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Von Halil Simsek* · 20.02.2020

Aus dem fernen Anatolien ins Schwabenland

Sindelfingen: Der Karandere Freundschafts- und Kulturverein hat sein 20-jähriges Bestehen gefeiert

Mit einem fröhlichen Fest wurde in der Messehalle das 20-jährige Bestehen des Karandere Freundschafts- und Kulturvereins Sindelfingen gefeiert. Bild: z

Es ist der 21. Dezember 2019. Über 1400 Menschen feiern in der Messehalle Sindelfingen ein Fest. Es sind Kinder, Jugendliche aber auch ältere Menschen dabei. Eines ist allen gemeinsam: sie stammen ursprünglich aus dem Dorf 
Karandere im tiefen Anatolien. Sie sind nach Deutschland gekommen als Gastarbeiter oder sind Gastarbeiterkinder in der zweiten oder schon dritten Generation. Ein Dorf-Treffen der Sindelfinger Karanderelis.

Wie kam es dazu, dass so viele Menschen aus einem einzigen Dorf Anatoliens nach Sindelfingen kamen? Welche Besonderheit hat Karandere ? Es ist ein kleines Dorf am Fuße des Berges Ardic (Ardic Tepe) in der Gemeinde Sereflikochisar, welche zur Provinz Ankara gehört und direkt im Zentrum Anatoliens liegt. Da es sich an der Seidenstraße befand, an der die alten Handelskarawanen vorbeifuhren, beherbergte Karandere früher Reisende. Es liegt in der Nähe von dem Salzsee „Tuz Gölü“. 1965 lebten in Karandere etwa 1200 Menschen, heute sind es etwa 300 Einwohner. Die Arbeitsmigration hat Karandere in Mitleidenschaft gezogen.



Mit dem Wirtschaftswunder der Bundesrepublik wurden immer mehr Arbeitnehmer gesucht, die auf dem inländischen Markt nicht mehr zu finden waren. Vornedran der Daimler und andere große Firmen waren es, die die Menschen aus dem verarmten zentralen Anatolien ins Schwabenland lockten. Gilt doch Sindelfingen vielen Türken als „Schwesterstadt“, als zweites Karandere. Rund 1000 Menschen mit Ursprung Karandere leben heute im Kreis. Damit ist Sindelfingen für mehr Karandereli’s Heimat geworden als Karandere selber.


In den 60ern begannen die ersten Karanderelis, sich in Städten und Gemeinden wie Sindelfingen, Schönaich, Magstadt oder Calw niederzulassen. Ihr Ziel war es, einen großen Teil des Einkommens zu sparen, um im Heimatland später eine bessere Existenz aufbauen zu können.


Die neuen Gastarbeiter wirkten beim Aufbau der Deutschen Wirtschaft mit, Sie engagierten sich in sozialen Projekten, gründeten Vereine. Sie brachten neben ihrer Arbeitskraft auch viele neue Köstlichkeiten aus Ihrem Heimatland mit: Mokka, Melonen, Käse und vieles mehr. Mit dem Familiennachzug war klar, dass in und um Sindelfingen die neue Heimat ist.


Heute sind die „Karandereliler“ vom Ingenieur bis zum Monteur in vielen Schichten der Gesellschaft vertreten. Viele wurden selbständig: als Autohändler, mit KfZ-Werkstätten und Lackierereien, als Juweliere, mit Restaurants oder als Taxi-Unternehmer, nur um einige Branchen zu nennen.


Im Jahr 2000 wurde der Karandere Freundschafts- und Kulturverein in Sindelfingen gegründet, um als Brücke zwischen Sindelfingen und Karandere zu dienen und die Integration zu fördern. So schmücken denn auch die deutsche und die türkische Flagge das Vereinslogo.Der Verein hat seinen Sitz im Sindelfinger Jugendhaus „Just Nord“. Von hier aus werden regelmäßig Hilfen für Bedürftige, Feste, Begegnungs- und Austauschabende sowie kulturelle und interkulturelle Veranstaltungen organisiert.


Im Dezember hat der Verein sein 20-jähriges Bestehen in der Messehalle Sindelfingen gefeiert. Unter den 1400 Gästen gab es auch einige prominente Gäste aus der Türkei unter anderem der Bürgermeister von Sereflikochisar, Memis Celik , sowie der Vorsitzende der Industie- und Handelskammer Sereflikochisar , Levent Kocak. Auch ein Repräsentant des türkischen Generalkonsulats Stuttgart sowie Barbara Mohr vom Stadtjugendring, welche die Gäste als Sindelfingerin begrüßt hat, waren vertreten. Nach etwa 60 Jahren und mittlerweile in der dritten und vierten Generation steht fest: viele Karanderelis sind längst Sindelfinger geworden.


* Halil Simsek ist stellvertretender Vorsitzender des Karandere Freundschafts- und Kulturvereins Sindelfingen.