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Von unserer Mitarbeiterin Annette Nüßle · 13.06.2018

„Antisemiten kommen heute im Anzug“

Sindelfingen: Pavel Hoffmann berichtet am Pfarrwiesen-Gymnasium über seine Leiden im KZ Theresienstadt – und fordert die Schüler zu Wachsamkeit auf

  • Auf Initiative der Schülerin Barbara Knoche war Pavel Hoffmann zu Besuch am Sindelfinger Pfarrwiesen-Gymnasium. Er hat den Schülern von seinen Erlebnissen im KZ Theresienstadt berichtet, wo er von 1943 bis 1945 gefangen war. Bilder: Nüßle

Der Nationalsozialismus gehört zum Geschichtsunterricht der neunten Klasse. Neben einer Auseinandersetzung im Unterricht und dem Besuch einer Gedenkstätte war nun auf Initiative der Schülerin Barbara Knoche Pavel Hoffmann zu Gast am Sindelfinger Pfarrwiesen-Gymnasium. Er ist Überlebender des KZ Theresienstadt.

„Wer nur auf die Kriminalstatistik schaut, sieht, dass die Gewalttaten beispielsweise im Landkreis abnehmen und trotzdem nimmt der Rassismus zu.“ Mit diesen Worten begrüßte Schulleiter Bodo Philipsen den Zeitzeugen Pavel Hoffmann.

Der in Prag geborene Pavel Hoffmann ist einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen und erzählte am Beispiel seiner Familie, wie die Vernichtung der Juden geplant und durchgeführt wurde. Er selbst war von 1943 bis 1945 im KZ Theresienstadt gefangen und überlebte den Holocaust aufgrund des einmaligen Schweizer Transports am 5. Februar 1945. Hoffmann kam zusammen mit 1200 meistens deutschen und tschechischen Juden in die Schweiz. „Ich war der einzige Vollwaise – nachdem mein Vater bereits in Prag hingerichtet wurde und meine Mutter in Theresienstadt gestorben war – der mitreisen durfte.“

„Ich hatte furchtbare Angst“

Auf die Frage eines Schülers, welche Erinnerungen er noch an die Zeit im KZ habe, sagte Hoffmann, dass ihm drei Erinnerungen geblieben seien. Allerdings habe er die Zusammenhänge erst viel später erfahren. „Wir standen einmal zu 50 000 als Strafaktion 36 Stunden in einem Tal und ich hatte furchtbare Angst.“

Ein anderes Mal hatten alle Kinder in den beiden ersten Etagen der Stockbetten Plüschtiere bekommen und nur er, der im dritten Stock schlief, erhielt keines. Er war sehr traurig. Erst viel später habe er erfahren, dass alle Kinder mit Plüschtieren am nächsten Tag nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurden. Auch an den Anblick der 500 Kinder aus dem Bialystoker Kindertransport, die alle vergast wurden, kann er sich erinnern. „Vieles habe ich später erfahren oder die Zusammenhänge begriffen.“ Anhand seiner Familie und von Deportationslisten machte Hoffmann deutlich, dass in den KZs mehrere Generationen auf einmal systematisch ausgelöscht wurden.

Pavel Hoffmann studierte nach dem Krieg Nachrichtentechnik und war unter anderem bis zu seiner Pensionierung Hochschuldozent an der Fachhochschule Reutlingen. „Der Antisemitismus endete nicht mit der Befreiung der Juden am Kriegsende“, sagt Pavel Hoffmann. „Bereits bei der Heimkehr aus dem KZ erlebten 41 Überlebende in Polen den ganzen Hass gegen sie und wurden ermordet, als sie ihren Besitz wieder haben wollten.“

Heute sei Antisemitismus wieder allgegenwärtig, sagt Hoffmann: „Früher schmierten Antisemiten Hakenkreuze an die Wände und riefen ‘Jude verrecke’“. Heute tragen Antisemiten keine Glatze mehr und kommen im Anzug. Sie trauern um die Toten des NS–Regimes und fragen gleichzeitig: ‘Warum hat der Jude nichts gelernt?’“.

Die iranische Führung lasse heute noch Juden ermorden. Und in einem Eintrag im Erinnerungsbuch habe er gelesen: „Die Araber werden das, was der deutschen Nation nicht gelungen ist, vollenden: die vollständige Vernichtung der Juden.“

Er selbst sei bisher im Privatleben nicht antisemitisch beleidigt worden: „Ich oute mich auch nicht, und so wissen viele gar nicht, dass ich Jude bin.“ Bei seiner Arbeit als Zeitzeuge hingegen sei er erst kürzlich beschimpft worden, und es wurde ihm bei einer Veranstaltung in Tübingen angedroht, dass alle Juden ermordet würden.

Auf die Frage, wie man mit Antisemitismus und Antisemiten umgehen solle, antworte er: „Man kann nur das Gespräch suchen und zum Selbstnachdenken anregen.“ Zum Abschluss forderte er die Jugendlichen auf: „Niemand sollte sich aus Bequemlichkeit einer Gehirnwäsche unterwerfen, sondern selbstständig denken und jede Behauptung, gleich wie moralisch sie ihm vorkommen sollte, hinterfragen.“