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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 05.12.2017

„Aktion & Malerei“: Selfie mit Muschelkalk

Sindelfingen: Eine Ausstellung in der Galerie der Stadt beschäftigt sich bis 4. März 2018 unter anderem mit der Frage, was die Stadt bewegt

Viel gebaut wurde die letzten zwei Wochen hinter verschlossenen Türen in der Galerie, in der es mitunter zuging wie im geheimen Chemiewaffenlabor. Zur Vernissage der Ausstellung „Aktion & Malerei“ wurden die Ergebnisse der Aktivitäten vorgestellt, die ebenso zu Aktion und Auspowern wie Sinnieren und Meditieren animieren.

Gleichermaßen schön wie befremdlich, bizarr und rätselhaft ist, was Sophie Innmann im Hauptausstellungsraum des ersten Stocks geschaffen hat. „Selfie“ heißt ihre Installation, die bis auf einen schmalen Streifen Fußboden, von dem der Besucher aus das Werk betrachten darf, den gesamten Boden und einen Teil der Seitenwand in Beschlag nimmt.

Drei quaderfömige Aufbauten aus Steinplatten mit darin eingeklemmten Spraydosen geben dem Werk Züge einer Skulptur. Der von ineinander laufenden Blautönen komplett bedeckte Boden dagegen macht „Selfie“ zu einer Art überdimensionalem Bild, das Pfusch wie Perfektion in sich zu vereinen scheint: Vollendete Farbverläufe um die Stein-Dosen-Skulpturen herum, eidotterartig-zähe Farbklekse an den Skulpturfüßen selbst, als ob ein Graffiti-Volltrottel sich da an Spraydosen zu schaffen gemacht hätte.

Unabhängig von aller zwischen Straßen- und Laborkunst schwankenden modernen Ästhetik, das Werk wirft eine Frage auf, die auch angesichts altmeisterlicher, handwerklich unfassbar genial guter Kunst immer stellt: Wie wurde das nur gemacht? Bei alter Malerei ist dies etwa die Frage nach der perfekten Illusion von Hasenfell eines Jean Siméon Chardin.

Für „Selfie“ wurden schwere Muschelkalk-Steinplatten zurechtgesägt und so um die Spraydosen mit ihren fünf verschiedenen Blautönen drapiert, dass die Steinplatten über ihr Gewicht die Ventile der Spraydosen drücken.

Der gesamte Raum inklusive Decken und Wände war dabei mit PVC verkleidet, die Eingänge mit Folie abgedichtet. In Schutzanzügen und Atemschutzmasken wurde die ganze Installation zwei Nächte vor der Vernissage aktiviert, die zwei Auslöser verließen nach dem Start schnellstmöglich den Raum, um die Steine das Werk erledigen und den entstehenden Farbnebel in mehreren Stunden sacken zu lassen. Decken- und Wandverkleidung wurden am Ende wieder entfernt.

Sophie Innmann gehörte bis 2014 zur Meisterklasse der Karlsruher Kunstprofessorin Leni Hoffmann und trug die vermutlich aufwendigste Aktion zu dieser Schau bei, die etablierte Künstler wie Jacob Dahlgren mit seinem Mitmach-Dübelwandbild (Neoconcrete Ballett) oder die Karlsruher Kunstprofessorin Leni Hoffmann mit mehreren Zinnschüttungen, eine davon über eine halbe Galerietreppe (OCR), den Veteranen Roman Signer und eine junge, oft gerade erst der Akademie entsprungene Künstlergeneration vereint. Innmann war auch eine Art Initialzündung für diese zehnte Ausstellung unter Verantwortung von Madeleine Frey, die jetzt erst ein Jahr im Amt ist.

Denn wie die Galeriechefin zur Vernissage erklärt, war ihr Grundgedanke die Frage, was Sindelfingen bewege. Die Antwort lautete Sport. Und Sophie Innmann ist eine der Künstlerinnen, die als ehemalige Leichtathletin und Sportstudentin eine sportive Vergangenheit haben. Ein anderes prominentes Beispiel ist Toni Schmale, die in Sindelfingen ihre Laufbandskulptur „ach, ach, ach“ ausstellt und früher in der Frauen-Nationalmannschaft Fußball spielte. Sport und Kunst sind sich in Sindelfingen aus einem anderen Grund näher, als mancher wahrhaben will: Vernissagegast Christian Gangl, regelmäßiger Teilnehmer beim Sindelfinger Triathlon, leitet als Erster Bürgermeister das Dezernat II und steht in Personalunion damit sowohl über Kultur wie Sport.

Im Interview mit Sabine Duffner erklärt der Produktionsleiter und Standortverantwortliche für das Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen das finanzielle Engagement des Autobauers für die städtische Galerie. Angesichts der vielen Beschäftigten im Sindelfinger Werk habe man hier auch eine soziale Verantwortung, sagt Michael Bauer: „Die Galerie ist ein Bindeglied, wo wir was zurückgeben können.“ Befragt wird ebenfalls Kurt Reschucha, Stiftungsratspräsident der Helmut Fischer-Stiftung, die das von Madeleine Frey eingerichtete Format „Schaufenster Junge Kunst“ finanziert.

Die dort anlässlich von „Aktion & Malerei“ eingerichtete interaktive Musikinstallation von Vincent Wikström mit einer Boxbirne, die zum Schlagen gegen Feinstaub und mehr animiert, steht ebenfalls für die Arbeiten, hinter denen viel Aufwand steckt. Minimalist der Ausstellung ist Stefan Wäldele. Neben einem experimentellen, über zwei Stockwerke reichenden Malapparat-Modell, zusammengebastelt aus Vorgefundenem wie Bambusstangen und Kupferrohr, hat er im Foyer einen Wassereimer und zwei selbst gebastelte Pinsel mit Besenstielabmessung gestellt: Die Pinsel laden Besucher ein, den Galerieboden mit schnell wieder verdunstenden Wasserzeichen zu bemalen oder auf den Boden-Quadraten im Kringel-Kreuz-Spiel (Tic-Tac-Toe) gegeneinander anzutreten.

Neben vielen groß dimensionierten Arbeiten warten in der Ausstellung vor allem in den Nischen aber auch stille und unscheinbare Vertreter, wie die kleinen Zeichnungen aus einer Serie „Reality Exercises“ von Júlia Vécsei, die an Aktionsverhinderung der ungarischen Regierung zur Flüchtlingskrise 2015 erinnert. Nach viel Aktion endet die Ausstellung quasi unterm Dach des Oktogons mit seiner wechselvollen Tageslichteinstrahlung, das den blass-passtellartigen Farbtönen der monumentalen Arbeit „Wir sind Spione, die für alle arbeiten“ von Carolina Pérez-Pallares, die hier aus einer Verbindung von Gips und Pigmenten sieben Bilder auf die Wand angebracht hat, stets neue Farbnancen entlockt.

Info

„Aktion & Malerei“ läuft bis 4. März. Öffnungszeiten: Mo bis Fr 10-18 Uhr, Sa, So, Feiertage 10-17 Uhr.

Bernd Heiden arbeitet nicht nur als Musikkritiker für die SZ/BZ, sondern interessiert sich auch für zeitgenössische Kunst.

Die Installation „Selfie“ von Sophie Innmann. Bild: Heiden