Kultur Lokal vom 05.08.2016

Sindelfingen: Emma Moore und Marie Seidler beim Zwerg-Festival

Zwei mit einem Atem

  • Zwei mit einem Atem

mutsein und Elegie beheimateten Lieder wie mit einem Atem singen bei nahezu identischer Phrasierung. Dabei pflegen sie eine beweglich-lebhafte Melodielinie, die auch Mendelssohns Dynamik weit auslegt.

Mit Brahms recht simpel gestricktem Duett „Die Meere“ (op. 20,3) gibt’s eine zusätzliche Exzellenzprobe mit melodischen Bögen, die nicht alle einfach aushauchend ins Land der Sehnsucht verschwinden. Nein, das Duo schiebt in den entscheidenden Abgang wie einen letzten Aufschub, ein letztes Zögern noch winzige, fein gestufte Terrassen ein.

Als Kontrast fahren sie mit Brahms’ „Walpurgisnacht“ ein verflixt verhextes Mutter-Tochter-Stück auf: Das am 1. Mai ängstlich und arglos nach Hexen, Walpurgisnacht und verschwundenem Besen fragende Moore-Kind wird am Ende von seiner in höchste Erregung sich schraubende Seidler-Mutter belehrt, dass Mutti vergangene Nacht am Blocksberg war.

Drei Duette Max Regers (aus op. 14) muten regertypisch dem Hörer schon mehr zu: Kontrapunktische Muster bringen oft verschiedenen Text zur gleichen Zeit, belegen aber auch den langen Atem, den die Sängerinnen mobilisieren können. Kommen bis dahin trotz ausgeprägter Modellierungsfreude alle Duette wie selbstverständlich daher, so auch die abschließenden Duette Atonin Dvoraks über mährische Volksliedtexte, gewürzt mit viel folkloristischer Melodienseligkeit und Volkstanztemperament. Bei allem aufflammendem Überschwang, es bleibt Kunst, zu souverän spielt das Duo mit seinem glänzenden Pianisten Marcelo Amara die Gestaltungsklaviatur.

So sehr sich ihre Balsamstimmen auch verbünden, im Solovortrag mit Wolf-Liedern werden Unterschiede deutlich: Seidler entfaltet mimisch in den schalkhaften Wolf-Liedern große Zusatzwirkung bei mehr Textverständlichkeit. Moore, mit intensiverem Vibrato, hat dafür eine Portion mehr Reichweite – für größer ausgelegte Spannungskonstruktionen war das von jeher gut.


Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden