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Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann · 13.03.2018

Abtasten und ausbuchstabieren

Sindelfingen: Vierte Ausgabe der Jazztage im Kulturpavillon startet mit unterschiedlichem Doppelpack

Die vierten Sindelfinger Jazztage der IG Kultur haben eine Reunion der besonderen Art ermöglicht. Rund 15 Jahre nach ihrer Auflösung kamen die damals viel im Raum Stuttgart spielenden „White Diamonds“ und der russische Jazzgitarrist Vladimir Bolschakov wieder zusammen. Die lange Sendepause war ihrem die Jazztage eröffnenden Auftritt bei aller Könnerschaft allerdings anzumerken.

Eingestimmt auf das Wiedersehen mit dem bei Bremen lebenden Bolschakov hatten sich die beiden Ex-„White Diamonds“ Branko Arnsek (Kontrabass) und Harry Hartmann (Alt- und Tenorsaxofon) tags zuvor im Heimstudio von Jazztage-Mitorganisator Pit Bäuerle. Am Schlagzeug saß statt Ur-Mitglied Jogi Nestel nun der Wahlstuttgarter Antoine Fillon, manchem Besucher eventuell auch bekannt als Mitglied der Band in der Harald-Schmidt-Show.

Rund zehn Stücke aus der Feder von Bolschakov, teils auch seine Handschrift tragende Arrangements von Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“, Miles Davis‘ Klassiker „So what“ oder das ebenso geschmeidig wie zupackende Jazzrockstück „Hot Lanta“ von den Allman Brothers, trug das Quartett im Pavillon vor, wobei der Fakt, dass Arnsek und Fillon immer wieder kleinere Soli zum Besten zu geben hatten, eher wie ein Akt der Verlegenheit wirkte, um dann den nächsten Schritt des gemeinsamen Zusammenspiels überdenken zu können.

Oft wirkte das Konzert daher mehr wie ein gegenseitiges Abtasten, wobei die Qualitäten jedes Einzelnen freilich nicht zu überhören waren. Vladimir Bolschakov zauberte aus seiner Jazzgitarre weiche, wie in Watte gepackte Töne, die in ihrer Stilistik von Klassik über russische Volksweise bis zu groovigem Funk reichten. Die wenigen Male, die Harry Hartmann sich mit auf die Bühne gesellte, gab sein energisch geblasenes Saxofon dem Sound zusätzlich Feuer und lebte ein Stück weit der musikalische Geist der musikalisch progressiven 1970er Jahre auf.

Das Marc Brenken Christian Kappe Quartett vertrat hingegen einen ganz anderen, mehr lyrisch-romantische Elemente hervorhebenden Jazz, deutlich verspielter und verträumter, im Zusammenspiel der vier Musiker bis ins Detail mit viel Einfallsreichtum ausbuchstabiert. „Wir wollen zeigen, dass nicht nur die Jazzszene in Baden-Württemberg tolle Jazzmusiker zu bieten hat, sondern auch andere Regionen wie Nordrhein-Westfalen“, kündigte Pit Bäuerle das in Köln kennengelernte Quartett an.

Dass Pianist Marc Brenken eine grün-rot karierte Schottenhose nebst dazu passender Kopfbedeckung trug, verlieh ihm äußerlich etwas Clowneskes, das sich dann aber auch in seiner mit Humor, Witz und Slapstick gespickten Spielweise spiegelte. Im Stück „Kommste mit Schaukeln“ etwa ließ er seine Finger zunächst wie auf einer Wippe von links nach rechts und wieder zurück wandern, Bass und Schlagzeug (Alex Morsey und Marcus Rieck) erzeugten dazu quietschende Geräusche, als müsse die Schaukel mal wieder geölt werden. Und gut geschmiert nahm das Stück nach diesem Intro dann auch Schwung auf.

„Love Theme for a Mafia Movie“ entpuppte sich als schicksalsschwere und verträumte Ballade, „Ohne Worte“ bot Morsey ein weiteres Mal Gelegenheit, seinem eigenwilligen Scatgesang, der sich mehr nach rhythmischer Phantasiesprache anhörte, zu lauschen. In die jeweilig eigene, kleine Geschichten erzählenden Stücke flocht Christian Kappe auf dem Flügelhorn dann immer wieder ruhige lyrische Töne ein. Auffällig aber war das dichte und sorgsam ausgelotete Zusammenspiel der vier Musiker.

Kontrabassist Branko Arnsek steht mit seinen ehemaligen Kollegen von der Gruppe „White Diamonds“ wieder einmal auf der Bühne seiner alten Heimatstadt. Bild: Stampe