Kultur Lokal vom 05.11.2016

Waldenbuch: Das Museum Ritter präsentiert mit „Raumwunder“ sieben Gegenwartskünstler / Wiedersehen mit Beat Zoderers „Plattenbau“

Spiele mit Spiegeln und Licht

  • Spiele mit Spiegeln und Licht

Bauklötzchen staunen in der neuen Ausstellung im Waldenbucher Museum Ritter. Nicht nur, weil der Schweizer Beat Zoderer selbige mit bunt verschachtelten Holzabfällen zu einem vogelperspektivischen Blick auf eine Plattenbausiedlung verarbeitet hat. Vor allem aber deshalb, wie abwechslungsreich die „Raumwunder“ von sieben Gegenwartskünstlern ausfallen.

Die Frage nach dem Raum zielte in der Kunst der Neuzeit vor allem auf die pers-pektivische Darstellung von Räumlichem ab. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben neue Kunstformen wie Installationen, Konzept- und Lichtkunst neue Horizonte eröffnet und über das gestalterische und konstruktive Moment hinaus um gesellschaftliche, virtuelle und interaktive Aspekte erweitert. Im Museum Ritter geht dies nun so weit, dass Besucher förmlich hineingehen können in Kunstwerke.

Dazu heißt es im Fall des Rasterraums der in Leinfelden-Echterdingen aufgewachsenen und heute in Berlin lebenden Annett Zinsmeister, Jahrgang 1967, zunächst einmal Filzpantoffeln angezogen. Zinsmeister bespielt einen Raum im Obergeschoss des Museums, dem sie vorhandene architektonische Merkmale gewissermaßen „hineingestülpt“ hat. Bei einer Besichtigung des Waldenbucher Museums im Sommer fiel ihr sofort die quadratisch gerasterte Lichtdecke auf. Das Muster übertrug sie in den dreidimensionalen Raum, der im schimmernden Latex-Weiß mit seinem empfindlichen glänzend weißen Laminat nun selbst zum Kunstwerk geworden ist.

Sich verschlucken lassen kann, wer vor Zinsmeisters Rasterraum in ein begehbares Gemälde von Jakob Dahlgren, Jahrgang 1970, verschwindet. Inspiriert von der Farbfeldmalerei hat der Schwede auf einer von der Decke abgehängten quadratischen Metallkonstruktion bunte Bänder aus Seidensatin verknotet. Sie hängen nun in langen Streifen nach unten und machen die „Wonderful World of Abstraction“ zum Kubus. Reinzugehen, das ist wie das Durchstreifen, besser Durchtauchen eines Schilfwaldes oder Maisfeldes. Auch interessant: Dahlgren sammelt seit seinem 16. Lebensjahr gestreifte T-Shirts und steht täglich für ein Foto in ihnen stramm.

Als Sympathisant der Hausbesetzerszene interessiert sich der Ungar Tamás Kaszás, Jahrgang 1970, für gesellschaftspolitische Handlungsräume, fragt nach den Bedürfnissen von Bewohnern und den Gestaltungsmöglichkeiten autonomer Räume. „Das Thema Behausung spielt ja gerade im Zeitalter großer Fluchtbewegungen eine wichtige Rolle“, merkt Marlis Hoppe-Ritter an. Kaszás denkt in einer Installation die Stadt als Gerüst mit Plattformen für Zelte und Bretterverschläge. Für Vögel hat er Nistkästen nach Bauhausprinzipien entworfen. Eines dieser Häuschen hängt draußen in einer im Museumspark stehenden Buche.

Irre komplex wirken die aus Baumwollfäden entstandenen Strukturgebilde des aus Mühlacker stammenden Bildhauers Manuel Knapp, mit Jahrgang 1984 der Jüngste im Septett der „Raumwunder“-Künstler. Was ihn antreibt, ist die „Freude an der Symmetrie und an mathematischen Prinzipien“. Seine Werke erinnern teilweise an die grafischen „Op-Art“-Bilder von Victor Vasarely. Mit dem Unterschied, dass Knapp seine netzartigen Strukturen nicht zeichnet, sondern wie bei Nagelbildern mit Fäden kons-truiert. Im Schimmer von Schwarzlicht entfalten diese perspektivischen Fadenzeichnungen eine in die Tiefe gehende räumliche Wirkung.

So filigran und leicht die Zutaten bei Knapp, so schwer und doch elegant sind sie bei Annette Sauermann, Jahrgang 1957. Die Aachener Bildhauerin kombiniert Gussbeton und farbiges, fluoreszierendes


Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann