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von Chefredakteur Hans-Jörg Zürn · 05.01.2019

Argumente statt Aggressionen

Standpunkt: Von Nörglern, Besserwissern und Welterklärern

Diskussionskultur: In was für einer Welt leben wir? Intoleranz und Aggressionen nehmen in einem für mich unerträglichen Maß zu. Gleichzeitig verabschieden sich gesunder Menschenverstand und die Fähigkeit zum Diskurs zunehmend.

Diesel-Fahrverbot in Stuttgart, Feuerwerk-Verzicht an Silvester, Winterfeste statt Weihnachtsfeiern, Wildtier-Verbot im Zirkus – das sind nur einige Themen, an denen sich die Gemüter zuletzt erhitzen. Vorneweg: Es ist richtig und wichtig, darüber zu diskutieren. Was mich aber nervt, sind aufgebrachte Gemüter, die mir vorschreiben wollen, was ich denken und wie ich handeln soll. Oft genug geschieht dies in einem aggressiven Ton, belehrend, keinen Widerspruch oder Gegenrede duldend.

Die Debatten werden vielfach auf unterirdischem Niveau geführt. Moderne Kommunikationskanäle machen es diesen selbst ernannten Rettern dieser Welt leider sehr leicht, ihre Ansichten zu verbreiten. In sozialen Netzwerken können sie Hass-Kommentare schreiben, die es niemals als Leserbrief in eine Zeitung wie die SZ/BZ schaffen würden.

Beleidigen, verleumden, hetzen – das beherrschen diese modernen Missionare perfekt. Andersdenkende werden wortgewaltig attackiert und diskreditiert. Hass und Wut sprechen aus vielen Beiträgen, Argumente und der Respekt vor anderen Meinungen geraten zur Nebensache.

Sich austauschen, die Überlegungen des anderen hören, sie prüfen und sich damit auseinandersetzen, auch wenn sie einem nicht gefallen, so funktioniert Kommunikation. Und vor allem ohne Schaum vor dem Mund.

Gerade bei großen Themen unserer Zeit wie sozialer Gerechtigkeit, Bildung, Migration oder Umweltschutz wäre das so wichtig. Nur im Dialog können Lösungsansätze entstehen oder wenigstens sinnvolle Kompromisse. Voraussetzung ist aber, sich zu informieren, zu hinterfragen, auch unbequeme Fakten und Ansichten wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, statt sich ein Weltbild zu konstruieren, das nur bis zur Nasenspitze reicht und in dem nur Ansichten aus der eigenen Meinungsblase gelten.

Wir müssen erkennen, dass Diesel-Fahrzeuge nur ein Teil eines viel größeren Problems und Fahrverbote in einzelnen Städten oder gar kleinen Zonen sinnlos sind. Böller und Raketen zum Jahreswechsel sind seit über 1000 Jahren Tradition, und noch kein Haustier ist deswegen je ausgestorben. In unserer Kultur feiern wir Weihnachten, und das muss so bleiben, wollen wir unsere Wurzeln nicht kappen. Löwen und Tiger faszinieren mich in der Manege, und ich schäme mich kein bisschen dafür, weil ich auf die Kontrollmechanismen der staatlichen Tierschutzbehörden vertraue.

Ich habe genug von Nörglern, notorischen Besserwissern, militanten und intoleranten Welterklärern.

hans-joerg.zuern@szbz.de