dass es zumindest Skepsis gab, zumal man die Ergebnisse nur dann vergleichen kann, wenn der gleiche Test angewendet wurde. Ich kann mir vorstellen, dass man Soldaten entsprechend der gemessenen Intelligenz ausbilden und einsetzen kann, dass man damit auch Bewerber für einen Platz im College auswählt. Aber wozu nützt eine Testung im täglichen Leben?

 

Prof. Dr. Seidel: "Die wissenschaftliche Auswertung der vielen Untersuchungsergebnisse ergab überraschende Ergebnisse. So hat man zum Beispiel Menschen, die im Alter von 25 Jahren getestet worden waren, im Alter von 50 Jahren erneut untersucht. Sie waren ja nun wesentlich klüger, reifer und erfahrener geworden. Aber ihr Intelligenzquotient hatte sich nicht verändert. Intelligenz ist eben nicht dasselbe wie Erfahrung. Die Intelligenz nimmt im Erwachsenenalter nicht mehr zu, die Erfahrung schon".

 

Aber im Kindes- und Jugendalter entwickelt sich die Intelligenz, nimmt also zu. Alle unsere Bemühungen um bessere Bildung sind darauf gerichtet, den Kindern zu helfen, einen möglichst hohen Bildungsstand und damit Chancen für das Leben zu erzielen. Was sagt die Wissenschaft dazu?

 

Prof. Dr. Seidel: "Auch Bildung und Intelligenz sind zweierlei. Zunächst sollte ich umfangreiche Untersuchungen zur Intelligenzförderung erwähnen. Sie stammen aus der Clinton-Ära, als Russland den Sputnik ins All geschossen hatte und die USA einen riesigen Schreck bekamen. Man hatte gewaltige Angst, dass das damals viel verspottete amerikanische Schulsystem nicht ausreichende geistige Kapazität produzieren könne, um mit dem Gegner Schritt zu halten. So wurden unter anderem sehr große Testprogramme mit Hunderten von offensichtlich benachteiligten Unterschicht-Kindern im Alter von drei und fünf Jahren durchgeführt. Zwei und mehr Jahre lang wurden die Kinder an fünf Tagen der Woche acht Stunden lang so gut wie möglich geschult und wissenschaftlich begleitet.

 

Nur fünf Punkt besser

 

Am Schluss dieser gewaltigen Anstrengung, die etwa 15 000 Dollar pro Kind und Jahr gekostet hatte, waren die Intelligenztests der geförderten Kinder im Mittel nur etwa fünf Punkte besser als diejenigen der nicht geförderten Vergleichsgruppe. Sie lagen damit immer noch etwa 20 Punkte unter den gleichaltrigen Mittelschichtkindern. Die genauere Prüfung ergab, dass nur die Kinder profitiert hatten, deren Mütter nicht die intellektuellen Fähigkeiten von amerikanischen Grundschullehrerinnen hatten".

 

Also hätte die geistige Beschäftigung eine gewisse Bedeutung. Die Soziologen sprechen aber davon, dass bis zu 30 oder 40 Prozent der Intelligenz erworben sind. Was an der Intelligenz könnte man noch erwerben?

 

Prof. Dr. Seidel: "Da kommt mir zunächst eine eminent wichtige Antwort in den Sinn: ‘Erwerben' kann das Kind schon vor der Geburt schreckliche Gehirnschäden, wenn nämlich die Mutter während der Schwangerschaft stark raucht, viel Alkohol trinkt oder Drogen nimmt. Die Entwicklung des Gehirns ist empfindlicher als die von Armen und Beinen, die seinerzeit durch Contergan beeinträchtigt wurde. Inzwischen wurde in weltweiten Untersuchungen bewiesen, dass sogar unregelmäßige Ernährung der Schwangeren wie starkes Fasten mit einem um 20 Prozent erhöhten Risiko von Lernschwäche verbunden ist".

 

Man kennt das Prinzip der Natur schon lange

 

Man darf das nie vergessen. Aber ich meinte natürlich die erworbenen Anteile der gesunden Intelligenz.

 

Prof. Dr. Seidel: "Natürlich. Der Säugling hat noch gar keine Intelligenz, sondern nur die Anlage dazu. Man kennt das Prinzip der Natur schon lange: In den Genen ist alles das nicht festgelegt, was man auch aus der Umwelt lernen kann. Viele Vögel lernen ihren Gesang von den Artgenossen, der Mensch lernt seine Sprache von den Mitmenschen. Er braucht etwa 15 Jahre, bis er seine Sprachzentren richtig organisiert hat. Auch die Intelligenz muss ständig trainiert werden, bis sie im Alter von 17 Jahren ausgereift ist. Das geht nur im ständigen Umgang mit den Kulturgütern.

 

Das erworbene Wissen geht dabei in die Form der Intelligenz irgendwie mit ein. Das könnte man vergleichen mit der Geschicklichkeit eines Turners, die von der Art der Geräte abhängt, mit denen er trainiert hat. Wer will nach 15 Jahren Intelligenztraining noch entscheiden, was da Anteil der Gene und was Anteil der Kultur war? Nur die Obergrenze der Intelligenz, bis zu welcher der einzelne Mensch kommen kann, und die man im Test ermittelt, die erbt er von seinen Eltern".

 

Und dann wird die Intelligenz getestet mit Fragen, die wiederum die Kultur betreffen, also Rechnen oder Bildung oder Sprache. Ich habe verstanden, dass es wenig aussagekräftig ist, nach dem erworbenen Anteil zu fragen. Also frage ich noch mal, was der Intelligenztest im Leben bringt.

 

Das weiß jeder Laie

 

Prof. Dr. Seidel: "Man kann die Eignung für spezielle Aufgaben ermitteln. Eigentlich lag der Ehrgeiz der Psychologen auch darin, im Rahmen der Stellenbesetzung und -vermittlung Erfolge der Person in der Zukunft vorauszusagen. In akademischen Berufen gelingt das einigermaßen, sonst kaum. Gar nicht voraussagen kann man das spätere Einkommen als Zeichen des Erfolges. Das weiß jeder Laie aus Beispielen von Fußballspielern oder Popsängerinnen, dass man mit sehr wenig kognitiver Intelligenz ein sehr reicher Star werden kann".

 

"Kognitiv" heißt verstandesmäßig. Man hat in den vergangenen Jahren auch von emotionaler Intelligenz gehört. Von manchen wurde sie gepriesen, von anderen als Unsinn bezeichnet.

 

Prof. Dr. Seidel: "Vermutet hat man zusätzliche Intelligenzfaktoren schon lange, denn man hat zum Beispiel Menschen, die einen ganz hohen Intelligenzquotienten hatten, nach 25 Jahren aufgesucht. Man musste feststellen, dass sie nicht in den ganz hohen Positionen von Politik und Wirtschaft angekommen waren, sondern an der Spitze von Nischen-Hierarchien, meist in der Wissenschaft. Zum Erfolg im Leben gehört mehr als nur ein herausragender Verstand".

 

Dass der menschliche Umgang mit den Mitarbeitern und deren geschickte Motivierung entscheidend für den Erfolg einer Führungspersönlichkeit sind, kann jeder nachvollziehen. Aber wie kann man sich die emotionale Intelligenz im Alltag vorstellen?

 

Prof. Dr. Seidel: "Für psychologische Lehrsysteme, die die Intelligenz allgemein als Spitzenleistung des Verstandes definieren, und für die traditionell Verstand und Gefühl Gegensätze sind, ist die ‘emotionale Intelligenz' ein Widerspruch in sich wie etwa ‘Feuerwasser'. Das Problem hat man nicht, wenn man Intelligenz als die ‘Fähigkeit zum Lösen bisher unbekannter Probleme' ansieht.

 

Stellen Sie sich eine engagierte Diskussion vor, in der Sie Ihrem Partner einen etwas aggressiven Satz gesagt haben. Nun wissen Sie nicht, wie Ihr Gegenüber darauf reagiert und was er antwortet. Wenn er ganz ruhig bleibt und auf ein anderes Thema übergeht, ist das für Sie eine unerwartete Situation, also ein Problem. Ihr Verstand muss blitzschnell ein intelligentes Argument finden. Er hat keine Zeit, auch noch zu überlegen, wie Sie ihre Mimik und Ihren Tonfall richtig anpassen. Das übernimmt Ihre emotionale Intelligenz.

 

Dergleichen ereignet sich in jedem Wortwechsel ständig, beobachten kann man es im Theater oder Film. Fast alle Interaktionen mit anderen Menschen erfordern emotional intelligente Reaktionen. Wenn Sie in dieser Kunst gut, wenn Sie also sympathisch sind, haben Sie Erfolg im Leben".

 

Damit arbeitet die emotionale Intelligenz also parallel zur verstandesmäßigen, kognitiven. Nun gibt es ja auch noch den Begriff der "multiplen", also vielfachen Intelligenz. Man nimmt gesonderte Intelligenzen für Bewegung und Musikalität wie für Sprache, Rechnen und räumlich-technisches Denken an. Also nicht eine Spezialfunktion "Intelligenz", sondern ein Netzwerk aus den wichtigen Mechanismen. Das könnte erklären, weshalb man kein Gen für "die" Intelligenz finden konnte. Das ist interessant und einleuchtend. Welche Aufgabe hat nun die Intelligenz?

 

Prof. Dr. Seidel: "Man kann die Intelligenz, so kompliziert ihr Netzwerk auch sein mag, einfach als ein wichtiges Werkzeug des Gehirns auffassen. Dessen Aufgabe ist es, das Wissen und die Erfahrung, die in den Gedächtnisspeichern abgelegt sind, möglichst zweckmäßig anzuwenden. Das ‘Werkzeug' ist uns angeboren, das gesamte "Material", mit dem es dann arbeitet, also Wissen und Können und Erfahrung, muss man lernen, ist also erworben.

 

Was bei der Bearbeitung letztlich herauskommt und dann im Leben wichtig ist, nennt man ‘Kompetenz'. Während die Intelligenz beim Erwachsenen gleich bleibt, können immer mehr Kompetenzen erworben und diese ein Leben lang verbessert werden. Die Kompetenzen können auch aus Gedankensystemen bestehen, sind im Gedächtnis abgelegt, begründen die Bildung eines Menschen und ermöglichen seinen Erfolg".