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Kopf hoch und Grazie

Torjubel Italien

Der Post auf Facebook ist schon wieder verschwunden, aber er hat mich nachdenklich gemacht. Das Haus Sommerhof in Sindelfingen warb bis gestern Nacht mit einem Flyer fürs Public Viewing am Rand des Stadtwalds. Der erste Kommentar: "Finde den Fehler", garniert mit dem tränenlachenden Smiley. Denn im Text stand deutlich Europameisterschaft 2016. Inhaber Salvatore Branciforti und seine Familie durften sich eigentlich auf Hohn und Spott einstellen, denn Italien ist bekanntermaßen dieses Jahr nicht dabei. In der Anzeige einfach die Zeit zurück zu spulen, wirkt wie ein Schrei mitten aus dem azurblauen Herzen. Doch welch Überraschung: von Schadenfreude keine Spur. Das ist wunderbar.

Denn ganz ehrlich: Italien fehlt mir, kein anderer Fußball-Gigant hat so viele Emotionen in mir geweckt. Nicht einmal Argentinien. Ich blätter dafür einfach mal ein paar Kapitel private Fußball-Weltgeschichte nach hinten.

Ich war elf, als ich Weltmeister werden wollte. Das Turnier in Spanien war für Deutschland 1982 kein Ruhmesblatt, aber für einen Stepke legendär. Und nach dem Halbfinalkrimi gegen Frankreich hielt ich uns für unbesiegbar. Dann knipste Italien diesen Traum aus. Marco Tardellis Jubelschreie hörte ich fast bis ins oberbayerische Wohnzimmer auf dem Bauernhof, wo wir im Familienurlaub das 1:3 im Finale schauten. Paul Breitner gelang nur noch Ergebniskosmetik, ich heulte Rotz und Wasser.

1990 dann - für mich das Größte. Größer noch als diese wunderbare Fußball-WM in Mexiko, als manche Spiele zu spät kamen, weil am nächsten Tag doch Schule war und mich die halbstündige Zusammenfassung in Dauerschleife im Frühstücksfernsehen auf dem Laufenden hielt. Aber vier Jahre später, da schaute ich jeden Kick, da sangen die Toten Hosen Adriano Celentanos Azzurro, da fuhr ganz Deutschland über den Brenner, da wollte ich Italien verlieren sehen, weil ich vor dieser Mannschaft Angst hatte. Sie hatten Toto Schillaci, aber wir feierten die magische Nacht von Rom auf dem Böblinger Busbahnhof. 1994, da hasste ich diesen Minimalistenfußball, 2006 knipste Fabio Grosso den Sommer und das Sommermärchen aus. Italien: gefürchtet, geachtet, immer gefährlich.

Ich liebte es, gemeinsam Fußball zu schauen, oben auf dem Goldberg bei Familie Magalu. Wenn Tifosi wie die Scollo-Brüder aus Magstadt und Maichingen ihre Helden zum Teufel wünschten und dann immer wieder eines viel Besseren belehrt wurden, dann war das doch wunderbar. Doch dann wurde es tatsächlich catastrofale. Zu schwach für Schweden, wär hätte das gedacht? Ich saß sogar mit Pirlo-Trikot - was für ein Spieler! - vor der Glotze. Aus "Ohne Holland..." wurde "Ohne Holland und Italien...".  Acht lange Jahre muss Italien insgesamt warten, bis es wieder WM spielen darf. Mindestens. In Russland wäre die Hälfte jetzt geschafft. Es sei denn, es kommt noch schlimmer als das Warten auf Katar. Gut, Deutschland hat jetzt einen starken Gegner weniger, aber ich hätte die Squadra Azzurra saumäßig gerne dabei.

Zum Italiener gehe ich dieses Jahr auf jeden Fall wieder. Hoch auf den Goldberg, und auch ins Haus Sommerhof. Dort habe ich die Eröffnung 2014 Brasilien gegen Kroatien gesehen. Bei lecker Essen gab es ein 3:1, Neymar war brutal gut, die Sommernacht lau. Danach hat sich Deutschland den vierten Stern geholt.

Zum Trost für die wunderbaren Gastgeber Salvatore Branciforti und Salvatore Magalu und all meine anderen italienischen Freunde habe ich vom WM-Endspiel 1982 - ja, hab ich wirklich auf DVD - Tardellis Torjubel abfotografiert. Ihr wisst jetzt, wie mir das damals  weh getan hat. Aber jetzt geht der Blick nach vorne. Ich bin gespannt, welche Geschichten diese WM bringt. Zur Eröffnung geh ich auf den Wettbachplatz.