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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 20.12.2014

Alle dreimal tief durchatmen

Sindelfingen: Hort Sommerhofen nahm ein Jahr am Resilienz-Programm des Hauses der Familie teil / Spiele zur Vertrauensbildung

Im ersten Stock von Pavillon 3 der Grundschule hat der Sindelfinger Hort Sommerhofen sein Domizil. Bis zu 40 Grundschulkinder werden hier von morgens bis zum frühen Abend in ihrer freien Zeit betreut. Vor einem Jahr klinkte sich der Hort in ein Angebot des Hauses der Familie ein: Resilienzförderung.

Resilienz ist das Gegenteil von Verletzlichkeit. Der sperrige Begriff steht also für innere Stärke und damit die Fähigkeit, mit den kleinen und großen Widrigkeiten, Krisen und Gefährdungen des Lebens zurecht zu kommen, ohne aus der Spur des guten Lebens zu geraten.

„Es ist eine bunte Mischung, die hier aufeinander trifft“, erzählt Hortleiterin Katarina Roedeske zum Entschluss vor einem Jahr, sich dem Programm zur Resilienzförderung anzuschließen. Bunt deshalb, weil den Hort nicht nur Kinder der Grundschule Sommerhofen sondern auch der Grundschulförderklasse und der Sprachheilschule besuchen.

Der Hort ist zwar nicht die einzige Einrichtung, die beim Resilienz-Zentrum im Haus der Familie wegen des Förderprogramms nachfragt. Aber unter fast zehn Kitas sei der Hort der einzige, der das Programm in seiner dreifachen Version gewählt habe, erklärt Dr. Annemarie Gronover, Koordinatorin des fünf Mitarbeiterinnen starken Resilienz-Zentrums: nicht nur wie üblich Training für Betreuer und Eltern, sondern auch für die Kinder.

Dennoch begann die Resilienz-Förderung im Hort zunächst an der Spitze, beim Betreuerteam. In den Teamsitzungen, die zunächst die persönlichen Erfahrungen mit Resilienz abrufen und sie auf das Team übertragen, machen die Betreuer um Chefin Katarina Roedeske eine Entdeckung. „Wir haben gar nicht gewusst, wie resilient wir schon arbeiten“, so Roedeske.

Beim Elternabend stellte das Team das Resilienz-Programm vor. Wechsel vom Kindergarten in die Schule über Trennung der Eltern bis zum Verlust eines Elternteils – So wird den Eltern die Bandbreite möglicher Krisen und die Relevanz von Resilienz erläutert. Mit Spielen wie Turmbau werden sie praktisch in die Resilienz-Förderung eingeführt und gleich auf das Projekt „Elterntankstelle“ hingewiesen.

Bei dem referiert unter anderem Diplom-Sozialpädagogin Ulrike Kaatze im Januar 2014 vor dem Betreuerteam und 21 Eltern über Meisterung kritischer Situationen. Das sei Erziehungshilfe, erklärt Kita-Leiterin Roedeske und beziehe sich selbst auf banale Alltagssituationen wie etwa den Umgang mit einem beim Einkaufen quengelnden Kind. Da gehe es darum, eingeschliffene Muster aufzulösen. „Mir hat die Vorstellung vom Reptiliengehirn geholfen“, erinnert sich Lisa Weinbrenner, designierte Hortleiterin an den Tankstellen-Tag: Wie Echsen und Schlangen spulten auch die meisten Menschen in kritischen Situationen automatisch Verhaltensweisen wie Flucht, Totstellen oder Angriff ab. Weinbrenner: „Da muss man raus.“

Auf die Elterntankstelle folgte im April ein Schatzsuch-Samstag mit Erlebnispädagogin Ulrike Bubeck beim Haus Sommerhof. Zu Beginn beobachten die Eltern ihre Kinder nur beim Spielen. Das bietet Eltern Möglichkeit, ihre Kinder in einem anderen als dem vertrauten Familienkontext zu erleben. Spiele zur Vertrauensbildung zwischen Erwachsenen und Kindern schließen sich an, bis eine gemeinsame Schatzsuche im Wald diesen Tag beschließt.

„Von Zähneputzen bis Hausaufgaben“ beschreibt Hortleiterin Roedeske indes, wie das Resilienz-Programm auf der Ebene der Kinder umgesetzt wurde: im Hortalltag und parallel zu den Veranstaltungen und Kursen für Team und Eltern. Zwar werden mit den Kindern auch Vertrauensspiele gemacht, aber mit der Resilienz-Schulung wird nicht die Hortarbeit grundsätzlich umgekrempelt. Das eigene Coaching habe bewusst gemacht, wie resilient die Arbeit im Hort bereits sei, sagt die Hortleiterin.

So habe sich durch das Resilienz-Programm die eigene innere Haltung verändert. Man habe seine Antennen für das Thema verändert und wäge etwa bei der Frage, wie viel Selbstständigkeit, wie viel Hilfe man einem Kind gewähren müsse nochmals anders ab. Einen ganz konkreten Kniff zur Auflösung von Stress-Situationen hat allerdings Udo Dragodan kennengelernt: Alle zusammen dreimal tief durchatmen. „Das war eine Taktik, die hat geholfen“, sagt der Hortpädagoge.

Auch wenn das Programm auslaufe, einen eigentlichen Abschluss solle es nicht geben, sagt Hortleiterin Roedeske: „Wir wollen die Qualitätsstandards aufrechterhalten.“ Auch Lisa Weinbrenner, die ab Januar 2015 den Hort leiten wird, sichert zu: „Das wird weiter geführt.“